Dann stellte das goldene Schiff seinen Beschuß wieder ein und drehte majestätisch ab. Der Sternenkreuzer machte sich an die Verfolgung. Sein Kapitän schien fest entschlossen, den alten Feinden der Menschheit den Zutritt zu Shannons Welt zu ver-wehren. Während der Imperiale Sternenkreuzer weit draußen im leeren Raum einem Phantom hinterherjagte, verließ das umgebaute Frachtschiff Wilde Rose unauffällig und unbemerkt seinen Orbit und steuerte den Planeten Hakeldamach an, den Blutacker, mitsamt den Schrecken, die dort unten auf die Besatzung warteten.
Lange Augenblicke blieb alles ruhig und normal. Die Rebellen fingen bereits an, sich zu entspannen. Doch dann prallte die Wilde Rose auf die Atmosphäre, und die bodengestützten Verteidigungsanlagen eröffneten das Feuer. Massiver Beschuß aus Disruptorkanonen zehrte an den schwachen Schilden der Wilden Rose und schüttelten das kleine Schiff durch wie ein Hund eine Ratte. Finlay fluchte und schimpfte und hämmerte auf den Instrumenten herum in dem Bemühen, die Tarnvorrichtung zu verstärken, während seine Gurte ihn vor- und zurückrissen .
Irgend etwas unten auf der Oberfläche hatte die Technologie der Hadenmänner durchdrungen, obwohl das eigentlich un-möglich sein sollte. Das Frachtschiff hüpfte und tanzte. Tödliche Energieströme tanzten auf den Schilden und suchten nach Schwachstellen. Die Rebellen klammerten sich an ihre Sitze.
Finlay stemmte sich fest gegen die Gurte und kämpfte mit den Kontrollen, um das Schiff halbwegs sicher nach unten zu bringen. Plötzlich gingen die Lichter aus und wurden vom düsteren Rot der Notbeleuchtung ersetzt.
»Was zur Hölle ist mit der Tarn Vorrichtung los?« rief Tobias.
»Nach den Instrumenten zu urteilen arbeitet sie vollkommen normal!« antwortete Finlay. »Allerdings gab es keine Garantie auf die Apparatur, wenn ich mich recht erinnere.«
»Und das sagt er uns jetzt!« maulte Flynn.
Das Schiff krängte zur Seite. Die Notbeleuchtung flackerte.
»Die äußeren Schilde sind soeben zusammengebrochen«, meldete Finlay ruhig. »Die Systeme arbeiten nur noch mit siebzig Prozent Effizienz. Kennt irgend jemand ein paar gute Gebete?«
»Können wir denn nicht zurückschießen?« fragte Tobias.
»Wir sind unbewaffnet«, antwortete Evangeline. »Es gab nicht genügend Raum für Kanonen, weil die Hadenmänner so viele Extrasysteme eingebaut haben. Habt Ihr bei den Besprechungen denn nicht zugehört?«
»Offensichtlich nicht gut genug«, brummte Tobias. »Ich vermute, Rettungskapseln sind ebenfalls nicht verfügbar, oder?«
»Denkt doch einmal nach«, tadelte ihn Finlay. »Falls dieses Schiff mit seinen Schilden zerstört wird, wie lange soll dann Eurer Meinung nach eine Rettungskapsel durchhalten?«
»Ich glaube, mir wird schlecht«, jammerte Tobias. »Oder ich bekomme eine ausgewachsene Panik.«
»Versuch’s mit Panik«, entgegnete Flynn. »Das gibt weniger Sauerei.«
Eine der Instrumentenkonsolen explodierte, und die Überreste gingen in Flammen auf. Finlay wich vor der Hitze zurück.
Das Frachtschiff stürzte hinunter wie ein Stein , bevor die Re-servesysteme hochfuhren. Alarmsirenen schrillten laut und gellend, bis Finlay den richtigen Schalter fand, um sie abzustel-len. Sie wußten schließlich längst, daß sie in Schwierigkeiten steckten . Das Feuer nahm an Heftigkeit zu . Rauch erfüllte nach und nach die Kabine. Evangeline öffnete ihre Sicherheitsgurte, riß einen Feuerlöscher aus seiner Halterung und zielte auf den Brand. Das Schlingern der Wilden Rose warf sie hin und her und machte das Löschen beinahe unmöglich. Finlay kämpfte darum, das Schiff mit den verbliebenen Kontrollen zu steuern.
Im Hintergrund hatte Flynn unauffällig begonnen, alles zu filmen.
Und dann endete der Beschuß genauso plötzlich, wie er eingesetzt hatte. Alles war ruhig, mit Ausnahme der knisternden Flammen. Das Schiff richtete sich wieder auf, und bald hatte Evangeline den Brand gelöscht. Sie blieb, wo sie war, und lauschte. Sie war auf weitere Angriffe gefaßt. Finlay studierte seine Instrumente; dann seufzte er erleichtert.
»Sie haben aufgehört. Wahrscheinlich sind wir unter ihre einprogrammierte Angriffshöhe gefallen«, sagte er. »Meine Damen und Herren, ich würde sagen, wir hatten gerade eine ziemliche Menge Schwein.«
»Wie schwer sind die Schäden?« erkundigte sich Julian Skye.
»Könnte schlimmer sein«, antwortete Finlay. »Keine lebenswichtigen Aggregate sind ausgefallen . Wir können noch immer sicher landen und wieder starten. Vorausgesetzt, die Verteidigungsanlagen schießen nur auf landende Schiffe, nicht auf startende. Trotzdem sollten alle in ihren Sitzen und angeschnallt bleiben. Die Landung wird mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein wenig unsanft.«
»Sucht nach Kommunikationssignalen«, empfahl Giles. Finlay nickte und beugte sich über das Komm-Paneel. Es dauerte einen Augenblick, bis er die Signale des sich entfernenden Sternenkreuzers ausgefiltert hatte und sich auf den Planeten unter der Wilden Rose konzentrieren konnte. Die Frequenzana-lysatoren gingen das gesamte Spektrum durch und fanden – nichts.
»Kein verdammter Pieps!« fluchte Finlay. »Niemand dort unten, der zu irgend jemandem irgend etwas sagt. Der ganze Planet hüllt sich in Schweigen.«
Giles nickte langsam. »Versucht es mit den Sensoren. Sucht nach Lebensformen.«
Finlay trat zu der Sensorkonsole und wedelte den Rauch beiseite, der vor seinem Gesicht trieb. Die Sensorkonsole befand sich unmittelbar neben dem Paneel , das in die Luft geflogen war , und sie hatte einiges an Feuer und Rauch abbekommen.
Finlay startete eine kurze Diagnoseroutine und verzog das Gesicht. Dreiundvierzig Prozent Effizienz . Das war gar nicht gut .
Beschränkte Reichweite und noch beschränktere Informationen. Er stellte die Sensoren auf die größtmögliche verbliebene Empfindlichkeit und starrte dann mit einem Stirnrunzeln auf die Anzeigen.
»Ich empfange… etwas«, sagte er schließlich. »Aber fragt mich nur nicht, was das sein soll. Die Ergebnisse machen keinerlei Sinn. Ich kann nicht sagen, ob es sich um Lebensformen handelt oder nicht. Die Lektronen finden nichts Vergleichbares in ihren Datenbänken – was an und für sich unmöglich sein sollte.«
»Fremdwesen?« fragte Giles.
»Unbekannt«, antwortete Finlay. »Aber das glaube ich nicht.
Selbst die fremdartigsten Lebensformen weisen gewisse uni-versale Gemeinsamkeiten auf. Das hier ist etwas vollkommen Neuartiges. Was auch immer die Instrumente dort anzeigen, es überschwemmt die Sensoren förmlich. Sie sind nicht mehr lei-stungsfähig genug, um menschliches Leben aus all dem Rauschen auszufiltern. Falls es dort unten noch Menschen gibt…«
»Vielleicht gibt es ja gar keine mehr«, sagte Evangeline.
»Harker ist schon seit Monaten dort unten. Wer weiß, was aus ihm geworden ist.«
»Denkt positiv« , sagte Julian. »Was ist mit dem Funkfeuer seines Schiffs , Finlay?«
»Das sendet noch«, antwortete Finlay. »Ich habe es laut und deutlich im Empfänger. Wir sollten imstande sein, direkt daneben zu landen.«