»Na, wenigstens etwas«, sagte Tobias . »Hat irgend jemand daran gedacht, Glasperlen oder Geschenke für die Eingebore-nen mitzubringen?«
»Shannons Welt hat kein eingeborenes Leben«, entgegnete Julian. »Es hat nie welches gegeben. Der Planet war ein totes Stück Fels, bevor man ihn terraformierte. Es gibt keine eingeborenen Lebensformen. Außerdem wären sie Shannons Traum im Weg gewesen. Was auch immer dort unten ist – das ist kein einheimisches Leben.«
»Ihr seid wirklich von der aufmunternden Sorte!« brummte Tobias. »Wußtet Ihr das?«
»Haltet die Klappe, Shreck«, unterbrach ihn Giles. »Finlay, bringt uns runter, so schnell Ihr könnt. Dieser Sternenkreuzer wird sich nicht ewig von seiner Aufgabe ablenken lassen.«
Julian räusperte sich. »Ich wurde dieser Mission erst im allerletzten Augenblick zugeteilt«, sagte er. »Bleibt uns noch genug Zeit für eine rasche Besprechung, mit was wir dort draußen zu rechnen haben? Ich kenne die grundlegenden Dinge, aber… der Name Blutacker erfüllt mich nicht gerade mit Zuversicht.«
»Denkt positiv«, spottete Tobias.
»Haltet die Klappe«, unterbrach ihn Giles.
»Wir besitzen nur spärliche Informationen«, erklärte Finlay hastig. »Nur ein einziger Mann konnte lebend von diesem Planeten entkommen, nachdem die Kommunikation mit Shannons Welt zusammengebrochen war. Er gab ihr den neuen Namen: Hakeldamach. Dann starb er. Was auch immer er dort unten gesehen hat, er nahm sein Wissen mit in den Tod. Er wollte sterben. Er wollte vor dem fliehen, was er auf Hakeldamach gesehen hatte.«
»Ich bin im Besitz einer Kopie der ursprünglichen Aussagen des Mannes«, verkündete Tobias zaghaft. »Lediglich die wichtigsten Punkte. Er redete viel zusammenhangloses Zeug. Ich erhielt das Band von einem Kollegen, zu einem relativ vernünftigen Preis, den der Untergrund mir sicher zurückerstatten wird. Soll ich das Band abspielen?«
»Macht das«, antwortete Giles. »Vielleicht hält es uns davon ab, zu großspurig zu werden.«
Tobias nickte Flynn zu, der sich mit Hilfe seiner Kamera in die Kommunikationskanäle der Wilden Rose einloggte und dann die Aufnahme aus den Speichern der Kamera abspielen ließ. Der große Hauptschirm flackerte kurz, und der helle, blaue Planet wich dem schwitzenden Gesicht eines Mannes mit wilden Augen. Das Gesicht war so mager, daß die Knochen die Haut zu durchstoßen schienen. Der Mund des Mannes bebte und zitterte, und seine Züge waren vor Angst verzerrt. Man hatte ihn zu seinem eigenen Schutz auf einem Stuhl festgeschnallt.
Als er schließlich zu reden begann, klang seine Stimme heiser, aber beherrscht. Seine Augen richteten sich auf die Kamera, als würde er trotz aller Schmerzen von dem Bedürfnis getrieben zu erzählen, was er wußte und gesehen hatte.
»Mein Name ist Adrian Marriner«, sagte er. »Ich bin Aufklärer und habe zwölf Jahre Berufserfahrung. Ich war der Leiter einer Beobachtungsmannschaft, die man losgeschickt hat, um herauszufinden, was auf Shannons Welt los ist. Man hat uns nicht gesagt, daß schon vorher Mannschaften dorthin geschickt worden sind. Keine kehrte zurück.
Wir waren zehn. Gute Männer und Frauen. Sie sind allesamt tot. Ich bin der einzige Überlebende. Dort unten tobt ein Krieg.
Ein totaler Krieg. Kein Pardon für niemanden. Vergeßt die Vermißten. Sie sind tot. Sie waren die ersten, die gestorben sind. Sie hatten einen schweren, blutigen Tod, die armen Schweine. Vergeßt die Vergnügungswelt. Sie ist jetzt ein einziger Alptraum. Der schlimmste Alptraum, den Ihr Euch vorstellen könnt. Entsetzlich. Furchtbar. Ein groteskes Zerrbild seiner selbst. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind auf dieser Welt ist auf schreckliche Art gestorben, doch der Krieg geht weiter. Er wird niemals aufhören. Schickt keine Aufklärer mehr zu dieser Welt. Kein Mensch kann das ertragen, was dort unten vor sich geht.«
Dann begann er zu weinen, tiefe, rasselnde Schluchzer, die seinen Körper schüttelten. Flynn schaltete die Kamera ab. Das weinende Gesicht verschwand vom Hauptschirm, und wurde wieder vom rätselhaften Anblick Hakeldamachs ersetzt, der bereit war, sie zu empfangen.
»Ich fürchte, das war leider schon alles«, sagte Tobias. »Er sagt immer wieder das gleiche, immer und immer wieder. Immer dann, wenn er zu weinen aufhört. Oder zu schreien. Als hätte ihn das, was er gesehen hat, so sehr verängstigt, daß sein Verstand in einer Endlosschleife steckengeblieben ist und sich bis in alle Ewigkeit wiederholt. Er starb bald, nachdem diese Aufzeichnung angefertigt wurde. Wahrscheinlich war es für ihn eine Erlösung. Er war absolut sicher, daß jeder Mensch auf diesem Planeten tot sei – was die Frage aufwirft, wer dann diesen endlosen Krieg führt, von dem er gesprochen hat. Dazu gibt es die verschiedensten Theorien, und keine davon fördert einen guten Schlaf. Falls einer von Euch hilfreiche Ideen oder Kommentare hat – fühlt Euch frei, sie uns mitzuteilen. Ich habe mir dieses Band angesehen, bis es mir aus den Ohren kam, und es macht mir immer noch eine Heidenangst. Immerhin war dieser Mann ein erfahrener Aufklärer. Er hat alles gesehen.
Und Hakeldamach hat ihn zu einem schluchzenden Kind werden lassen.«
»Ich habe das Band früher schon einmal gesehen«, sagte Flynn. »Ich kannte einen der Leute, die ihn nach seiner Rückkehr in Empfang nahmen . Wir wissen nicht, warum Marriner überlebte, während der Rest seiner Mannschaft starb, oder wie er es geschafft hat, den Planeten wieder zu verlassen. Der Kapitän des Imperialen Sternenkreuzers schwor Stein und Bein, daß niemand die Quarantäne durchbrochen hatte. Man fand Marriner, wie er in den Straßen von Golgathas größtem Raumhafen umherirrte. Er weinte ununterbrochen und erzählte jedem seine Geschichte, der sie hören wollte.
Sicherheitsleute griffen ihn auf, doch sein Schiff wurde nie gefunden. Bis heute ist es rätselhaft, wie er auf Golgatha landen konnte, ohne Alarm auszulösen. Was eigentlich unmöglich sein sollte.«
»Das ist tatsächlich unmöglich«, stimmte ihm Evangeline Shreck zu. »Wie hätte er ganz allein ein Schiff von hier bis nach Golgatha steuern sollen? Lektronen sind nicht allmächtig.
Irgend jemand muß bei ihm gewesen sein. Irgend jemand muß ihm geholfen haben.«
»Falls es so war, dann sind seine Helfer niemals aufgetaucht.
Und das, obwohl verdammt viele Leute nach ihnen gefahndet haben. Die Imperatorin war außer sich vor Wut wegen der Lücke in ihrem Sicherheitssystem , und sie war alles andere als beruhigt, als die Suche ergebnislos blieb. Sie nimmt die Sicherheit ihrer Regierungswelt sehr ernst. Wie ich gehört habe, wurden nicht lange danach eine ganze Reihe von Stellen in den oberen Rängen des Sicherheitsdienstes frei.«
Julian biß sich auf die Unterlippe. Er spürte, wie sich der vertraute Kopfschmerz wieder einstellen wollte. Er durfte ihm jetzt nicht nachgeben. Niemand durfte sehen, daß er schwach war. Nicht jetzt. Er schlang die Arme um den Leib und atmete tief und langsam durch. Es würde nicht viel helfen – das tat es nie –, aber er mußte etwas unternehmen, um sich abzulenken… Er beugte sich vor und konzentrierte sich auf die Sensorpa-neele. Er spürte , wie kalter Schweiß auf seine Stirn trat. Hoffentlich bemerkten es die anderen nicht.
»Ich dachte . Harker hätte eine persönliche Signalboje?« fragte er vorsichtig.
»Hatte er«, bestätigte Finlay. »Nicht lange nach seiner Bruchlandung auf Shannons Welt zog er sie aus und ließ sie in dem abgestürzten Schiff zurück. Wir wissen nicht warum. Inzwischen kann er überall sein.«
»Vielleicht ist er sogar tot«, bemerkte Giles.
»Denkt positiv!« sagte Tobias. »Wenigstens erhalten wir ein deutliches Signal von der Boje. Vielleicht finden wir in seinem Schiff Hinweise, wo wir als nächstes nach ihm suchen müssen.«
»Landet direkt neben Harkers Schiff, Feldglöck«, befahl Giles. »Und dann laßt uns alle beten, daß die Spur nicht so kalt ist, wie sie zu sein scheint. Ansonsten müssen wir vielleicht verdammt lang suchen.«