Das Treffen verlief nach Plan. Die Bauern verneigten sich respektvoll vor ihrem Lord und vor Kit, sagten genau die richtigen Dinge und unterbreiteten dem Todtsteltzer einige gemäßig-te Vorschläge. David gab vor, ein paar Minuten darüber nachzudenken, und willigte schließlich ein. Die lokale Demokratie auf Virimonde blühte und gedieh; der Steward schäumte insgeheim vor Wut, und soweit es David betraf, war die Welt in Ordnung. Es gefiel ihm, seine Bauern glücklich und den Steward wütend zu sehen. David war eben im Grunde genommen ein Mann, der sich an kleinen Dingen erfreute.
Die Bauern verbeugten sich erneut und verließen die Festung fröhlich und zufrieden. Endlich konnte David wieder seine Mahlzeit ins Auge fassen. Und genau in diesem Augenblick präsentierte ihm der Steward seine kleine Überraschung.
»Was soll das heißen, noch mehr geschäftliche Dinge?« brauste David auf. »Ich habe alles unterschrieben, was sich nicht bewegt, und ich habe mit jedem gesprochen, der sprechen kann! Was auch immer sonst noch zu tun ist, es kann warten, bis ich gegessen, verdaut und ein kleines Nickerchen gemacht habe!«
»Ich fürchte leider nicht, Mylord«, widersprach der Steward ungerührt. »Wir haben eine Nachricht von der Imperatorin persönlich erhalten. Es geht um Löwensteins Pläne für die Zukunft von Virimonde. Pläne, die, wie ich bedauerlicherweise feststellen muß, Eure Zugeständnisse gegenüber den Bauern sowohl überflüssig, als auch bedeutungslos machen.«
David blickte den Steward überrascht an. Das war das erste Mal, daß der Lord von Virimonde etwas über Pläne für Virimondes Zukunft gehört hatte – ganz besonders von Seiten der Imperatorin. David hätte nicht geglaubt, daß die Löwenstein überhaupt wußte, wo Virimonde lag. Außerdem – als Lord des Planeten und seiner Bewohner hätte man ihn kontaktieren müssen, lange bevor irgendwelche Pläne geschmiedet wurden. In der Stimme des Stewards war ein Unterton zu hören gewesen, den David überhaupt nicht mochte: Selbstgefälligkeit und Wissen. David musterte den Steward mißtrauisch und sank in seinen Sessel zurück. Wenn es um etwas ging, von dem der Steward dachte, daß David es nicht gutheißen würde, dann wollte er es gefälligst auf der Stelle wissen.
»Also schön. Legt es auf den großen Schirm. Wir wollen sehen, was die Eiserne Hexe uns zu sagen hat.«
Der Steward nickte feierlich und trat an die Kontrollen. Der Bildschirm wurde hell, und der Alptraum nahm seinen Anfang.
Die Löwenstein sprach den Kommentar im Hintergrund; doch die Bilder waren auch so unschwer zu deuten. Virimonde sollte zu einer vollständig automatisierten Welt umgebaut werden.
Eine einzige riesige Fabrik, die sich von Pol zu Pol erstreckte.
Die Städte und Dörfer, die riesigen Felder und Wälder – all das würde unter meilenlangen Ställen verschwinden. Das Vieh würde in Pferche eingesperrt werden, die zu Hunderten übereinander gestapelt waren. Es würde in den Klonstationen geboren werden, ein kurzes, künstlich gemästetes Leben fristen und es bald darauf in den benachbarten Schlachthöfen aushauchen, ohne jemals die Sonne gesehen zu haben. Durch Schläuche ernährt , lobotomisiert , damit es Ruhe hielt , und von Maschinen geschlachtet. Landwirtschaft und Landschaft waren nicht mehr nötig. Keine Bauernhöfe, keine Bauern. Alles würde von Lektronen gesteuert werden. Man würde die Bauern zusammen-treiben und zu anderen Welten deportieren, wo sie in Fabriken nützlichere Arbeit verrichten würden. Die geplante Fleischpro-duktion würde schon im ersten Jahr um das Tausendfache steigen, und der Umbau würde sich in weniger als zehn Jahren amortisiert haben.
Und so lautete Löwensteins Plan für die friedliche grüne Welt Virimonde. Es war eine Zukunft, in der es keinen Platz mehr gab für Menschen und die Arbeit ihrer Hände. Die letzte Szene auf dem großen Bildschirm war eine Lektronensimulation dessen, wie die neue Welt Virimonde aussehen würde: eine Landschaft voller endloser Ställe und Fabriken, mit dichtem schwarzem Rauch, der aus den Verbrennungsöfen der Schlachthöfe aufstieg, wo Knochen und Hufe und andere nicht verwertbare Dinge gekocht und geschmolzen wurden, um daraus Leim herzustellen. Nichts würde in der vollautomatisierten Welt verschwendet werden.
Der Schirm wurde dunkel, und die Nachricht war zu Ende.
Der Steward hüstelte höflich, um David daran zu erinnern, daß er noch immer zugegen war.
»Irgendwelche Fragen, Mylord?«
»Hat sie ihr bißchen Verstand jetzt ganz verloren?« brauste David auf. »Glaubt sie wirklich, ich ließe da s da mit mir machen? Sie kann doch nicht einfach so eine ganze Welt mitsamt ihrer Kultur zerstören! Die Menschen hier haben eine Tradition, die Jahrhunderte zurückreicht!«
»Sie sind nur einfache Bauern, Mylord«, erwiderte der Steward gelassen. »Ihre einzige Pflicht und ihr Sinn besteht darin zu arbeiten und zu dienen, ganz gleich wo, und dem Befehl der Imperatorin zu gehorchen. Die neue Methode der Viehzucht wird viel effizienter sein. Ich habe hier die voraussichtlichen Zahlen für die nächsten zehn Jahre, falls Ihr einen Blick darauf werfen möchtet.«
»Stopft Euch die Zahlen sonstwo hin! Dieser ganze Plan ist falsch! Das hier ist eine von Menschen besiedelte Welt und keine Niederlassung von Shub!«
»Ihr solltet stolz sein, Mylord! Virimonde wird der erste derartige Planet. Die Prototypwelt. Sobald sich der Wert der Methode hier bestätigt hat, werden sämtliche anderen Agrarwelten auf die gleiche Weise umgewandelt. Euer Reichtum wird sich vervielfachen!«
»Wen kümmert das schon?« knurrte David und brachte sein Gesicht ganz dicht vor das des Stewards. »Wer will schon über eine stinkende Fabrikwelt herrschen? Nein, diese Obszönität wird auf gar keinen Fall stattfinden. Nicht, solange ich der Lord von Virimonde bin!«
»Was kannst du schon dagegen unternehmen?« fragte Kit.
»Ich meine, sie ist die Imperatorin! Sie trifft die Entscheidungen. Streite mit ihr, und sie erklärt dich zum Verräter, genau wie sie es mit Owen getan hat.«
»Sie würde niemals einen ganzen Planeten zerstören«, sagte David. »Oder doch?«
»Ganz bestimmt sogar«, erwiderte Kit. »Es ist noch gar nicht so lange her, daß sie die Welt Tannim für abtrünnig erklärt hat und den ganzen Planeten sengen ließ. Oder hast du das vergessen?«
David runzelte die Stirn. Er erinnerte sich nur allzu gut. Milliarden von Menschen hatten sterben müssen. Eine ganze Zivilisation war in Flammen aufgegangen , weil die Imperatorin es befohlen hatte. »Dabei ging es um Politik«, sagte er. »Das hier ist etwas ganz anderes.«
Kit zuckte die Schultern. »Ob du es glaubst oder nicht: Das ist Ansichtssache.«
»Ja«, gestand David. »Ich weiß, warum sie das tut. Warum sie ausgerechnet mit meiner Welt anfangen will. Es kommt daher, daß ich ein Todtsteltzer bin, und weil Owen einen so großen Sieg auf der Nebelwelt errungen hat. Sie kann ihm nichts anhaben, also läßt sie ihre Wut an mir aus, diese kindi-sche Kuh. Nein, Kit! Ich werde ihr das auf gar keinen Fall durchgehen lassen!«
»Und was, bitteschön, willst du dagegen unternehmen?« fragte Kit ernst.
»Ich fürchte, nichts, Mylord«, mischte sich der Steward ein.
Seine Stimme klang respektvoll wie immer; doch David war sicher, in den Augen des Mannes eine heimliche Befriedigung zu erkennen. »Die Imperatorin hatte noch nie viel Zeit für Sen-timentalitäten gehabt, und ich bezweifle, daß Ihr sie mit Eurem Protest umstimmen könnt. Soweit ich es verstanden habe, ist die Umwandlung der Agrarwelten Teil der Bemühungen, im Laufe des geplanten Krieges gegen die Fremdwesen einen ununterbrochen Strom von Nahrung für das Imperium sicherzustellen. Deswegen handelt es sich um eine Frage der Sicherheit, und aus diesem Grund steht sie auch nicht zur Debatte. Durch niemanden.«
»Ihr wußtet von ihrem Plan?« brauste David auf. Er packte den Steward mit beiden Händen am Kragen und schleuderte ihn gegen die Wand. »Sie hätte ihren Plan unmöglich so weit ausarbeiten können, ohne vorher mit Euch darüber zu reden!