»Sicherlich nicht«, antwortete Tobias . »Deswegen filmen wir auch jedes einzelne Gesicht. Auf diese Weise können die Angehörigen wenigstens ihre Toten identifizieren.«
»Oh?« sagte Julian. »Ich… es tut mir leid.«
»Außerdem sind diese Aufnahmen das reinste Dynamit. Die Frühnachrichten werden sich überschlagen. Das ist genau die Sorte Material, die Preise gewinnt.«
»Ganz zu schweigen von den Prämien«, fügte Flynn hinzu.
»Genau«, pflichtete ihm Tobias bei. »Und wenn einigen Leuten das Frühstück vergeht, um so besser. Wenn wir Glück haben, ruft sogar jemand an und beschwert sich. Soviel Publicity ist mit Geld gar nicht zu bezahlen.«
Julian wußte nicht, wie er darauf antworten sollte, ohne zu schreien, und so schwieg er lieber. Er wollte nicht, daß die anderen glaubten, Julian Skye wäre nicht imstande, sich unter Kontrolle zu halten. Fragend blickte er zu Finlay. Der Feldglöck starrte auf die abgetrennten Köpfe, ohne sie zu sehen.
Seine Stirn lag in Falten. Er versuchte, sich an etwas zu erinnern. Evangeline legte ihm die Hand auf den Arm.
»Was ist los, Finlay?«
»Ich kenne diesen Ort«, antwortete er langsam. »Sommerland. Irgend jemand hat mir vor langer Zeit davon erzählt…
Das hier war mehr als nur ein Vergnügungsplanet.«
»Was denn noch?« erkundigte sich Giles.
»Ich weiß es nicht mehr genau«, antwortete Finlay. »Aber… ich glaube, es war eine Therapiewelt.«
»Draußen ist jemand«, meldete Julian unvermittelt. Alle fuhren herum und starrten den jungen Esper an – mit Ausnahme von Giles Todtsteltzer, der nur langsam nickte, als habe er längst damit gerechnet.
»Ja«, sagte er leise . »Zwei von ihnen . Sie warten beim Eingang.«
Julian sah ihn fragend an. »Seit wann besitzt Ihr ESP , Todtsteltzer?«
»Ich besitze keins« , erwiderte Giles. »Ich weiß eben manchmal Dinge , das ist alles. Führt einen vollständigen Scan durch.
Ihr seid der Esper.«
Julian konzentrierte sich. »Zwei Lebewesen. Definitiv nicht menschlich. Aber… irgendwie mit Menschen verwandt. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gespürt. Sie warten darauf, daß wir rauskommen. Sie haben anscheinend nichts Böses im Sinn.«
»Dann laßt uns gehen und mit ihnen reden«, sagte Finlay.
»Wollen wir hoffen, daß sie uns ein paar Antworten geben können. Ich bin nämlich absolut nicht in der Stimmung für weitere Geheimnisse. Ich will nur irgend etwas, das ich schlagen kann.«
Die Rebellen marschierten rasch durch die verwaisten Gänge wieder in Richtung Ausgang, ohne in ihrer Wachsamkeit nach-zulassen. Sie rechneten jederzeit mit einem Hinterhalt. Schließlich erreichten sie ohne Zwischenfall den Ausgang und blieben stolpernd stehen. Der Anblick dessen, was dort draußen auf sie wartete, verschlug ihnen die Sprache.
Vor dem Eingang wartete seelenruhig ein vier Fuß großer Teddybär mit honiggelbem Fell und dunklen, intelligenten Knopfaugen. Er trug eine hellrote lange Hose und einen Umhang in der gleichen Farbe, und um den Hals hatte er einen langen hellblauen Schal geschlungen. Der Teddybär sah warm und freundlich aus und erweckte einen ausgesprochen vertrauenswürdigen Eindruck, was man von seinem Begleiter nicht gerade behaupten konnte. Dieser war gut über sechs Fuß groß und steckte in einem langen, schmutzigen Trenchcoat, an dem die Hälfte der Knöpfe fehlte. Er sah halbwegs menschlich aus – wenn man von den Hufen absah, sowie von den Klauenhänden und dem großen Ziegenschädel mit den langen, geschwungenen Hörnern und dem ständigen bösen Grinsen im Gesicht. Das graue Fell war dort, wo man es sehen konnte, schmutzig und stumpf, und in den Augen funkelte eine gefährliche Wildheit.
Finlay und seine Begleiter verharrten vor dem Eingang. Sie drängten sich dicht zusammen und rührten sich nicht. Was auch immer sie erwartet hatten, das hier jedenfalls nicht. Julian hätte den Gehörnten am liebsten auf der Stelle niedergeschos-sen; doch irgendwie brachte er es nicht fertig. Irgend etwas an den beiden, dem Teddybären und dem Gehörnten… Julian trat einen Schritt vor und sah von dem Bären zu dem Gehörnten und wieder zurück.
»Ich kenne Euch«, sagte er heiser. »Ich kenne Euch doch, oder nicht?«
»Selbstverständlich kennst du uns«, sagte der Teddybär mit herzlicher, verständnisvoller Stimme. »Alle Kinder kennen uns.«
»Ihr seid Reineke Bär und der Seebock«, sagte Julian. »Die Freunde und Idole eines jeden Kindes.«
»Genau!« sagte Evangeline und trat neben Julian. Ihre Augen waren auf den Bären gerichtet. »Ich hatte all Eure Abenteuer, als ich noch ein… Kind war. All die Wunder und die phanta-stischen Welten! Ich erinnere mich. Es gab Bücher und Zeichentrickholos und interaktive Spiele, die sich um Eure Abenteuer in den Goldenen Ländern drehten. Ich erinnere mich…«
»Ja, schön. Uns gibt es schon eine ganze Weile«, unterbrach sie der Seebock . »Nicht, daß wir je eine königliche Hoheit zu Gesicht bekommen hätten, glaubt das ja nicht. Doch so ist das eben, wenn man nicht real ist und sich keinen guten Anwalt leisten kann.«
»Ihr seid Automaten«, sagte Finlay. »Mechanische Apparate mit einprogrammierten Verhaltensweisen in der Gestalt beliebter Kinderfiguren.«
»Nein«, antwortete der Seebock . »Wir sind nur Spielzeug.
Wir sind alle nur Spielzeug hier.«
»Willkommen im Sommerland«, sagte Reineke Bär. »Oder dem, was davon noch übrig ist. Wir sind hier, weil wir uns um Euch kümmern wollen.«
»Wir müssen unbedingt ein Interview mit den beiden haben«, flüsterte Tobias zu Flynn. »Reineke Bär und der Seebock, live und in Lebensgröße. Die Leute sind wie verrückt nach diesem nostalgischen Zeug. Verdammt , was werden wir sonst noch alles auf dieser Welt treffen? Die Gedankenboggler.«
»Ich mochte das Wort Boggler schon immer«, sagte der Seebock. »Ich schätze, es sind die beiden Gs. Ich mag auch das Wort Marmelade. Es macht so interessante Dinge mit dem Mund. Maaaarmelllaaade.«
Giles sah die anderen an. »Ihr kennt diese beiden Gestalten?
Sie waren schon zu meinen Lebzeiten Klassiker. Wenn sie immer noch populär sind, dann ist das Imperium vielleicht doch nicht so heruntergekommen, wie ich die ganze Zeit über gedacht habe.«
»Wir sind schwer loszuwerden«, sagte der Seebock. »Niemals ganz in Mode, nie ganz aus der Mode, aber auch nie ganz vergessen, das sind wir. Irgendein Schlaumeier versucht immer wieder, uns zu modernisieren; aber das funktioniert nicht, und am Ende kommen sie immer wieder auf die Klassiker zurück.
Das ist auch der Grund, warum wir hier gelandet sind. Ich glaube nicht, daß unser Schöpfer, wer zur Hölle er auch gewesen sein mag, ganz am Anfang der Zeit, sich jemals hätte träumen lassen, was hier geschehen würde. Komm jetzt, Bär, wir wollen dafür sorgen, daß sich die Bande in Bewegung setzt.
Bald wird es Abend, und nachts wird es draußen meist schlimm.«
»Halt, einen Augenblick noch«, sagte Finlay. »Niemand geht irgendwohin, bevor wir nicht ein paar Antworten erhalten haben. Fangen wir damit an, wer zur Hölle diese Soldaten getötet und ihre Köpfe auf Pfähle gespießt hat.«
»Die bösen Spielsachen«, antwortete Reineke Bär. »Die bösen Spielsachen haben jeden hier umgebracht. Inzwischen wissen sie sicher, daß Ihr gelandet seid. Sie werden kommen, um Euch zu töten. Bitte, kommt mit uns. Wir bringen Euch an einen sicheren Ort und erklären alles weitere unterwegs.«
Er lächelte die Menschen gewinnend an, und unwillkürlich erwiderten alle das Lächeln, ob sie wollten oder nicht. Er war eben so ein freundlicher Bär. Und weil er Reineke Bär war, das vertrauenswürdigste aller Tiere, blickten sich die Rebellen an, nickten einstimmig und folgten dem Bären über den grasbewachsenen Hang weg von der zerstörten Empfangsstation. Der Seebock bildete die Nachhut. Er brummte vor sich hin und starrte ununterbrochen mit wilden Blicken um sich, als erwarte er jeden Augenblick einen Angriff. Und das, obwohl sie alle meilenweit über die offene Grasebene sehen konnten und absolut nichts Lebendiges in Sicht war. Reineke Bär führte die kleine Gruppe, und er gab sein Bestes, fröhlich und zuversichtlich zu wirken, während er mit ruhiger, leiser Stimme eine Geschichte vor den Rebellen ausbreitete, die zunehmend finsterer und beunruhigender wurde. Und trotz aller Fremdartigkeit und allem Entsetzen glaubten die Rebellen Reineke Bär jedes einzelne Wort. Er war schließlich der beste Freund aller Kinder und dafür bekannt, niemals zu lügen.