Die große, imposante Erscheinung Drams sah in ihrer ge-wohnten schwarzen Robe über der schwarzen Kampfrüstung aus wie eine Aaskrähe, die gerade vom Schlachtfeld zurückgekehrt war . Dram trug sowohl Disruptor als auch Schwert, und das in der Gegenwart der Imperatorin. Er war einer der ganz wenigen, denen das gestattet war. Beckett bildete einen krassen Gegensatz dazu. Er trug einen zerknitterten Umhang, und seine taillierte Kampfrüstung konnte die Tatsache nicht verbergen, daß er an gewaltigem Übergewicht litt. Beckett hielt sich mit bemerkenswerter Gelassenheit und geringer Autorität. Er rauchte eine stinkende Zigarre, und es war ihm egal, in welche Richtung der Rauch zog.
Rings um die beiden erstreckte sich die Hölle, die Löwenstein diesmal aus ihrem Hof gemacht hatte. Das Licht schimmerte blutrot, und in der Luft hing der Gestank von Schwefel.
Große Klappen im Boden des Raums standen weit offen, und aus ihnen eruptierten unregelmäßig plötzliche Flammenstöße und machten die Hitze noch unerträglicher. Und von ganz weit unten erklangen die Schreie der Verdammten und Gequälten.
Große steinerne Säulen erhoben sich so hoch hinauf, daß man das obere Ende nicht mehr sehen konnte. Sie waren mit einge-meißelten Gesichtern der Qual bedeckt, die von unvorstellba-rem Schmerz verzerrt in schweigender Agonie schrien.
Überall ringsum lagen Tote und Sterbende. Unglückselige, die der Löwenstein im falschen Augenblick unter die Augen gekommen waren. Gehenkte hingen schlaff an Seilen oder Ketten; Gepfählte zuckten nicht mehr länger auf ihren blutigen Pfählen, und schwarze, verbrannte Gestalten in eisernen Käfigen schwelten nur noch leise vor sich hin. Anderen war ein leichter Tod verwehrt worden. Eine Ballerina mit gebrochenen Beinen, ein Poet mit ausgestochenen Augen, ein gefangener Anführer der Rebellen, dem lange purpurne Schlingen der eigenen Eingeweide aus dem offenen Bauch hingen , und noch viele , viele andere. Sie krochen auf Händen und Knien umher und bissen sich auf die Zungen , um nicht zu schreien , weil das weitere Bestrafungen nach sich gezogen hätte. Manche bettelten leise um einen Schluck Wasser. Beckett hoffte, daß die meisten von ihnen nur Hologramme waren, lektronengenerierte Bilder, die Löwenstein ins Leben gerufen hatte, um die Atmosphäre zu vervollständigen, aber irgendwie glaubte er nicht so recht daran – besonders nicht, nachdem einige von ihnen mit gebrochenen Händen an seinen Hosenbeinen zupften und leise um ein gutes Wort flehten. Er sah nicht nach unten. Er konnte ihnen nicht helfen. Beckett wußte nicht einmal, ob er sich selbst noch retten konnte. Um sich abzulenken, musterte er die schweigenden Reihen bewaffneter Leibwächter hinter dem Thron. Die Löwenstein hatte sie wie Teufel angezogen: Auf ihren Helmen saßen geschwungene Hörner, und aus den Rük-kenteilen ihrer Kampfrüstungen ragten feurige Schwingen.
Löwenstein liebte es, wenn eine Illusion bis ins Detail vollkommen war.
Schließlich wandte sich die Eiserne Hexe von den Holoschirmen ab und richtete ihre Aufmerksamkeit auf Beckett und Dram. Beide bemühten sich, noch aufrechter zu stehen. Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme genauso eisig kalt wie ihr Blick.
»General Beckett, Wir haben Euch herzitiert, um die Verteidigung dieses Planeten in Eure alleinige Verantwortung zu legen. Wir legen Euch Golgatha in die Hände. Bewacht es wohl und achtet darauf, daß Uns kein Leid geschieht.«
Beckett starrte sie fassungslos an. »Aber ich… Euer Majestät, ich hatte angenommen, daß man mich hergeholt hat, um das Kommando über Eure Flotte zu übernehmen! Ich bin der einzige noch verbliebene Offizier mit der Erfahrung und dem Rang, um die Dinge wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie werden auf mich hören! Wer sonst wäre besser für diese Aufgabe qualifiziert als ich, Euer Majestät?«
»Glaubt nicht, daß Ihr mit Uns diskutieren könnt, General!« erwiderte die Löwenstein mit gefährlich leiser Stimme. »Ihr habt Eure Befehle, und ich erwarte, daß Ihr sie ausführt.«
Beckett schluckte seinen Ärger runter, um nichts sagen, was er später vielleicht bereuen würde. Er machte auf dem Absatz kehrt und stapfte aus dem Hof. Sein ganzes Leben lang war er dem Eisernen Thron gegenüber loyal gewesen, und das würde sich auch jetzt nicht ändern; ganz egal wie sehr er versucht war. Die Löwenstein blickte ihm hinterher, dann wandte sich an Dram.
»Ihr werdet meine Flotte kommandieren, lieber Dram. Beckett ist ein wenig zu weich, trotz seiner vielgepriesenen Loyalität. Er könnte zögern, Dinge zu tun, die getan werden müssen.
Ich habe Eure Entschlossenheit und Eure Sorgfältigkeit auf Virimonde bewundert, und ich brauche jemanden als Kommandanten der Flotte, dem ich blind vertrauen kann. Also werdet Ihr das Kommando übernehmen, Dram. Ihr seid mein Mann. Enttäuscht mich nicht. Wagt es nicht, mich zu enttäuschen. Ihr werdet Eure Befehle von hier aus erteilen. An meiner Seite werdet Ihr in Sicherheit sein, und ich werde imstande sein, Euch um Euren Rat zu fragen, falls es erforderlich sein sollte.«
»Jawohl, Löwenstein. Aber… werden die Kapitäne mich als ihren Kommandanten akzeptieren? Sie wissen, daß ich nicht Becketts Erfahrung besitze.«
»Sie dienen dem Obersten Krieger. Dem Mann, für den sie Euch halten . Das ist alles, was zählt. Nehmt meine Flotte und zerschmettert meine Feinde, Dram. Zerbrecht sie und zerstreut sie und zeigt keine Gnade. Genau, wie Ihr es auf Virimonde getan habt. Ich bin die Imperatorin , und mir wird man gehorchen. Und hinterher… Wir werden die Schwachen und un-loyalen Elemente in unserem Imperium ausmerzen, und zwar in einem Ausmaß, wie es noch nie dagewesen ist.«
Sie lächelte ein unangenehmes Lächeln, und Dram nickte zum Zeichen, daß er verstanden hatte. »Wie Ihr meint, Löwenstein. Verzeiht mir die Frage, aber… meint Ihr, es ist gut, wenn Ihr Euch noch weiter auf dieser Welt aufhaltet? Ich meine, seid Ihr in Sicherheit? Wer weiß, wozu die Elfen und Rebellen bereit sind, nur um einen direkten Schlag gegen Euch zu führen.«
»Macht Euch deswegen keine Gedanken«, antwortete Löwenstein leichthin. »Wir haben nach den Besten der Besten geschickt, um nach Golgatha zu kommen und Unsere persönliche Leibwache zu sein. Niemandem wird es gelingen, an Investigator Razor und Kid Death vorbeizukommen.«
Hoch oben auf der Oberfläche gingen die Kämpfe weiter. Die Verbitterung, mit der sie geführt wurden, nahm von Minute zu Minute zu, genau wie das Blutvergießen. Armeen strömten durch die Straßen und drängten sich auf den offenen Plätzen, und sie kämpften aus diesem oder jenem Grund gegen die Imperialen Truppen des Monsters Löwenstein, dieser Wahnsinnigen auf dem Eisernen Thron. Kein einziger Soldat war mehr in den Kasernen, und die beiden Lager prallten aufeinander, wo auch immer sie sich begegneten . Jede Partei war fest davon überzeugt, daß Recht und Schicksal auf ihrer Seite standen. Die einen kämpften für Ordnung, die anderen für Gerechtigkeit, und keine Seite verschwendete einen Gedanken an Kapitulation oder Erbarmen. Entweder war der Sieg überwältigend, oder die Niederlage vernichtend. Sie kämpften mit Schwertern und Äxten, mit Energieschilden und Disruptoren und mit den furchteinflößenden, unvertrauten Projektilwaffen, die der Untergrund zur Verfügung gestellt hatte. Blut spritzte durch die Gegend, und Männer und Frauen fielen und lagen schreiend auf dem mit Eingeweiden übersäten Boden, wo sie an ihren Wunden oder am Schock oder einfach nur vom endlosen Getrampel der dicht gedrängten Kämpfer starben. Niemand hatte Zeit, sich um die Verwundeten zu kümmern, und die Toten lagen überall . Sie wurden achtlos zur Seite getreten oder an Straßenecken aufgestapelt, vergessen von Freunden und Feinden gleichermaßen, während die Schlacht weiter tobte .