Jeder im Raum wußte, daß Schwejksam ein gefährlicher Mann war; aber jetzt wußten sie auch warum. Der Mann strahlte eine gelassene Selbstsicherheit und eine unbeirrbare Direktheit aus.
Johan Schwejksam wußte, wohin er ging, und nur ein Dummkopf hätte sich ihm dabei in den Weg gestellt.
Investigator Frost war Ende Zwanzig. Sie war groß und geschmeidig muskulös wie alle Investigatoren. Sie war von Kindesbeinen an ausgebildet und trainiert worden, Fremdwesen zu studieren und zu töten – und auch alles andere, was eine Bedrohung für das Imperium darstellen konnte. Selbst jetzt noch, da sie still und entspannt an der Seite ihres Kapitäns stand, erweckte sie den Eindruck, als könnte sie jederzeit jemanden umbringen, und wahrscheinlich sogar mit bloßen Händen. Kalte blaue Augen leuchteten in einem blassen, kontrollierten Gesicht, das von kastanienblondem, kurzgeschnittenem Haar ein-gerahmt wurde. Frost war keine ausgesprochene Schönheit; doch sie wurde von einer definitiv einschüchternden Aura umgeben, die gleichzeitig attraktiv und unheimlich wirkte. Sie hatte die Hände wie stets in der Nähe der Waffen und stand an Johan Schwejksams Seite, als würde sie genau dorthin gehören und als wäre das schon immer so gewesen.
Neben diesen beiden gottgleichen Wesen mußte ein einfacher Sicherheitsoffizier wie K. Stelmach wie eine Ernüchterung wirken, und genau das war er auch. Ein stiller, nichtssagender Mann, der mehr nach einem anonymen zivilen Diener aussah als nach einem Offizier der Imperialen Flotte. Heutzutage war das eben so, wenn man als Sicherheitsoffizier arbeitete – selbst auf der ganz und gar erstaunlichen Unerschrocken. Stelmach stand offensichtlich nervös ein wenig hinter Schwejksam und Frost, und seine Augen hetzten von einem zum andern, als erwarte er, jeden Augenblick, weggeschickt zu werden. Und doch hatte dieser kleine, wenig beeindruckende Mann bei der Entwicklung jener Technologie mitgeholfen, mit deren Hilfe die Imperatorin die tödlichen Fremdwesen kontrollierte, die unter dem Namen Grendel bekannt geworden waren. Und zusammen mit Frost und Schwejksam hatte er Missionen überlebt, die viele geringere Männer sicher getötet hätten . Also mußte mehr an dem Burschen sein, als es den Anschein hatte.
Beckett nahm sich im stillen vor, die Akte des Mannes genauer durchzugehen, und wenn auch nur, um herauszufinden, wofür das K. in seinem Namen stand.
Der General bedeutete den drei letzten Besuchern, auf den verbleibenden freien Sesseln Platz zu nehmen, und sie kamen der Aufforderung nach. Schwejksam und Frost schienen vollkommen entspannt; doch Beckett bemerkte, daß ihre Hände noch immer wie beiläufig in der Nähe der Waffen schwebten.
Stelmach saß ganz vorn auf der Kante seines Sessels und hatte die Hände fest ineinander verschränkt, damit niemand ihr Zittern bemerken konnte . Beckett räusperte sich, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken, und bedauerte es im gleichen Augenblick wieder. In dieser Art von Gesellschaft konnte ein solches Räuspern nur schwach und unsicher klingen.
»Nun, da wir endlich alle beisammen sind, können wurmt der abschließenden Besprechung beginnen. Ihr alle habt auf dem Weg nach Virimonde ausreichend Gelegenheit gehabt, die allgemeinen Befehle und Ziele dieser Operation zu lesen; doch erst jetzt werde ich den großen Gesamtplan enthüllen. Virimonde soll wieder dem direkten Befehl des Imperiums unter-stellt werden, und zwar unter Einsatz aller dazu erforderlichen Mittel. Die einheimische Bevölkerung praktiziert verbotene Formen der Demokratie, lebt nach eigenen Regeln und widersetzt sich allgemeinen Imperialen Edikten. Nach dem zu urteilen, was uns der Steward der Todtsteltzer-Festung mitgeteilt hat, erweist sich der Lord von Virimonde, David Todtsteltzer, als ein schwacher und unfähiger Führer, der seine Pflichten und Geschäfte vernachlässigt und nicht nur darin versagt hat, diesen Verrat niederzuschlagen, sondern ihn sogar noch ermutigt.
Damit hat er sich selbst zum Verräter gemacht, und die Imperatorin hat ihm seine Lordschaft aberkannt. Er ist zu verhaften und zusammen mit seinem Gefährten, dem Lord Kit Sommer-Eiland, zurück nach Golgatha zu schaffen , wo man die beiden vor Gericht stellen wird.
Wir rechnen mit Widerstand. Der Todtsteltzer und der Sommer-Eiland sind beide berühmte Kämpfer, und wir haben darüber hinaus Grund zu der Annahme, daß die Einwohnerschaft Virimondes gründlich mit Agenten der Rebellen infiltriert ist.
Deswegen ist die gesamte Bevölkerung Virimondes zu befrieden und unter direkte Imperiale Kontrolle zu stellen, mit allen dazu erforderlichen Mitteln. Niemand weiß, wie gut vorbereitet und wie gut bewaffnet die Bauern sind, und daher müssen wir unter der Annahme des schlimmsten Falls agieren. Wir gehen keinerlei Risiko ein und gewähren kein Pardon. Dies ist eine Strafexpedition. Wir statuieren hier ein Exempel. Eine hohe Zahl von Verlusten bei der Bevölkerung ist zu erwarten.
Lord Wolf hat den Befehl über die Imperialen Kriegsmaschinen. Er wird von Professor Wax von der Universität Golgatha unterstützt. Der Professor kann leider nicht bei uns sein – wie es scheint, bekommt ihm das Reisen nicht. Wir können nur hoffen, daß sich sein Zustand bessert, wenn er erst wieder festen Boden unter den Füßen hat.
Die Bodentruppen stehen unter dem Befehl des Hohen Lords Dram. Eine volle Armee von Marineinfanteristen und Söldnern wird die Bevölkerungszentren ausschalten und für die Beset-zung durch andere Truppen vorbereiten. Kapitän Schwejksam, Investigator Frost und Sicherheitsoffizier Stelmach – Ihr drei seid persönlich verantwortlich für die Gefangennahme von David Todtsteltzer und Kit Sommer-Eiland. Bringt sie lebend an Bord, falls irgend möglich. Ihre durchlauchtigste Majestät hat sich in den Kopf gesetzt, die beiden vor Gericht zu stellen.
Ich werde alle drei Operationen beaufsichtigen und koordinieren. Lord Wolf, Ihr werdet Euch auf die städtischen Gebiete konzentrieren. Lord Dram, Ihr werdet Euch um die weiter ver-streuten ländlichen Gemeinden kümmern. Wir wollen versuchen, uns nicht gegenseitig in die Quere zu kommen, ja? Ich will, daß diese Operation den Vorschriften gemäß ausgeführt wird, ruhig und effizient und mit einem Minimum an Blutvergießen. Dies ist zwar eine Strafexpedition, aber wir wollen nicht vergessen, daß tote Bauern nicht mehr arbeiten können.
Und jetzt, meine Herren, wollen wir über die Logistik der Operation sprechen.«
Das Treffen zog sich noch eine Weile hin. Einzelheiten wurden besprochen, Probleme aufgeworfen und neue Lösungen erarbeitet. Valentin Wolf überraschte alle mit seinem messerscharfen Verstand, während der Hohe Lord Dram ungewöhnlich zurückhaltend war. Schwejksam und Frost sahen die jüngsten Berichte über den Todtsteltzer und den Sommer-Eiland und ihre letzten bekannten Stammlokale und Lieblingsplätze durch. Stelmach schwieg in einem fort und beschränkte sich darauf, an den wesentlichen Stellen zu nicken.
Virimonde war eine der wichtigsten Nahrung produzierenden Welten des Imperiums und daher zu schade, um einfach aus dem Orbit herausgesengt zu werden. Trotzdem konnte man die Bewohner bestrafen. Die Bauern mußten wissen, wo ihr Platz in der Gesellschaft war – und was mit jenen geschah, die sich darüber zu erheben versuchten.
Der Joker der ganzen Operation war Valentin Wolf mit seinen Kriegsmaschinen. Es war das erste Mal, daß sie in einer so groß angelegten Operation zum Einsatz kamen. Die Imperatorin war schon immer von den Möglichkeiten von Kriegsmaschinen beeindruckt gewesen, und bei Manövern hatten sie sich auch stets bewährt; doch bisher waren nur wenige im Feuer richtiger Schlachten getestet worden. Virimonde würde das ändern. Virimondes Zukunft und sein Platz im Imperium hingen vom Erfolg der Kriegsmaschinen ab, und Valentins Zukunft bei Hofe und im Imperium ebenfalls.
Schließlich hatten sie sich über den letzten Kompromiß geei-nigt und den letzten Knick ausgebügelt, und heraus kam ein Schlachtplan, mit dem alle leben konnten. Beckett richtete eine aufmunternde Rede an die anderen, die so knapp war, wie man sich nur denken konnte; dann wünschte er mit lauter Stimme Gott segne die Imperatorin, und die Versammlung löste sich auf.