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Und so war aus Shannons Welt Hakeldamach geworden, der Blutacker.

»Der Krieg geht weiter«, berichtete Reineke Bär traurig, während er die kleine Gruppe von Rebellen über die weitläufige grasbewachsene Ebene führte. »Die bösen Spielzeuge sind uns guten zahlenmäßig weit überlegen; aber solange wir sie daran hindern können, diese Welt zu verlassen, sind wir die Sieger. Heutzutage kommen nur noch wenige Menschen vorbei, und die meisten davon sterben rasch. Einige bringen sich sogar selbst um, wenn sie entdecken, welch schreckliche Tat Shub begangen hat. Und genau aus diesem Grund sind der Seebock und ich zu Euch gekommen. Damit Ihr sehen könnt, daß nicht alle Spielzeuge den Menschen den Rücken zuge-wandt haben.«

»Und weil wir versuchen wollen, Euch an einen verhältnismäßig sicheren Ort zu bringen, bevor die bösen Spielzeuge auftauchen und Euch zeigen können, wie Ihr von innen aus-seht«, fügte der Seebock hinzu. »Ich weiß, was Ihr jetzt denkt.

Ihr habt Pistolen und Schwerter . Ihr seid harte Burschen. Es würde keinen Unterschied machen. Seit unserer Verwandlung sind wir wirklich verdammt schwer umzubringen. Am Ende würdet Ihr sterben, genau wie alle anderen auch: mit Schreien auf den Lippen. Und ich habe schon verdammt zu viele Schreie gehört.«

»Glaubt ja nicht, mein Freund hier würde übertreiben«, sagte Reineke Bär. »Den bösen Spielzeugen ist es ganz egal, wie schwer Ihr sie mit Euren Pistolen oder Schwertern beschädigt.

Sie rücken trotzdem immer weiter vor, Welle um Welle, bis Ihr alle tot seid. Sie hassen Euch unendlich.«

»Und Ihr haßt uns nicht?« erkundigte sich Evangeline.

»Selbstverständlich nicht. Ich hasse niemanden. Ich bin Reineke Bär. Und der Seebock… ist ebenfalls gut.«

»Ich danke dir auch recht schön«, meckerte der Bock. »Als nächstes wirst du ihnen noch erzählen, ich hätte ein goldenes Herz. Warum heftest du mir nicht gleich eine Medaille an die Brust?«

»Wohin bringt Ihr uns eigentlich?« fragte Julian. Er rieb sich mit langsamen, besorgten Bewegungen über die Stirn.

»Wir gehen zur Spielzeugstadt«, antwortete Reineke Bär.

»Dort seid Ihr in Sicherheit. Wenn es irgendwo in Sommerland noch so etwas wie Sicherheit gibt.«

»Reineke Bär, nennt uns jeden Betrag, aber wir müssen ein Interview mit Euch haben!« sagte Tobias Shreck. »Diese Geschichte hat einfach alles! Tod, Pathos, Tragödie und neue KIs.

Eine ganz neue Form von intelligentem, künstlichem Leben!

Die erste unabhängige nichtmenschliche intelligente künstliche Lebensform, seit die abtrünnigen KIs nach Shub gegangen sind! Das hier, das ist Geschichte, Leute! Flynn, daß du mir auch ja alles filmst! Wir werden es später schneiden.«

»Kein Problem«, erwiderte Flynn. »Ich habe reichlich Speicher frei. Oh, einen Augenblick! Das glaube ich einfach nicht!«

Sie hatten den Kamm eines sanft geschwungenen Hügels erreicht und sahen den Hang hinunter. Unten im Tal wartete eine dampfgetriebene Spielzeuglok mit hellen, bunten Anhängern auf sie. Die Lok war purpurn und schwarz mit einem großen, fröhlichen Gesicht auf der Front, und aus dem Schornstein kamen fröhliche Dampfwölkchen. Die offenen Waggons besaßen allesamt unterschiedliche Farben, hell und leuchtend bunt, und keiner war mehr als zwei oder drei Meter lang. Die Sitze waren groß genug, um vier ausgewachsenen Menschen Platz zu bieten. Glänzend silberne Schienen erstreckten sich bis zum Horizont. Die Lok blickte zu der kleinen Gruppe auf dem Kamm hinauf, zwinkerte mit einem großen aufgemalten Auge und tutete einladend. Reineke Bär winkte zur Antwort mit einer pelzigen Pfote. Finlay öffnete den Mund zwei- oder dreimal, dann schüttelte er heftig den Kopf.

»Vergeßt es. Ich werde mich nicht auf dieses Ding setzen!

Ich gehe lieber zu Fuß. Zur Hölle, ich würde sogar lieber auf allen vieren kriechen! Ich habe schließlich einen Ruf zu verteidigen. Ich habe hart dafür kämpfen müssen. Wenn ich auch nur einen Sekundenbruchteil in Tobias’ Film zu sehen bin, wie ich mit den Knien im Gesicht in einem dieser Anhänger hocke… niemand wird mich jemals wieder ernst nehmen!«

Reineke Bär kratzte sich den pelzigen Kopf. »Ich fürchte, das ist das einzige Transportmittel, das uns zur Verfügung steht«, sagte er. »Einst hatten wir eine Goldene Straße, aber sie wurde im Krieg zerstört. Außerdem führte sie niemals zu irgendeinem Ziel. Sie war nur Dekoration. Heutzutage bitten die kleineren Spielzeuge die größeren, daß sie sie auf ihren Rücken mitnehmen, aber die meiste Zeit über gehen wir einfach zu Fuß.

Selbstverständlich gibt es noch die Flugzeuge, aber sie landen nicht mehr. Sie beteiligen sich nicht an den Kämpfen. Sie fliegen immer nur. Für immer in der Luft, hoch über der Welt, weit weg vom Krieg und allen Schwierigkeiten. Nur die Eisenbahn ist noch in Betrieb, und selbst sie ist nicht sakrosankt.

Beide Seiten haben schon die Schienen ausgegraben, wenn sie sich dadurch einen Vorteil erhofften. Der Weg sollte im Augenblick frei sein; aber ich kann nicht dafür garantieren, daß dieser Zustand anhält. Ich empfehle wirklich, daß wir von hier verschwinden, und zwar schnell . Sofort! Mit der Eisenbahn!«

»Bewegt Euch«, forderte der Seebock und funkelte die Menschen unparteiisch an . »Oder ich streife mein Gehörn an Euch ab

Finlay starrte Tobias und Flynn an . »Dieser spezielle Teil unserer Mission sollte besser äußerst sorgfältig redigiert werden«, sagte er . »Oder ich werde Euch alle beide höchstpersönlich mit einer blanken Metallsäge redigieren.«

Tobias schaute zu Flynn. »Ich glaube, er meint es ernst.«

Flynn nickte feierlich.

Reineke Bär führte die kleine Gruppe den grasbewachsenen Hang hinunter zu den Schienen und half den Rebellen in die kleinen Waggons hinein. Es war überraschend gemütlich – wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hatte, daß man die Knie bis ans Gesicht anziehen mußte. Der Zug hörte auf den Namen Edwin, und er besaß eine hohe, fröhliche Stimme. Er schnatterte in einem dahin, bis alle Passagiere Platz genommen hatten, dann tutete er mehrmals mit seiner Pfeife, weil es so schön Krach machte, und setzte sich in Bewegung. Die Fahrt war holprig, und die Passagiere wurden mächtig durchgeschüttelt, obwohl Edwin nicht besonders schnell war. Die Waggons schwankten hin und her wie ein Boot auf dem Meer. Es gab keine Sicherheitsgurte, und so klammerten sich die Rebellen grimmig an die Waggons und aneinander . Reineke Bär gab sich die größte Mühe, den Passagieren zu versichern, daß die Eisenbahn absichtlich so konstruiert worden und die Fahrt trotz dem vollkommen ungefährlich sei, und die Rebellen gaben sich ihrerseits die größte Mühe, den Eindruck zu erwecken, als glaubten sie seinen Ausführungen . Der Seebock grinste die ganze Zeit über sardonisch und schwieg.

Edwin die Lokomotive war zuerst ein wenig scheu; doch sobald er herausgefunden hatte, daß die Rebellen nichts gegen sein Geplapper hatten, war er nicht mehr zum Schweigen zu bringen.

»Es ist so ein gutes Gefühl, endlich wieder Fahrgäste zu be-fördern«, sagte er und schnaufte zufrieden. »Ich meine, welchen Nutzen hat schon ein Zug, wenn er niemanden irgendwo hinbringen kann? Die anderen Spielsachen sind immer sehr nett zu mir und lassen sich für kurze Strecken hierhin und dorthin fahren, wenn sie gerade Zeit haben; aber das ist einfach nicht dasselbe. Denen ist es egal, wohin ich sie bringe. Außerdem sind sie keine echten Leute. Und ich muß einfach das Ge-fühl haben, etwas Nützliches zu tun. Ich wurde erschaffen, um nützlich zu sein. Ich habe eine Funktion zu erfüllen und nicht nur herumzustehen und nachzudenken. Das Denken wird meiner Meinung nach viel zu sehr überbewertet. Es behindert eine regelmäßige Arbeit. Ich schnaufe, also bin ich. Das ist alles, was ich brauche, um glücklich zu sein. Außerdem bin ich froh, endlich wieder einmal Menschen zu sehen. Ich habe Euch schrecklich vermißt. Ihr wart immer so fröhlich, wenn ich Euch mitgenommen habe. Ihr lacht die ganze Zeit und ruft Euch zu und deutet auf irgendwelche Dinge. Ihr wart immer so glücklich… damals.