Nichts ist geblieben, bis auf eine letzte Geste des Trotzes .«
»Was habt Ihr vor?« wiederholte Tobias seine Frage. »Was könnt Ihr schon ausrichten?«
»Aufrecht sterben«, antwortete Stevie Eins, und Stevie Drei nickte.
»Manchmal ist das eben alles, was geht.«
»Nein!« widersprach Tobias mit einer Stimme, die von unvertrauten Emotionen rauh war. »Es muß einen anderen Weg geben. Es gibt immer einen anderen Weg.«
»Diesmal nicht«, sagte Stevie Drei beinahe freundlich.
»Nicht immer, und diesmal nicht. Jede Straße hört irgendwann einmal auf. Macht Eure Kamera bereit. Wir gehen nach draußen.«
Sie half ihrer Schwester zur Tür, entriegelte vorsichtig die Schlösser und schob die Bolzen einen nach dem anderen zu-rück. Flynns Kamera schwebte von seiner Schulter nach oben, um einen besseren Blickwinkel zu finden. Stevie Drei stieß die Tür weit auf, und sie krachte gegen die Wand. Die Esper-Klone standen einen Augenblick lang im Eingang und sahen auf die Männer und Maschinen, die tief gestaffelt vor ihnen in Stellung gegangen waren. Von irgendwo tief in ihrem Innern beschwor Stevie Eins die Kraft herauf, allein zu stehen. Stevie Drei warf einen Blick über die Schulter zu Tobias und Flynn und entblößte die Zähne zu einem Grinsen .
»Wir sehen uns in der Hölle, Jungs .«
Sie drehte sich wieder um und starrte auf die Soldaten, und dann gingen die beiden Stevies in Flammen auf. Grelles blaues Feuer loderte ringsum, wurde heller und verzehrte die Stevies, als sie all ihre verbliebene Kraft zusammennahmen zu einem letzten verzweifelten Akt des Widerstands. Sie rannten vor, ihren Kriegsruf auf den Lippen, und Feuer entsprang ihren drei ausgestreckten Händen und setzte Männer und Maschinen gleichermaßen in Brand. Die Imperialen Streitkräfte eröffneten das Feuer. Disruptorstrahlen durchbohrten die beiden Stevies immer und immer wieder und schüttelten sie, wie ein Hund eine Ratte schüttelt. Sie fielen übereinander, und ihre Flammen erloschen. Und dann gab es keine Stevie Blues mehr, nirgendwo im Imperium. Flynn bannte alles auf Film . Tobias wußte nicht, was er sagen sollte.
Ein Sergeant der Marineinfanteristen trat vor und tippte gelassen mit dem Fuß an die beiden Stevies, um sicherzugehen, daß sie tot waren. Er nickte zufrieden und ging dann ohne Eile zur Tür, wo er stehenblieb und Tobias und Flynn musterte.
Tobias erwartete seinen Tod. Er wußte nicht, wohin er fliehen sollte, und er hätte auch nicht gewußt, was er mit einer Waffe in der Hand anfangen sollte, selbst wenn er eine besessen hätte.
Er fühlte sich eigenartig unbeteiligt, als wäre es falsch, daß er noch immer am Leben war und alle anderen ringsum tot. Er starrte den Sergeant herausfordernd an und hoffte nur, daß Flynn bis zum letzten Augenblick filmte.
»Ihr seid ein rechter Glückspilz, Shreck«, sagte der Sergeant.
»Scheint, die Imperatorin ist ein Fan von Euch. Sie hat all Eure Berichte mit größtem Interesse verfolgt. Stellt Euch vor, wie überrascht und erfreut sie war, als die Elegance mit einemmal Euer Signal auffing! Ihr kommt mit uns. Zusammen mit Eurem Kameramann seid Ihr jetzt offiziell Imperiale Berichterstatter, und die Imperatorin wünscht, daß Ihr den Fall der Todtsteltzer-Festung dokumentiert. Und nein, Euch bleibt keine Wahl. Also Beeilung, meine Herren, sonst kommt Ihr noch zu spät.«
Er riß Tobias vom Boden hoch und klopfte grob den Staub aus seinen Kleidern. Flynn stand ohne fremde Hilfe auf. Der Sergeant starrte den Kameramann an und zuckte zusammen.
»Wir suchen besser einen Umhang für Euch. Selbst Reporter sollten einen gewissen Standard einhalten. Kommt jetzt, Burschen. Die Imperatorin will, daß das gesamte Reich sieht, was mit Menschen geschieht, die es wagen, ihrer weisen und gerechten Herrschaft zu trotzen. Macht Eure Arbeit gut, und vielleicht werdet Ihr dann hinterher nicht exekutiert, weil Ihr Euch mit dem Feind verbündet habt. Und jetzt: Bewegung!«
Tobias und Flynn stapften auf unsicheren Beinen aus dem Raum voller toter Rebellen und direkt in die Arme des wartenden Imperiums.
David Todtsteltzer saß in der altehrwürdigen Festung seines Clans auf der Bettkante und beobachtete auf dem Holoschirm, wie sein Planet starb. Er zappte durch sämtliche Kanäle; doch der Anblick war überall der gleiche: seine Leute, kämpfend und sterbend. Imperiale Bodentruppen, Kampfandroiden oder Kriegsmaschinen, und immer wieder seine sterbenden Leute.
Dörfer und Städte brannten, und das Land war voll mit Flüchtlingen, die von den Imperialen zusammengetrieben wurden.
Später würde jeder zehnte Überlebende exekutiert werden. Als Exempel. Die Löwenstein war sehr gründlich, was die Einhal-tung derartiger Traditionen anging.
David schaltete den Schirm ab, und plötzlich war es im Schlafzimmer totenstill. Er schlang die Arme um den Leib, so fest er konnte. Der Schmerz kam und ging, und David wußte nicht, ob das ein gutes Zeichen war oder ein schlechtes. Wenn die Schmerzen stark waren, konnte er nichts anderes tun, als regungslos dazusitzen und die Zähne zusammenzubeißen, um nicht laut aufschreien, und zu warten, daß der Schmerz verging, damit er wieder klar denken konnte. Ihm war abwechselnd heiß und kalt, und Schweiß tropfte von seiner Stirn. In Gedanken suchte er verzweifelt nach irgend etwas, was die Situation noch retten konnte. Sein Angebot zur Kapitulation war abgelehnt worden, und er konnte keine Nachricht nach draußen schicken, um die Hilfe des Untergrunds herbeizurufen.
Unten kämpften die wenigen Leute aus der Besatzung der Festung, die ihm noch treu ergeben waren, gegen die anrückenden Imperialen Streitkräfte und ihren Versuch, die Festung zu überrennen. Sie würden sich nicht mehr lange halten können.
Kit Sommer-Eiland stürmte durch die offene Tür, und David sah die Neuigkeiten bereits in seinem Gesicht.
»Kapitän Schwejksam und Investigator Frost führen einen Angriff auf das Hauptportal durch«, sagte er. »Unsere Leute können ihn unmöglich abwehren.«
David nickte langsam. »Das Portal war nie dazu geschaffen , einen derartigen Ansturm aufzuhalten.« Er bemühte sich , und Kit eilte herbei und half ihm dabei. David klammerte sich an seinen Freund. Seine Beine fühlten sich an, als müßten sie jeden Augenblick unter ihm nachgeben; doch er kämpfte gegen das Gefühl an. Er zwang sich dazu, aufrecht zu stehen, und grinste den Sommer-Eiland an.
»Das war’s, Kit. Sobald die Festung gefallen ist, hat die Rebellion auf dieser Welt aufgehört zu existieren. Ich glaube, jetzt endlich begreife ich, was es heißt, ein Todtsteltzer zu sein. Man kämpft auf der guten Seite, setzt alles ein, was man hat, selbst wenn man weiß, daß man nicht gewinnen kann.« Er deutete auf das Holoporträt des ursprünglichen Todtsteltzers, das über dem Fußende seines Betts an der Wand hing. »Sieh ihn dir nur an.
Wie irgendein böser alter Söldner und Barbar sieht er aus, mit seinem Zopf und der Lederkleidung. Giles, mein Vorfahr. Ich frage mich, was er wohl von mir halten mag? Wir hatten nie Gelegenheit zum Reden. Und dann ist da noch Owen. Ich glaube, ich verstehe ihn jetzt ein wenig besser. Er hat versucht, mich zu warnen, aber ich wollte nicht auf ihn hören. Er sagte, ich würde Virimonde niemals halten können, und er hatte recht. Die Imperatorin gibt, und die Imperatorin nimmt. Ganz nach Lust und Laune. Gott verdamme die Imperatorin!«
»Du hast Fieber«, sagte Kit. »Setz dich lieber wieder hin.«
»Nein. Wenn ich mich hinsetze, finde ich nie wieder die Kraft, um aufzustehen . Ich glaube, es wird Zeit, daß wir verschwinden.«
Kit sah ihn an. »Die Festung ist eingeschlossen, David. Sie haben alle Fluchtwege versperrt.«
»Einen gibt es noch, den sie nicht kennen .« David schlurfte zu dem Holoporträt und betätigte einen verborgenen Schalter.