Finlay landete das umgebaute Frachtschiff auf einer weiten, grasbewachsenen Ebene, nur wenige hundert Meter von der abgestürzten Rettungskapsel entfernt. Die Kapsel sah ziemlich mitgenommen aus; doch das Signal der Boje war klar und deutlich. Nirgendwo eine Spur von Leben. Giles stieg selbstverständlich als erster aus, mit gezücktem Schwert und schußbereiter Pistole. Mißtrauisch schaute er sich um. Dann winkte er den anderen, ebenfalls auszusteigen und sich zu ihm zu gesellen. Finlay sprang förmlich durch die Schleuse und blieb neben dem Todtsteltzer stehen. Tobias und Flynn folgten ihm dicht auf den Fersen. Langsam näherten sich die vier der Kapsel, während sie unablässig nach versteckten Fallen suchten.
Evangeline Shreck und Julian Skye blieben zurück, um die Wilde Rose zu bewachen und alles für einen Notstart bereitzu-halten, sollte es erforderlich sein. Beide fühlten sich unwohl in der Gesellschaft des jeweils anderen, und so untersuchten sie die Umgebung ein wenig angestrengter als eigentlich nötig.
Nach den Instrumenten und dem Hauptschirm zu urteilen erstreckte sich die grasbewachsene Ebene in alle Richtungen bis hin zum Horizont, ein frisches, intensives, fast unnatürlich wirkendes Grün. Kein Zeichen von Leben. Keine Vögel, keine Insekten. Die gesamte Szenerie war vollkommen still, mit Ausnahme der leisen Schritte der Neuankömmlinge, die sich vorsichtig der Rettungskapsel näherten. Der Himmel war von einem strahlenden Blau, die Luft klar und sauber, und nirgendwo war eine Wolke zu sehen. Es war ein warmer, beruhigender Himmel, beinahe hypnotisch, genau die Sorte Himmel, unter der man sich stundenlang hinlegen und die Zeit vergessen konnte. Hoch oben im Zenit schien die große gelbe Sonne auf sie herabzugrinsen. Julian empfand das als ausgesprochen beunruhigend. Der Anblick erweckte in ihm ein Gefühl, als sei er in einem Laufstall eingesperrt und stünde unter Beobachtung.
»Wie zur Hölle haben sie das nur gemacht?« fragte er schließlich, nur um den Klang seiner eigenen Stimme zu hören.
Die Stille zerrte an seinen Nerven.
»Das ist gar nicht so schwer« antwortete Evangeline. »Eine Art holographische Projektion, schätze ich. Die eigentliche Frage muß lauten: Warum sollte jemand so etwas tun?«
»Vermutlich gehörte es zu Shannons Traum«, spekulierte Julian. Die Kopfschmerzen wurden schwächer, und er fühlte sich wieder halbwegs menschlich. »Riecht Ihr die Luft, die von draußen hereinkommt? Sauber, aromatisch und belebend. De-signerluft. Genau die Art von Liebe zum Detail, die Scharen von Besuchern anzieht.«
Evangeline schnüffelte. »Ganz in Ordnung, vermute ich, wenn man auf so etwas steht. Aber warum ist es so still? Wo sind denn nur alle geblieben? Gibt es sonst nichts anderes?«
Zum ersten Mal stahl sich ein schwaches Lächeln auf Julians Gesicht. »Das bezweifle ich sehr. Ich glaube kaum, daß Shannon Spitzenpreise hätte verlangen können, wenn das hier alles sein soll.«
»Ich weiß nicht«, sagte Evangeline. »Bei all dem Streß und Tumult in den höchsten Kreisen sind einige Leute bestimmt bereit, jeden Preis für garantierte Ruhe und Frieden zu zahlen.«
»Darauf würde ich keinen krummen Penny wetten«, entgegnete Julian. »Es ist einfach zu still. Es ist, als wartet alles darauf, daß… daß irgend etwas passiert. Etwas Schreckliches.«
»Seid Ihr immer so aufmunternd?« fragte Evangeline.
»Die meiste Zeit über«, gestand Julian. »Wartet nur ab, und ich fange an zu singen und zu tanzen. Ihr behaltet die Instrumente im Auge, und ich versuche einen psionischen Scan. Ich will sehen, ob ich vielleicht etwas empfangen kann.«
»Haltet Ihr das für klug?« fragte Evangeline mit sorgfältig neutraler Stimme. »Die Ärzte meinten, Ihr würdet noch immer keine größeren Aufregungen vertragen.«
»Ich komme schon klar«, schnappte Julian zurück. »Wäre ich anderer Meinung, wäre ich sicher nicht hier.«
Julian konzentrierte sich, und sein Bewußtsein griff hinaus.
Er suchte nach versteckten Überraschungen und Zeichen von Leben. Julian wußte, daß er einen Fehler machte, aber er mußte etwas beweisen, wenn auch nur sich selbst. Der Rest der Mannschaft erstrahlte hell rings um ihn herum, und er empfand ihre Menschlichkeit als warm und tröstend. Die abgestürzte Rettungskapsel war dunkel und leer. Sämtliche Systeme waren abgeschaltet, und nur die Signalboje schrillte endlos, wie ein hungriger junger Vogel in seinem Nest. Julian griff weiter hinaus und untersuchte die grasbewachsene Ebene. Seine Reichweite war beschränkt, verglichen mit dem, wozu er fähig gewesen war, bevor die Imperialen Hirntechs sich an seinem Kopf zu schaffen gemacht hatten; doch er zerrte an diesen Grenzen, so gut er konnte. Er brauchte einfach das Gefühl, ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft zu sein. Julian wollte nicht, daß irgend jemand ihn als fünftes Rad am Wagen betrachtete. Finlay sollte stolz auf ihn sein. Und so mühte er sich nach Leibeskräften und ignorierte die Kopfschmerzen, die sich schon wieder hinter seiner Stirn zusammenzogen – und plötzlich hatte er Kontakt: Zwei von ihnen, unmittelbar hinter dem Horizont, und sie waren in ihre Richtung unterwegs. Julian wollte verdammt sein, wenn er sagen konnte, was sie waren.
Ganz definitiv lebten sie: Ihr Verstand leuchtete hell und strahlend, aber sie waren mit nichts zu vergleichen, was er je gesehen hatte. Intelligent, zielstrebig, aber nicht menschlich. Er konnte ihre Bewußtseine spüren, doch er vermochte ihre Gedanken nicht zu deuten. Und doch war an ihnen etwas Vertrautes, als wäre er ihnen früher schon einmal begegnet. Julian zog sich fluchtartig zurück. Es war eine instinktive Schutzreaktion, und auf der Flucht stolperte sein Geist über etwas anderes, so nah, daß er es vorher glatt übersehen hatte. Der Schock stieß ihn in seinen Körper zurück, und er verbarg den Kopf in den Händen und stöhnte laut. Evangeline trat rasch zu ihm.
»Was ist? Was habt Ihr gesehen?«
»Wir sind nicht allein«, antwortete er mit schwerer Zunge.
»Es gibt ein zweites Schiff, keine zwanzig Fuß von uns entfernt. Es liegt unter dem Gras vergraben. Und es ist voll mit Toten. Gebt den anderen Bescheid.«
Mit vereinten Anstrengungen gelang es ihnen, im Laufe der nächsten Stunde die Luftschleuse des anderen Schiffs auszugraben. Sie war verschlossen, und die Energiespeicher waren leer; deshalb mußten sie die Außenluke mit der äußeren Hand-steuerung öffnen. Im Innern herrschte Dunkelheit . Sämtliche Systeme waren tot. Sie warteten ungeduldig, während Finlay zur Wilden Rose zurückkehrte und Lampen holte. Niemand verspürte das Bedürfnis, ohne Licht weiter vorzudringen. Julian murmelte noch immer irgend etwas von Toten vor sich hin.
Langsam tasteten sie sich durch dunkle Gänge voran, und nach und nach enthüllten ihre hüpfenden Lichtkegel die Geheimnisse des Schiffs. Es war eine Imperiale Pinasse. Sie stammte wahrscheinlich von dem Sternenkreuzer im Orbit.
Irgend jemand hatte das Schiff wie wild beschossen, doch es war trotzdem sicher gelandet. Die Rebellen durchsuchten die Pinasse vom Bug bis zum Heck; aber sie entdeckten kein Zeichen von Leben. Sie fanden nichts als Blut. Altes, getrocknetes Blut. Dunkel und schwer und über den gesamten Innenraum verteilt. Die innere Hülle war noch intakt, trotz aller Beschädigungen, die die Pinasse während der Landung erlitten hatte.
Also mußte, was auch immer geschehen war, nach der Landung stattgefunden haben.
»Diese Blutflecken sind schon lange trocken«, sagte Tobias.
»Was auch immer hier runtergekommen ist, es ist vorbei. Ich schätze, daß der Krieg irgendwo anders weitertobt.«
Finlay entnahm den Speicherkristall mit dem Logbuch der Pinasse und brachte ihn zur Wilden Rose zurück. Dann ließ er die letzten Einträge über den Hauptschirm laufen. Die Pinasse war tatsächlich von dem Imperialen Sternenkreuzer Erlösung heruntergeschickt worden, der die Quarantäne überwachte. Sie hatte eine Besatzung von zwanzig Mann gehabt, alles trainierte Elitetruppen, Aufklärer der Marineinfanterie. Sie waren Harkers Signal zu der Boje gefolgt und direkt neben seiner Kapsel gelandet. Danach gab es keine Logbucheintragungen mehr.