Выбрать главу

Seine Augen waren von überraschend hellem Grau, und ihr Blick war fest und selbstbewußt. Der Erste Todtsteltzer sah ganz wie ein Mann aus, der keine Kompromisse einging: eine Erscheinung aus der Vergangenheit, als das Imperium noch ein stolzes und ehrenwertes Unterfangen gewesen war, dem stolze und ehrenhafte Männer gedient hatten. Giles Todtsteltzer, der größte Held und zugleich der größte Verräter seiner Epoche, der damals wie heute vor nichts zurückwich, das seinen Sinn für Gerechtigkeit und Ehre kompromittierte.

Jedenfalls wurde das von ihm behauptet.

Tobias wußte nur eins mit Sicherheit: Der Mann sah aus wie der Tod auf zwei Beinen, wie er dort saß, so gelassen und ruhig, als wäre er auf dem Weg in den wohlverdienten Urlaub.

Giles Todtsteltzer jagte Tobias eine Heidenangst ein, und Tobias war es egal, ob die anderen es merkten oder nicht. Tobias sah auf den Schirm. Der mysteriöse Planet kam ständig näher, und selbst die Vorstellung von dem, was sie auf Shannons Welt erwartete, wirkte auf Tobias weniger beunruhigend als der Anblick des Ersten Todtsteltzers.

»Ihr alle wißt mehr über Shannons Welt als ich«, sagte er leichthin, als hätte er nie in seiner Rede innegehalten. »Wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, dann soll es dort unten sehr erholsam gewesen sein. Keine Sorgen, kein Streß… fast therapeutisch . Ein Ort, wo man all seine Sorgen und sein Unglück vergessen konnte. Laut den Aufzeichnungen befanden sich 522 Menschen auf Shannons Welt, als die Kommunikation zusammenbrach . Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist .

Von den Besuchern fehlt seither jede Spur

»Aber was soll denn auf einem Vergnügungsplaneten schon schiefgehen?« fragte Evangeline. »Dort unten gab es nichts, was ihnen hätte gefährlich werden können. Außerdem wissen wir, daß die Besucher gegen jeden Angriff von außerhalb geschützt waren. Die planetaren Verteidigungsanlagen sind immer noch in Betrieb.«

»Wir schleichen gerade an ihnen vorbei«, bemerkte Finlay Feldglöck.

Giles knurrte unvermittelt und setzte sich aufrecht hin. Alle sahen ihn überrascht an. »Vergnügungswelten, pah! Nichts als ein weiteres Zeichen dafür, wie verweichlicht das Leben im Imperium heutzutage geworden ist. Man braucht harte, beses-sene Streiter, um ein Imperium stark zu halten . Wir hatten zu meiner Zeit ebenfalls Vergnügungsplaneten; aber das waren Orte, wo man seinen Mut und sein Geschick unter Beweis stellte, ein Feld der Prüfungen, auf dem man stärker und ge-witzter wurde. Valhallas, wo man sich nach Herzenslust austo-ben konnte, wenigstens so lange, wie das Herz mitmachte .

Keine Scheinkämpfe, nein, sondern echte Kämpfe auf Leben und Tod. Das ist der Punkt. Man konnte sterben, wenn man nicht so stark und schnell war, wie man von sich glaubte. Die Schwachen starben, und die Starken wurden stärker. Es war gut für die gesamte Rasse. Damals gab es in der Menschheit keinen Platz für die Schwachen. Wir hatten ein Imperium zu schmieden und zu beschützen. Und heute sitzt Ihr in Euren Arenen und seht anderen dabei zu, wie sie kämpfen und sterben, und Ihr seid ganz aufgeregt, wenn Ihr ein wenig Blut zu sehen bekommt. Kein Wunder, daß der Eiserne Thron korrupt ist. Das Blut ist zu dünn geworden, und Ehre ist nur noch ein Wort.«

»Nicht für alle von uns«, widersprach Finlay Feldglöck.

»Ich meine nicht Duelle wegen verletzter Gefühle, Jüngel-chen. Ich meine die Ehre als Maßstab des Lebens. Ein kalter, unbeugsamer Meister, dem man zu dienen hat, noch vor der Familie, dem Thron oder persönlichen Interessen. Eine Verpflichtung, die man bis zum Tode auf den Schultern trägt, wenn man nicht vorher unter ihrer Last zerbricht. Ich habe alles aufgegeben, was ich je besessen habe; ich habe alle meine Träume verraten, um der Pflicht zu folgen. Könnt Ihr vielleicht von Euch behaupten, daß Ihr das gleiche tun würdet?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Finlay mit tonloser Stimme.

»Ich glaube nicht, daß irgend jemand im voraus von sich behaupten kann, das zu wissen, bevor der Augenblick nicht gekommen ist. Aber ich werde ganz sicher tun, was nötig ist, und zur Hölle mit den Konsequenzen. Das habe ich schon immer getan.«

»Müssen wir eigentlich so düster sein?« fragte Tobias. »Wir wollen schließlich nicht vergessen, Leute, daß wir alle kurz davor stehen, unermeßlich reich zu werden. Ganz gleich, wie diese Mission ausgeht. Die Sendeanstalten werden uns praktisch jeden Preis zahlen, wenn wir ihnen die Exklusivberichte über die mysteriöse Welt Shannons verkaufen. Die Leute sind schon seit Jahrzehnten verrückt vor Neugier, wie es dort unten aussehen mag – und zwar schon, bevor alles aus dem Ruder lief. Wenn es uns sogar gelingen sollte, eine Erklärung für das alles zu liefern, dann können wir jeden Preis verlangen. Wir werden reich, reich, reich, Leute, das kann ich Euch sagen.«

»Oder wir werden sterben«, fügte Flynn hinzu, ohne die Augen zu öffnen.

»Wir sind nicht wegen des Geldes hierhergekommen«, er-klärte Evangeline.

»Sprecht bitte nur für Euch selbst«, konterte Tobias.

Julian Skye lauschte der Diskussion, doch er hatte nichts da-zu beizutragen. Er gab einen Dreck auf Shannons Welt oder auf das Geheimnis, das sie umgab. Er war nur deswegen hier, weil Finlay Feldglöck hier war. Außerdem hatte er seine eigenen Sorgen. Seine Kopfschmerzen hatten wieder eingesetzt, ein dumpfer, pochender Schmerz, der seinen ganzen Kopf ausfüll-te, bis er kaum noch klar denken konnte. Trotz all der Medikamente, die Julian schluckte, kam und ging der Schmerz, wie er wollte. Die Ärzte der Untergrundbewegung hatten ihr Bestes gegeben, und das hatte nicht gereicht. Die Schmerzen und das entstellte Gesicht waren noch die kleineren Geschenke der Imperialen Hirntechs. Sie hatten Julians Schädel geöffnet und Nadeln in sein Gehirn geschoben, und jetzt war er nicht mehr sicher, wer er überhaupt war. Sein Mut war zerbrochen, seine Selbstsicherheit dahin, und geblieben war nur noch der Schatten des Mannes von einst. Die Hirntechs verstanden ihren Job, und sie hatten ganze Arbeit geleistet. Ihre Methoden waren weit fortgeschritten, geheim – und nicht ungeschehen zu machen. Niemand konnte wissen, was sie mit seinem Gehirn angestellt und welche geheimen Kontrollworte sie ihm eingepflanzt hatten.

Doch das war noch nicht alles. Julian wußte durchaus um die Möglichkeit, daß die Hirntechs bei ihrer Arbeit unterbrochen worden waren und sie nicht hatten beenden können. Daß sie nicht alles hatten tun können, um sicherzustellen, daß er am Leben bleiben würde. Manchmal, in den langen dunklen Stunden der Nacht, wenn der bösartige Schmerz in seinem Kopf jede Hoffnung auf Schlaf vertrieb und ihn zu einem weinenden Häuflein Elend schrumpfen ließ, fragte sich Julian, ob er nicht starb, Stück für Stück. Wenn die Schmerzen wirklich übermächtig waren, sehnte er sich förmlich nach dem Tod. Doch die Schmerzen hörten irgendwann auf – wie immer –, und er klammerte sich wieder an die wenigen Grunde, die ihn noch am Leben hielten. Er glaubte noch immer fest an die Rebellion, und er glaubte an Finlay Feldglöck; an jenen Mann, der sein Leben riskiert hatte, um ihn zu retten . Der Feldglöck hatte alles aufgegeben, um sich dem Untergrund anzuschließen. Wie konnte Julian hinter ihm zurückstehen?

Also folgte Julian Skye dem Feldglöck, wohin auch immer seine Missionen ihn führten. Er war stolz darauf, in seiner Gesellschaft zu sein, und vielleicht hoffte er auch, ein wenig von der Selbstsicherheit und dem Mut des Mannes würden auf ihn abfärben. Julian bezog nicht wenig von seinem bißchen Stolz aus der Tatsache, daß er und Finlay ein gutes Team abgaben .

Er war nicht sicher, was er von Finlays Geliebter Evangeline Shreck halten sollte. Auf der einen Seite liebte Finlay sie offensichtlich von ganzem Herzen, also mußte sie eine bemerkenswerte und ehrenhafte Frau sein. Doch auf der anderen Seite stellte Julian beschämt fest, daß er nicht selten eifersüchtig auf ihre Nähe zu Finlay war, eine Nähe, auf die Julian niemals hoffen durfte. Aber das war eben Liebe.