»Sie hatten die gleiche Idee wie wir«, sagte Tobias. »Und seht nur, was mit ihnen geschehen ist.«
»Wir wissen nicht, was mit ihnen geschehen ist«, unterbrach ihn der erste Todtsteltzer gereizt. »Wir wissen bisher nicht, was mit irgendeinem der Vermißten geschehen ist.«
»Jedenfalls ergibt nichts von alledem einen Sinn«, sagte Evangeline. »Falls das Aufklärungsteam getötet wurde, wo sind dann die Leichen? Und warum hat man das Schiff statt der Leichen beerdigt?«
»Noch mehr Geheimnisse«, sagte Giles. »Ich hasse Geheimnisse. Nach unseren Sensoren zu urteilen, befindet sich eine Art Gebäude direkt hinter dem Horizont, von hier aus in Richtung Osten. Ich würde sagen, wir gehen hin und riskieren einen Blick. Vielleicht finden wir dort ein paar Antworten. Oder wenigstens ein paar Hinweise.«
»Was ist mit den beiden Kontakten, die ich entdeckt habe?« erkundigte sich Julian. »Sie sind ganz definitiv irgendeine Art von Lebensform, und sie sind in unsere Richtung unterwegs.«
»Falls Ihr etwas zu sehen bekommt, das keiner von uns und auch nicht Harker ist, dann habt Ihr meine Erlaubnis, zuerst zu schießen und dann erst zu fragen, wenn überhaupt«, knurrte Finlay. »Auf dieser Welt ist nur eines sicher: nämlich daß wir keine Freunde hier unten haben. Diese Ecke von Hakeldamach mag vielleicht ruhig und friedlich erscheinen, aber das heißt noch lange nicht, daß wir dem Frieden trauen dürfen. Bleibt wachsam. Auf dieser Welt sterben Menschen.«
Und so brachen sie auf und marschierten über die Grasebene davon. Zur einer anderen Zeit oder auf einer anderen Welt wäre es vielleicht ein erholsamer Spaziergang gewesen. Die sanft geschwungenen Hügel waren genau richtig, um die Steifheit aus ihren Gliedern zu vertreiben, und die Luft war voll vom aromatischen Duft frisch gemähten Grases. Der Tag war warm genug, um angenehm leichte Kleidung zu tragen, und die hin und wieder aufkommende Brise verhinderte, daß sie ins Schwitzen gerieten. Sie kamen rasch voran, ohne daß das Gehen in einen Gewaltmarsch ausgeartet wäre, und das Gras richtete sich unmittelbar hinter ihnen wieder auf, ganz gleich, wie fest sie darauf herumtrampelten. Vollendet gutes Wetter in einer stillen, leeren Welt unter einer Sonne mit einem lächelnden Gesicht.
Der Horizont erstreckte sich vor ihnen, und irgendwann wurde eine Senke in der Landschaft sichtbar, die an einen gewaltigen grasbewachsenen Krater erinnerte. In der Mitte des Kraters stand ein großes Gebäude, eine einfache, quadratische Konstruktion in hellen, freundlichen Farben. Zwischen den Rebellen und dem Bauwerk befand sich ein großer Torbogen, der über und über mit wirbelnden roten und weißen Streifen bedeckt war. Auf einem großen Schild über dem Durchgang stand zu lesen: Willkommen im Sommerland!
Die Rebellen blieben vor dem Bogen stehen und betrachteten das Schild. Die Schrift bestand aus großen Druckbuchstaben, die irgendwie an ein Comicheft oder an die Fibel eines Erstkläßlers erinnerten, und sie waren mit Absicht hell und freundlich und nicht bedrohend gehalten . Über dem Schild waren Scheinwerfer befestigt , doch irgend jemand hatte sie allesamt eingeschlagen. Die Fundamente des Torbogens waren mit alten, trockenen Blutspritzern übersät.
Das Gebäude hinter dem Bogen trug ebenfalls ein Schild, auf dem Empfangsstation zu lesen stand. Giles ging mit gezückter Waffe darauf zu, und die anderen folgten ihm. Das Geräusch ihrer Schritte im Gras wirkte in der merkwürdigen Stille auf einmal unnatürlich laut. Alle hatten das Gefühl, beobachtet zu werden; doch gleichgültig, wie schnell sie in diese oder jene Richtung starrten oder herumwirbelten, nie war irgend jemand zu sehen. Als sie sich dem Gebäude näherten, entdeckten sie, daß der mysteriöse Krieg die Empfangsstation keinesfalls verschont hatte. Die Innenwände waren noch immer erbarmungslos hell und bunt, doch sie zeigten die Pockennarben und Brandspuren von Disruptorstrahlen. Lange gezackte Risse im Boden und Löcher in der Decke zeugten vom Einsatz von Granaten. Überall fanden sich schwarze Brandspuren von Feuern, die man sich selbst überlassen hatte, bis sie schließlich erloschen waren. Und obwohl die Wände noch standen, lag die Empfangsstation jetzt kalt und leblos da.
Die Rebellen bewegten sich langsam voran. Sie suchten in jedem Winkel nach potentiellen Feinden. Mit Ausnahme von Tobias und Flynn hielten inzwischen alle ihre Waffen in den Händen. Die beiden Reporter bannten die Ereignisse auf Film.
Die eigenartige Stille hüllte die Rebellen ein wie ein Schleier, während sie sich von Raum zu Raum vorarbeiteten. Das hölzerne Mobiliar war auseinandergerissen worden und die Trümmer achtlos beiseite geworfen wie Brennholz. Ein Teil davon war tatsächlich benutzt worden, um Feuer in Gang zu bringen; doch diese waren schon längst erloschen. An den Wänden hingen Bilder, die Kinder gemalt hatten. Sie waren verrußt und versengt von der Hitze und wellten sich an den Rändern. Einige waren mit eingetrocknetem Blut bespritzt. Die Rebellen fanden ungewöhnlich große Kinderspielsachen, die achtlos umgeworfen worden waren. Je weiter die Rebellen vordrangen, desto häufiger stolperten sie über Spielsachen, die verstreut auf dem Boden lagen, als wären ihre Besitzer beim Spielen unterbrochen worden oder in aller Eile geflüchtet.
Doch trotz all der Zerstörung und dem Chaos, trotz der Spuren von Feuern und der eingetrockneten Blutlachen wurden die Räume weiterhin von hellen, freundlichen Farben beherrscht.
Es schien fast, als wanderten die Rebellen durch eine verlassene Kinderkrippe.
Aber wenn das eine Kinderkrippe sein sollte – wo steckten dann die Kinder?
Und dann erreichten sie die Turnhalle und mußten all ihre Selbstbeherrschung aufbringen, um den Blick nicht abzuwenden. Sie befanden sich im Herzen des Gebäudes, und helles Sonnenlicht fiel durch die zerbrochenen Fenster herein. Es fiel auf Klettergestelle, Schwebebalken und andere einfache Turn-geräte. Die meisten waren zerstört oder umgeworfen. Im hinteren Teil der Halle hatte man eine Reihe von Pfählen in den Boden gerammt. Und auf den Pfählen steckten zwanzig menschliche Köpfe. Von den Körpern fehlte jede Spur, und Blut war ebensowenig zu sehen. Die geschrumpften, mumifi-zierten Gesichter erwiderten die entsetzten Blicke der Rebellen aus leeren Augenhöhlen. Ihre Münder waren in lautlosen, nicht enden wollenden Schreien aufgerissen.
Evangeline trat dicht neben Finlay. Sie hielt den Kolben ihrer Waffe so fest gepackt, daß ihre Knöchel weiß hervortraten.
Wenn sich in diesem Augenblick irgend etwas in den Schatten bewegt hätte – sie hätte ohne Zögern gefeuert. Sie empfand nichts als Wut und Raserei über das, was man diesen Männern und Frauen angetan hatte. Irgendwie wußte sie tief in ihrem Innern und so sicher, daß noch nicht einmal der Schatten eines Zweifels blieb, daß kein menschliches Wesen hinter dieser Geschichte steckte . Das hier war ein Affront gegen die gesamte Menschheit, und die Wesen, die dafür verantwortlich waren, hatten alles sorgfältig geplant und sich an der Ausführung er-götzt.
Giles starrte um sich. Er suchte nach einem Gegner , an dem er Rache nehmen konnte, doch es war keiner da. Tobias gab Flynn ein Zeichen, und der Kameramann nickte und schickte seine Kamera für eine Nahaufnahme in die Höhe. Langsam schwenkte das Objektiv über verzerrte Gesichter.
»Ihr Mistkerle!« fluchte Julian. Seine Stimme zitterte vor Wut, die er nur mühsam unter Kontrolle halten konnte. »Ihr verfluchten Geier! Habt Ihr denn überhaupt keinen Sinn für Anstand? Ist das alles, woran Ihr denken könnt? Widerliche Aufnahmen für ein blutrünstiges Zuschauerpack? Läßt Euch das hier etwa alles kalt?«