Julian hatte nicht viel Erfahrung, was Liebe betraf, und der größte Teil davon war schlecht gewesen. Die einzige wirkliche Liebe seines jungen Lebens war SB Chojiro gewesen, die schwarzhaarige Frau, die sein Herz geraubt und ihn im gleichen Augenblick an die Imperialen Hirntechs verraten hatte, indem er ihr seine Zugehörigkeit zu den Rebellen gestanden hatte. Sie war ein fanatisches Mitglied des Schwarzen Blocks, jener geheimen Verschwörung junger Aristokraten, die sich zum Ziel gesetzt hatten, die Löwenstein von ihrem Eisernen Thron zu stoßen, und die für nichts anderes Zeit oder Interesse fanden als für ihre eigene Sache. Noch heute träumte Julian hin und wieder von Chojiro, von ihren pechschwarzen Augen und dem vollkommenen Lächeln ihres Mundes – und davon, daß er noch immer alles aufzugeben bereit war, wenn sie ihn dafür nur wieder lieben würde. Zu anderen Zeiten dachte er, daß er alles aufzugeben bereit wäre, was er hatte oder war oder jemals zu haben oder zu sein hoffen durfte, nur um seine Hände um ihren Hals legen zu können und das Leben ganz langsam aus ihr herauszuwürgen. Wenn die Schmerzen besonders schlimm waren und es schien, als wolle die lange Nacht niemals enden, dann war es genau dieser Gedanke, der ihm die Kraft gab wei-terzumachen.
Insgeheim befürchtete Julian, der Untergrund könne eines Tages mit dem Schwarzen Block eine Allianz gegen die Eiserne Hexe eingehen, aus praktischen Erwägungen oder reiner Notwendigkeit. Es war nicht unvorstellbar. Julian wußte nicht, was er in diesem Fall hm würde. War er tatsächlich bereit, die gesamte Rebellion in Gefahr zu bringen, die Sache, der er sein Leben und seine Ehre geweiht hatte, nur um eine Frau zu töten, die ihn verraten hatte? Immer, wenn ihm dieser Gedanken kam, stahl sich ein kaltes, schreckliches Lächeln auf Julians Gesicht.
Er kannte die Antwort . Ja. Ja, das würde ich.
Er schob den Gedanken beiseite und biß die Zähne gegen den Schmerz in seinem Kopf zusammen. Die anderen brauchten es nicht zu erfahren. Julian hatte einen Auftrag, und niemand würde ihn schwanken sehen. Er besaß noch immer einen Rest von Stolz. Finlay vertraute ihm genug, um ihn mitzunehmen, und Julian würde eher sterben, als den Feldglöck zu enttäuschen. Er konzentrierte sich auf die Gespräche der anderen.
Giles Todtsteltzer redete noch immer. Das war ein echter Krieger . Ein Mann wie der Erste Todtsteltzer kannte keine Zweifel und keine Schwäche. Er war der Todtsteltzer, der Kämpfer aus der Legende und aus einer Zeit, als es noch wirkliche Helden gegeben hatte. Ein Mann wie der Todtsteltzer würde eher sterben, bevor er sich beugte. Aber wer konnte schon eine Legende töten?
Giles redete und redete, doch Finlay und Evangeline hörten nicht mehr zu. Der alte Mann meinte es gut; allerdings tendierte er ein wenig zu Monologen. Finlay und Evangeline saßen zusammen vor dem Hauptschirm und hielten sich schweigend an den Händen, weil sie sich im Augenblick nichts zu sagen hatten. Für beide hatte es sich als überraschend schwierig herausgestellt, die Gegenwart des anderen für längere Zeit ohne Unterbrechung ertragen zu müssen. Sie waren daran gewöhnt, nur selten die Nacht miteinander zu verbringen und nur für den Augenblick zu leben, weil sie niemals gewußt hatten, wann und ob sie sich überhaupt jemals wiedersehen würden. Nun, da sie beide zum gleichen Team gehörten und tagein, tagaus zusammen waren, fanden sie es weitaus schwieriger, miteinander auszukommen. Sie waren ständig den ärgerlichen kleinen An-gewohnheiten und nebensächlichen Bedürfnissen des anderen ausgesetzt, statt den idealisierten Vorstellungen, die sie vorher voneinander gehabt hatten. Doch ihre Liebe, obwohl arg stra-paziert, war nicht erloschen. Und wenn sie ein paar Probleme mit kleinen alltäglichen Dingen hatten, dann war das nichts im Vergleich zu der strahlenden Hitze, die sie zu einer Person verschmelzen ließ.
Schließlich bemerkte Giles, daß ihm niemand mehr zuhörte.
Grummelnd verstummte er. Er zog sein Schwert, legte es auf die Knie und polierte die Klinge mit einem Stofflappen, den er aus dem Gürtel zog. Die langsamen, gleichförmigen Bewegungen hatten etwas Beruhigendes, Tröstendes an sich. Soweit es den Ersten Todtsteltzer betraf, war diese ganze Mission eine Verschwendung seiner wertvollen Zeit und seiner Fähigkeiten.
Er war ein Krieger und kein Spion. Doch selbst er erkannte die Bedeutung der Informationen in Harkers Kopf, und so hatte er zögernd der Bitte des Untergrunds zugestimmt, sich der Mission anzuschließen.
Sämtliche anderen Veteranen des Labyrinths des Wahnsinns wurden woanders gebraucht, und er kannte niemanden außer sich selbst , dem er zutraute, das Team besser vor unbekannten Gefahren zu schützen. Außerdem verspürte er das Bedürfnis, den Rebellen seinen Wert zu beweisen. Vielleicht war es ja schön und gut, eine lebende Legende zu sein – trotzdem: Weil man früher vielleicht einmal ein starker Mann gewesen war, hieß das noch lange nicht, daß man auch heute noch seine Last tragen konnte. Und Vertrauen wurde einem im Untergrund nicht so ohne weiteres geschenkt. Was Giles im übrigen sogar für richtig hielt. Tief in seinem Innern an einem Ort, wo er nur selten hinging – konnte er nicht anders, als sich zu fragen, ob er tatsächlich noch der Alte war. Er hatte verdammt viel Zeit in Stasis verbracht, und das Universum hatte sich ohne ihn weitergedreht. Außerdem traute er den Veränderungen nicht, die das Labyrinth des Wahnsinns an ihm vorgenommen hatte. Er wußte nicht, welches Ausmaß sie besaßen oder ob er sich im Notfall auf seine neuen Fähigkeiten verlassen konnte. Diese Mission würde ihm Gelegenheit geben, seine Fähigkeiten und Kräfte zu testen, bevor die wirklichen Kämpfe begannen. Giles zweifelte weder an seinem Mut noch an seiner Entschlossenheit. Er war schließlich ein Todtsteltzer. Doch es konnte nicht schaden, sich das in der Hitze der Schlacht noch einmal selbst zu beweisen.
Giles hatte sich stets auf dem Schlachtfeld zu Hause gefühlt .
Dort, wo die zweideutigen Fragen von Politik und Loyalität in der scharfen Abgrenzung von Leben und Tod ihre Antworten fanden . Die Gründe mochten wechseln; Ideale mochten rosten; Menschen konnten einen betrügen und Liebe, Freundschaft und Vertrauen verraten; doch in der Schlacht gab es nur einen Sieger und einen Verlierer. Genau das liebte Giles so daran.
Tobias rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her. Er würde erst dann wieder ruhiger werden, wenn er endlich festen Boden unter den Füßen spürte. Jeder wußte, daß jetzt der gefährlichste Teil der gesamten Mission bevorstand. Theoretisch sollte die Tarnvorrichtung der Hadenmänner das Schiff vor den Satelliten Hakeldamachs verbergen, doch falls sie versagte, und sei es auch nur für einen winzigen Augenblick, würden die planetaren Verteidigungsanlagen das Feuer eröffnen, und sie wären alle tot.
Theoretisch? hatte Tobias gefragt, als man ihm die Vorrichtung erklärt hatte. Was soll da s heißen, theoretisch ? Wurde der Apparat denn noch nicht getestet?
Warum? Ihr testet ihn doch, hatte der Mann gegrinst, der die Einsatzbesprechung geleitet hatte.
Und als wäre das noch nicht genug, stand Shannons Welt wegen ihres offiziellen Quarantänestatus auch noch unter strenger Bewachung durch einen Imperialen Sternenkreuzer, der im Orbit kreiste und auf der Stelle das Feuer auf jeden un-befugten Eindringling eröffnen würde. Tobias hoffte nur, daß die Rebellen auf all das vorbereitet waren.
»Schnallt Euch jetzt besser an«, sagte Finlay. »Wenn alles nach Plan verlaufen ist, wird es gleich interessant.«
Sie befestigten die Sicherheitsgurte und beobachteten gespannt den Hauptschirm. Für eine kleine Weile, die jedem wie eine Ewigkeit erschien, geschah überhaupt nichts. Der Imperiale Sternenkreuzer hing im Orbit, gar nicht weit von der Wilden Rose entfernt. Er schien blind für die Anwesenheit der Rebellen, trotz seine einschüchternden Größe und den zahllosen Waffentürmen. Und dann fiel ein gewaltiges goldenes Schiff der Hadenmänner aus dem Hyperraum, direkt über dem Imperialen Sternenkreuzer. Das goldene Schiff war so riesig, daß der Sternenkreuzer unter ihm aussah wie eine Elritze unter einem Orca. Die Hadenmänner eröffneten das Feuer aus allen Rohren, und die Schutzschirme des Sternenkreuzers knisterten und sprühten Funken und standen kurz vor der Überladung.