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»Oh, selbstverständlich«, antwortete Edwin die Lokomotive.

»Ich habe seit einiger Zeit immer Reserveschienen bei mir. Nur für den Fall, versteht Ihr? Mit der Hilfe von Euch Menschen sind wir in einer Stunde damit fertig.«

»In Ordnung«, sagte Reineke Bär. »Bring uns so nah ran, wie du kannst, ohne in Gefahr zu geraten.« Er setzte sich wieder hin und machte eine sehr nachdenkliche Miene, ein Ausdruck, der ganz und gar nicht zu dem freundlichen runden Teddybärengesicht passen wollte. »Die Sache gefällt mir nicht«, sagte er unvermittelt zu Finlay und Julian. »Es gibt keinen Grund, warum irgend jemand so weit weg von allem die Schienen herausreißen sollte. Außer natürlich, um uns aufzuhalten . Und da weder der Bock noch Edwin oder ich für irgend jemanden von Bedeutung sind, kann das nur heißen, daß die bösen Spielzeuge über Euch Bescheid wissen. Und das würde wiederum bedeuten, daß wir ganz tief in der Doodoo stecken.«

Finlay schaute sich um. Die grasbewachsene Ebene erstreckte sich in jede Richtung. Weit und breit war nichts zu sehen, und alles wirkte friedlich und unschuldig. »Scheint alles ruhig zu sein«, sagte er.

Der Teddybär knurrte plötzlich. Es war ein dunkles, beunruhigendes Geräusch, das tief aus seiner Kehle kam. »Ihr dürft dem Frieden niemals trauen«, sagte er. »Nicht hier in Sommerland. Hier ist nichts so, wie es scheint. Nicht mehr.«

»Einschließlich Euch?«

»Einschließlich mir. Auch ich bin nicht mehr unschuldig.«

Der Zug verlangsamte seine Fahrt immer mehr und hielt schließlich an. Reineke Bär und der Seebock sprangen ab und eilten nach vorn. Die Menschen folgten ihnen etwas langsamer.

Sie waren insgeheim froh über die Gelegenheit, die eingeroste-ten Glieder strecken zu können und den Schmerz in den platt-gesessenen Hintern ein wenig zu mildern. Der Zug und seine Waggons waren nicht für lange Reisen geschaffen.

Der Bär gab ihnen ein Zeichen, und sie blieben, wo sie waren, während er und der Seebock die Schäden in Augenschein nahmen. Edwin stieß nervös Dampfwolken aus und entschuldigte sich augenblicklich. Reineke Bär beugte sich über die herausgerissenen Schienen und betrachtete sie nachdenklich.

Ein halbes Dutzend Schwellen war zerbrochen und die Teile in alle Winde verstreut worden. Eine flache Mulde im Gras war das einzige, was noch von ihnen übrig war. Deutlich war dunkle, lose Erde zu erkennen, die jemand nur notdürftig wieder geglättet hatte. Der Bär kniete vor der Mulde nieder. Der Seebock verzog das Gesicht und wollte die Hand ausstrecken, um seinen Freund zurückzuziehen.

»Nicht zu nah, Bär«, sagte er. »Ich habe ein schlechtes Ge-fühl bei der Sache.«

»Du hast immer ein schlechtes Gefühl wegen irgend etwas.«

»Meistens hab’ ich recht.«

Der Bär warf seinem Freund dem Bock einen verärgerten Blick zu, und in diesem Augenblick schoß eine Stoffhand aus der losen Erde hervor und umschloß den Knöchel von Reineke Bär. Der freundliche Teddy schrie erschrocken auf und fiel hintenüber. Er wollte hastig davonkriechen, und der Besitzer der Stoffhand kam aus der Mulde, die er unter den Schienen gegraben hatte. Er wand sich aus dem Erdreich wie eine Made aus einem Apfeclass="underline" Eine Stoffpuppe, aus Hunderten verschiedener Flicken zusammengestückelt; aber sie bestand nicht nur aus Stoff. Große Eisenklammern hielten ihre Gelenke zusammen, so daß sie aussah wie eine zerlumpte Frankensteinkreatur. Das Stoffgesicht war vor Haß und Wut verzerrt, als die Puppe die Menschen beim Zug erblickte. Dann riß sie den Mund weit auf, um zu schreien, und die Nähte rissen, mit denen er vernäht gewesen war. Die künstliche Stimme zeigte genügend menschliche Emotionen – ein entsetzliches, unversöhnliches Heulen der Wut und ewigen Feindschaft –, um den Menschen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

Reineke Bär trat mit dem freien Fuß nach Leibeskräften aus, doch es gelang ihm nicht, sich zu befreien. Die Stoffpuppe zog sich ganz aus der Mulde, während er noch zu fliehen versuchte, und eine Stoffhand mit einer bösartig aussehenden Machete darin kam zum Vorschein. Die Puppe fauchte den Bären an; dann schwang sie die Machete mit irrsinniger Geschwindigkeit.

Sie war nur noch ein paar Zentimeter vom Kopf des Bären entfernt, als der Energiebolzen eines Disruptorstrahls den Arm vom Körper der Puppe riß und ihn brennend durch die Luft wirbelte. Die Stoffhand umklammerte noch immer die Machete.

Der Seebock steckte den Disruptor in seinen zerschlissenen Mantel zurück und eilte nach vorn. Reineke Bär und die Puppe waren inzwischen in einen erbitterten Kampf verwickelt. Reineke Bär rollte sich plötzlich herum und begrub die Stoffpuppe unter sich. Aus seinen Pfoten wuchsen mit einemmal scharfe metallene Klauen.

Er bearbeitete die Stoffpuppe mit brutaler Gewalt, und Fetzen von Stoff segelten durch die Luft. Der Seebock hatte die Kämpfenden fast erreicht, als die Erde in der Mulde plötzlich zu kochen schien und ein Dutzend weiterer Stoffpuppen sich aus dem Grund arbeiteten wie Zombies aus ihren Gräbern.

»Steht nicht da herum!« kreischte Edwin die Lok die betäubten Menschen an. »Unternehmt endlich etwas! Helft den beiden!«

»Was zur Hölle!« fluchte Finlay und setzte sich mit dem Schwert in der Hand in Bewegung. »Wer Reineke Bär haßt, der gehört zu den bösen Buben!«

Die anderen folgten seinem Beispiel, und bald tobte eine wütende Schlacht um die herausgerissenen Schienen. Die Stoffpuppen waren geradezu unglaublich stark und ebenso beweglich. Ihre Gliedmaßen und Körper wanden und bogen sich in die unmöglichsten Richtungen, während sie angriffen. Sie waren allesamt mit Schwertern oder Macheten ausgerüstet, und die gezackten Klingen waren von altem Blut verkrustet . Die Schwerter der Rebellen schnitten tief in die Stoffleiber , ohne erkennbaren Schaden anzurichten. Tuch und Gewebe segelte durch die Luft; doch die Stoffpuppen grinsten nur ihr schreckliches Grinsen und hüpften und sprangen in schrecklichen Ver-renkungen und griffen unablässig an. Sie kämpften mit endloser Wildheit und schienen noch nicht einmal außer Atem zu kommen.

Julian durchbohrte eine der Puppen, wo das Herz hätte sein sollen; aber die Puppe fauchte nur und schob sich die Klinge tiefer in die Brust, um an Julian heranzukommen. Julian stemmte den Fuß gegen die weiche Brust der Puppe und hielt sie so auf Abstand, während er seine Klinge wieder befreite.

Die Puppe griff nach seinem Knöchel, und Julian wich hastig zurück, um ihrem Griff zu entgehen. Sie rückte nach und grinste erbarmungslos, und Julian fragte sich verzweifelt, wo zur Hölle er das verdammte Ding treffen mußte, um ihm weh zu tun.

Finlay und Evangeline kämpften Rücken an Rücken. Evangelines Künste mit dem Schwert waren nur rudimentär; doch Finlays Schnelligkeit und Meisterschaft reichten mehr als aus, um die Puppen auf Abstand zu halten, während sie ihm den Rük-ken deckte . Sie schlug und schwang das Schwert, so gut sie konnte, und versuchte im übrigen, ihr Entsetzen unter Kontrolle zu halten, während immer und immer mehr Puppen angriffen. Finlay weidete eine der Kreaturen mit einem wilden Seit-wärtsschwinger aus und entdeckte überrascht, daß eine dunkle Flüssigkeit, die an Blut erinnerte, aus dem tiefen Schnitt in dem Stoffbauch spritzte. Die Puppe kreischte wütend auf und kämpfte unbeeindruckt weiter, ohne an Kraft oder Schnelligkeit eingebüßt zu haben.

Rings um Giles Todtsteltzer war ein großer freier Raum. Seine Kraft und sein Langschwert erwischten jede Puppe, die unvorsichtig genug war, ihm zu nahe zu kommen, und fegten sie beiseite. Er hatte das Gesicht zu einer verächtlichen Fratze verzogen. Als einstiger Erster Krieger des Imperiums war es unter seiner Würde, gegen eine Bande wildgewordener Puppen antreten zu müssen – bis ihm bewußt wurde, daß er ihnen trotz aller Anstrengungen keine ernsthaften Wunden zufügen konnte. Ihr Angriff ließ nicht eine Sekunde in seiner Wucht nach.