»Warst du schon einmal hier?« fragte Evangeline. »Ich nicht.
Ich habe von Shannons Welt gehört und wollte dorthin; aber Vater hatte etwas dagegen, mich aus den Augen zu lassen.«
»Ich war schon fast überall«, antwortete Finlay, »aber auf Shannons Welt war ich auch noch nicht. Ich hatte immer zu viel zu tun. Außerdem klang es nicht nach der Sorte von Gegend, wo ich hingepaßt hätte. Viel zu friedlich. Ist das nicht eine Ironie? Die Welt sollte nach dem Willen ihres Besitzers der friedlichste, ungefährlichste und sicherste Ort im gesamten Imperium sein, und nun ist sie zu einem Alptraum geworden, der jetzt den Namen Blutacker trägt. Aber so ist das heutzutage eben in diesem Imperium. Nebenbei gefragt: Woher haben wir eigentlich die verdammten Koordinaten für diesen Planeten?
Ich dachte immer, sie wären streng geheim und würden nur an Leute weitergegeben, die tatsächlich im Begriff stehen, die Welt zu besuchen?«
»Die Koordinaten stammen von Valentin Wolf«, antwortete Evangeline mit sorgsam kontrollierter Stimme. »Bevor er uns verlassen hat, um die rechte Hand der Eisernen Hexe zu werden. Anscheinend war er schon einmal auf Shannons Welt. Hat ihm dort wohl nicht gefallen. Er meinte, wir sollten alles in die Luft jagen.«
»Der verfluchte Wolf«, brummte Finlay und schürzte die Lippen zu einem Zwischending aus Grinsen und Fauchen. »Ich muß ihn finden und ihm meinen persönlichen Dank erweisen.
Und wenn ich damit fertig bin, schneide ich ihm das Herz heraus und halte es in der Hand, bis es aufhört zu schlagen. Der Wolf hat meine Familie vernichtet. Er hat die Rebellion verraten und alles mit Füßen getreten, an das ich je geglaubt habe.«
»Werdet nicht unfair«, mischte sich Tobias Shreck mit der beiläufigen Lässigkeit des erfahrenen Journalisten in die Unterhaltung ein. »Wir reden hier immerhin von dem Valentin Wolf, der selbst an einem Hof noch durch seine Degeneration hervorsticht, wo die Widerlichen und Abstoßenden zum Nor-malfall geworden sind. Von dem Mann, der noch nie eine Droge ausprobiert hat, ohne daß sie ihm nicht auch gefallen hätte.
Eigentlich bin ich viel eher erstaunt, daß der Untergrund ihn überhaupt bei sich aufgenommen hat.«
»Er hatte Geld und Beziehungen«, erklärte Evangeline, »und das zu einer Zeit, wo wir beides dringend benötigten. Außerdem kam Valentin Wolf mit ausgezeichneten Empfehlungen daher.«
»Von wem?« fragte Tobias. »Von der Kaiserlichen Gilde der Pharmazeuten und Chemiker? Wenn man eine Viper an seiner Brust nährt, darf man sich nicht wundern, daß sie sich gegen einen wendet und beißt.«
»Ich werde ihn töten«, wiederholte Finlay. »Ganz egal, wie weit er flieht oder was es mich kostet.«
»Manchmal frage ich mich ehrlich, ob wir nicht zu sehr an Inzucht leiden«, sagte Tobias. »Hier stehen wir und sind im Begriff, den unbekannten Gefahren eines Planeten gegenüberzutreten, der den Namen Blutacker trägt, und Ihr denkt an nichts anderes, als Euch mit einem Mann zu duellieren, der Lichtjahre weit entfernt und höchstwahrscheinlich sowieso für immer aus Eurer Reichweite ist. Was soll ich nur davon halten?«
»Ihr könnt das nicht verstehen«, entgegnete Finlay, ohne Tobias anzusehen. »Es ist eine Frage der Ehre.«
»Natürlich nicht«, stimmte Tobias ihm zu. »Schließlich bin ich Journalist.«
Im Verlauf seiner kurzen Karriere hatte Tobias Shreck ein bemerkenswertes Talent dafür entwickelt, stets zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und ganz außerordentliche Berichte von ganz außerordentlichen Ereignissen abzuliefern: zuerst auf Technos III und anschließend auf der Nebelwelt. Seine Reportagen hatten ihm zwar keine neuen Freunde unter den Mächtigen und Einflußreichen geschaffen, aber seine Einschaltquoten schossen durch die Decke. Tobias war insgeheim sehr stolz darauf. Im Laufe seiner langen Karriere als Ausputzer für die Schweinereien, die der alte Gregor Shreck in seinem Kielwas-ser hinterlassen hatte, hatte Tobias oft davon geträumt, endlich einmal als richtiger Journalist zu arbeiten und von tatsächlichen Ereignissen zu berichten. Und nun, da er diese Gelegenheit hatte, lebte er seinen Traum. Und wenn er mehr als einmal unbehaglich nahe davor gestanden hatte, in den Hintern geschossen zu werden, nun, das war eben Berufsrisiko. Tobias grinste beim Anblick von Shannons Welt. Er würde der erste Journalist sein, der jemals seinen Fuß auf die legendäre Traumwelt setzte. Er würde der erste sein, der davon berichtete, was dort unten so schrecklich schiefgelaufen war. Das Leben war schön.
Manchmal wenigstens.
Sein Kameramann Flynn döste still auf einem Sitz neben Tobias. Die Kamera ruhte auf Flynns Schulter wie eine verträum-te Eule. Flynn war niemand, der einfach so ohne konkreten Anlaß aus dem Häuschen geriet. Außerdem schlief er stets, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot. Ein exzellenter Kameramann, das war Flynn, und ein zuverlässiger Kamerad obendrein. Tobias hoffte nur, daß Flynn nicht schon wieder Damen-unterwäsche unter seiner Kleidung trug.
Unmittelbar vor Tobias stand Julian Skye und starrte mit ausdruckslosen Augen auf den Hauptschirm. Tobias wußte nicht so recht, was er von dem jungen Esper halten sollte. Einst war er offensichtlich ein hübscher Mann gewesen, bevor sich die Imperialen Verhörspezialisten an ihm zu schaffen gemacht hatten. Sie hatten viel Schaden angerichtet, sowohl an Skyes Körper, als auch an seiner Seele, bevor Finlay Feldglöck ihn hatte befreien können. Das meiste war inzwischen verheilt, doch die gebrochenen Knochen in Skyes Gesicht waren schief und krumm zusammengewachsen, und ein Teil der Gesichts-muskulatur war durch Nervenschädigungen gelähmt. Skye trug eine ziemlich auffällige Perücke. Sie verdeckte die Stahlplatte über dem Loch, welches die Hirntechs in die Rückseite seines Schädels gebohrt hatten, um direkt an das Gehirn heranzukommen.
Vor seiner Gefangennahme hatte Skye im Untergrund den Ruf genossen, einer der wildesten und tollkühnsten Agenten im Feld zu sein. Doch die Zeit in den Verhörzellen hatte seinen Mut gebrochen, und obwohl es nicht dazu gekommen war, daß er im Staub gekrochen und alles und jeden verraten hatte, so wurde er doch von der Gewißheit verfolgt, daß es lediglich eine Frage der Zeit gewesen wäre. Finlay hatte ihn gerade noch rechtzeitig gerettet, und Julian hatte sich seither an ihn ge-klammert. Er fühlte sich nur sicher, wenn Finlay in der Nähe war. Finlay – das mußte man ihm zugute halten – hatte sich seinerseits bemüht, Julians Mut und Selbstvertrauen wieder aufzubauen, wo immer es ging, und den Jungen nicht von sich abhängig zu machen; doch die Wunden waren tief, und Julian fand ständig neue Ausreden und Entschuldigungen, um in Finlays Nähe bleiben zu können. Er hatte sich sogar freiwillig zu dieser Mission gemeldet, ja gedrängt, obwohl alle davon überzeugt waren, daß es ein Selbstmordkommando war.
Niemand wußte so genau, was Evangeline Shreck davon hielt. Tobias behielt alle drei im Auge, nur für den Fall. Da bahnte sich eine Geschichte an, und die wollte er auf keinen Fall versäumen.
Tobias behielt auch den legendären Ersten Todtsteltzer Giles unauffällig im Auge. Der erste und größte seiner Linie, der erste Oberste Krieger des Imperiums, doch das war neunhundert Jahre her. Der Mann, der den Dunkelzonen-Projektor eingesetzt und tausend Sonnen in einem einzigen Augenblick zum Verlöschen gebracht hatte, und der die Bewohner unzähliger Welten in der sternenlosen Nacht und Kälte hatte sterben lassen. Milliarden waren in Verzweiflung und Not gestorben, und ein einziger Mann trug die Verantwortung dafür. Giles war groß, aber nicht breit gebaut, obwohl sich an seinen Armen kräftige Muskeln wölbten. Er steckte in abgewetzten Fellen und Lederkleidung, die ihn wie ein Barbar aussehen ließen.
Das lange graue Haar war nach Söldnerart zu einem Zopf geflochten. Der Erste Todtsteltzer sah aus wie ein Mann Mitte Fünfzig, und er hatte ein hartes, entschlossenes Gesicht mit einem schmalen Strich von Mund über dem silbernen Kinnbart.