John Silver kam herbei, um Hazel und Owen seinen Dank auszusprechen. Er war in so viele Verbände gewickelt, daß er sich kaum bewegen konnte, doch er machte einen fröhlichen Eindruck. Owen beschloß, diplomatisch zu sein, und entschuldigte sich für einen Augenblick, so daß Hazel und Silver sich ungestört unterhalten konnten. Nachdem er gegangen war, standen sich die beiden eine Weile schweigend gegenüber und starrten sich nur fest in die Augen.
»Ich nehme nicht an, daß ich dich überreden kann, in Nebelhafen zu bleiben?« begann Silver schließlich die Unterhaltung.
»Nein. Ich gehe dahin, wo die Rebellion mich braucht, und hier braucht sie mich nicht mehr.«
»Brauchst du vielleicht ein wenig Wampyrblut für unterwegs? Ich könnte dir…«
»Nein danke. Ich brauche es nicht mehr.«
»Das dachte ich mir. Du scheinst mich auch nicht mehr zu brauchen.«
»Es hat gutgetan, dich wiederzusehen, John; aber du bist meine Vergangenheit. Ich habe mich seit damals verändert, und du kannst mir nun nicht mehr folgen. Was wirst du als nächstes tun?«
»Ich helfe beim Wiederaufbau des Raumhafens – wenn er denn wieder aufzubauen ist.«
»Der Untergrund von Golgatha wird euch alles an Technik liefern, was ihr braucht.« Sie nippte an ihrem Wein als Zeichen, daß sie das Thema zu wechseln gedachte. »Du weißt nicht zufällig, was aus Chance und seinen Kindern geworden ist, oder?«
»Oh, denen geht’s soweit ganz gut«, antwortete Silver leichthin. »Kerle wie er fallen immer auf die Füße. Die Espervereinigung kümmert sich um die Kinder. Sie befinden sich irgendwo hier im Haus. Ich schätze, die Verantwortlichen fühlen sich ein wenig schuldig, daß sie die Kinder jemandem wie Chance überlassen haben, und wenn auch nur aus dem Grund, daß sie nicht an die dunkle Seite des ESP erinnert werden wollten.« Er sah sich um. »Owen kommt zurück. Ich verschwinde jetzt besser, glaube ich. Paß auf dich auf, Hazel.«
»Du auch, John. Nach allem, was ich von dir gehört habe, hast du da draußen in den Straßen gekämpft wie ein richtiger Held.«
Silver grinste.
»Ja. Ich weiß überhaupt nicht, was in mich gefahren war.«
Er verbeugte sich vor ihr, winkte und verschwand im Gewühl der Feiernden.
Nicht weit entfernt unterhielten sich Investigator Topas und die Typhus-Marie leise miteinander. Keine von beiden machte sich viel aus Parties – schon aus Prinzip nicht –, doch nach dem Tod so vieler Menschen fühlten beide eine Sehnsucht nach dem Trost in der Menge . Als die Tausenden von Esperbewußtseinen in Legion gestorben waren, hatten sie sich durch die Verbindung zur Mater Mundi hindurch gegenseitig gesehen, und die kalte Hand des Todes war über ihre Seelen gestrichen . Also waren sie zur Halle der Espervereinigung gekommen, um sich ein wenig an der Gegenwart von Freunden zu wärmen.
»Ich weiß trotzdem immer noch nicht, ob ich das Richtige getan habe«, sagte die Typhus-Marie und starrte in ihr Wein-glas.
»Selbstverständlich hast du das«, entgegnete Topas brüsk.
»Jeder, der an Bord der Herausforderung starb, mußte einfach sterben – gleichgültig, ob es die unschuldigen Esperbewußtseine waren, die Legion in seinem Innern gefangenhielt, oder die Imperialen Schlächter, die gekommen waren, um uns alle umzubringen. Mich persönlich interessiert die Mater Mundi viel mehr. Wie fühlt man sich, wenn sie sich in einem manifestiert?«
Marie runzelte die Stirn. »Ich weiß es nicht so genau. Ich fange schon an, es zu vergessen. Ich glaube, mein Verstand beschützt mich vor Dingen, die zu begreifen ich noch nicht bereit bin. Ich fühlte mich… irgendwie größer, realer . Als wäre mein ganzes bisheriges Leben nichts als ein Traum gewesen, aus dem ich für kurze Zeit erwacht bin . Ein Teil von mir sehnt sich danach zurück, und der Rest hat allein bei dem Gedanken daran Angst… Außerdem macht mir diese Geschichte mit den Kontrollworten Sorgen. Der Kontakt mit der Weltenmutter löschte die Kontrollworte aus, die Razor aktiviert hatte, aber wer weiß schon, was die Imperialen Hirntechs sonst noch alles tief in mir verborgen haben?«
»Mach dir darüber Sorgen, wenn es soweit ist«, erwiderte Topas. »So wie wir dem Imperium heute hier auf der Nebelwelt in den Hintern getreten haben, können wir meiner Meinung nach ruhig davon ausgehen, daß wir eine ganze Weile Ruhe vor Imperialen Agenten haben werden. Außerdem bist du um einiges stärker geworden. Als sich die Mater Mundi in dir manifestierte, hat sie dich zugleich verändert. Deine Macht ist gewachsen. Ich kann es spüren. Wenn ich dich mit meinem ESP ansehe, dann ist es, als würde ich direkt in die Sonne starren.«
»Ich weiß«, antwortete die Typhus-Marie. »Noch etwas, weswegen ich mir Sorgen mache.«
»Zur Hölle! Du wärst wahrscheinlich nicht glücklich , wenn es nichts gäbe , worüber du dich sorgen könntest, wie? Es liegt in deiner Natur!«
»Stimmt«, gestand Marie.
Johana Wahn beobachtete aus sicherer Entfernung, wie die beiden Sirenen sich unterhielten; aber sie spürte eher so etwas wie Taubheit, anstatt Eifersucht. Sie kam noch immer nicht über die Tatsache hinweg, daß die Weltenmutter diesmal durch eine andere Person in Erscheinung getreten war. Johana hatte in den Straßen Nebelhafens um Hilfe gerufen, und die Mater Mundi hatte ihre Schreie ignoriert. Allmählich begann Johana Wahn zu begreifen, daß sie einen neuen Sinn in ihrem Leben finden mußte und daß sie nicht die Erwählte war, für die sie sich die ganze Zeit über gehalten hatte.
Ratsmitglied McVey saß neben Gideon Stahl, der schmollend vor der Punschbowle hockte. Der ehemalige Direktor des Raumhafens ärgerte sich mächtig über die Tatsache, daß es keinen Raumhafen mehr gab, dessen Direktor er sein konnte.
»Nun kommt schon, Stahl«, sagte McVey. »Nachdem Magnus und Barron tot sind und Castle vor Trauer um den Verstand zu kommen droht, und nachdem Donald Royal jedem, der es hören will oder nicht, erzählt, daß sein Schicksal ihn dazu auserkoren hat, an der Seite Jakob Ohnesorgs zu kämpfen, wohin auch immer er von hier aus gehen mag, bleiben nur noch wir beide als Ratsherren von Nebelhafen übrig.
Und wir haben einen ganzen Rattenschwanz von Arbeit vor uns, wenn wir diese Stadt wieder auf Vordermann bringen wollen. Ich kann es jedenfalls nicht allein, Gideon.«
Stahl seufzte traurig. »Vermutlich habt Ihr recht. Aber ich war gerne Raumhafendirektor. Es war der einzige Beruf, in dem ich jemals gut gewesen bin.«
»Es war der einzige Beruf, in dem Ihr einen ganzen Haufen Geld beiseite schaffen konntet.«
Stahl blickte McVey scharf an. »Das habt Ihr gewußt?«
»Selbstverständlich.«
»Und warum habt Ihr dann nie etwas gesagt?«
»Weil Ihr ein guter Raumhafendirektor wart. Es war eine harte Arbeit, und niemand anderes im Rat hat sie gewollt. Also, wie steht es? Werdet Ihr mir beim Wiederaufbau Nebelhafens helfen oder nicht? Denkt nur an all die Arbeitsverträge und die vielen Bauarbeiten , die Ihr leiten würdet. Ein Mann , der seine fünf Sinne beisammen hat, könnte ein Vermögen dabei verdienen.«
»Schon gut, Ihr habt mich überredet«, erwiderte Stahl.
»Wann fangen wir an?«
Wieder zurück auf die andere Seite des Raums war Neeson der Bankier gekommen, um Owen seine Aufwartung zu machen. Neeson sah müde und mitgenommen aus; doch er wirkte überraschend zufrieden.
»Ihr seht aus, als wärt Ihr im Krieg gewesen«, sagte Owen.