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Der Erste Todtsteltzer stand einem Feind gegenüber, der nicht sterben wollte, und unwillkürlich lief ihm ein Schauder über den Rücken . Sosehr er auch nachdachte, er wußte nicht, wie er die Puppen stoppen sollte.

Tobias und Flynn hielten sich aus dem Kampfgeschehen heraus, während sie alles filmten. Flynns Kamera schwebte über dem Getümmel, nah genug, um keine Einzelheit zu verpassen, aber außer Reichweite für jeden Angriff. Tobias hatte das Ge-fühl, daß er sich eigentlich am Kampf beteiligen sollte – andererseits tröstete er sich mit dem Gedanken, daß er wahrscheinlich sowieso keinen sinnvollen Beitrag hätte leisten können, wenn selbst diese erfahrenen Kämpfer sich schwer taten.

Trotzdem hatte er ein schlechtes Gewissen.

»Zielt auf die Köpfe!« schrie er über den Lärm der Schlachtrufe und des Puppengekreisches hinweg. »Sie müssen irgendeine Art von Kontrollmechanismus besitzen! Zielt darauf!«

Finlay köpfte eine der Puppen. Der Kopf rollte und hüpfte über das Gras, und das Gesicht war noch immer von Haß entstellt. Der Körper kämpfte unbeeindruckt weiter.

»Natürlich«, sagte Flynn. »Das sind Automaten. Warum sollten ihre Gehirne auch in den Köpfen sitzen?«

Die Menschen wurden nach und nach zurückgedrängt und bildeten schließlich ein dichtes Knäuel, das die Stoffpuppen mit der Kraft der Verzweiflung auf Distanz hielt. Ganz gleich, wie schwer die Treffer auch waren, die sie hinnehmen mußten, die Puppen griffen unablässig weiter an. Sie schrien jetzt beinahe ohne Pause ihre Wut und ihren Haß hinaus. Giles hatte in den Zorn gewechselt , doch selbst mit seiner zusätzlichen Kraft und Schnelligkeit kam er nicht weiter. Die Stoffpuppen bewegten sich noch immer mit unheimlicher Geschmeidigkeit, und die fehlenden Gelenke verliehen ihnen auf Dauer einen gewaltigen Vorteil gegenüber Angriffen aus unerwarteten Richtungen. Ihre Energie schien unbegrenzt . Sie besaßen keine Muskeln, die ermüden konnten.

Reineke Bär und der Seebock versuchten verbissen, sich von ihren Gegnern zu lösen und ihren menschlichen Freunden zu Hilfe zu kommen, doch andere Puppen versperrten ihnen den Weg. Bär und Bock kämpften mit der Wildheit von Tieren, und sie rissen die Puppen nach und nach in Stücke. Sie konnten den Gedanken einfach nicht ertragen, daß auf ihrer Welt noch mehr Menschen sterben sollten.

Bis mit einem Mal Julian Skye das Schwert achtlos beiseite warf und sein ESP einsetzte. Die Machete einer Puppe zielte auf seinen Kopf, doch plötzlich wurden alle Puppen von einer Woge reiner psionischer Energie zurückgeschleudert, die aus dem jungen Esper hervorbrach. Der PSI-Sturm fegte die Puppen davon wie ein Hurrikan dürres Laub und riß sie in Stücke .

Die Menschen klammerten sich aneinander, doch sie blieben verschont. Reineke Bär und der Seebock preßten sich flach auf den Boden, und die bösen Puppen wirbelten über ihre Köpfe davon. Die Luft war voller Energie. Ein Stoffglied nach dem anderen löste sich; eine Naht nach der anderen platzte, und die Einzelteile landeten weit verstreut. Am Ende waren nur noch ein paar vereinzelte kleine Stück übrig, die zuckend rings um die Schienen lagen. Die Menschen senkten langsam ihre Waffen und sahen sich um, und Reineke Bär und der Seebock applaudierten heftig. Edwin die Lokomotive ließ wiederholt seine Dampfpfeife tuten. Er war völlig außer sich vor Erleichterung und Freude. Giles wandte sich zu Julian Skye um und funkelte den jungen Esper an.

»Warum zur Hölle habt Ihr damit nicht schon früher angefangen?«

Er unterbrach sich bestürzt, denn der junge Esper sank vor ihm auf die Knie. Ein dünner Blutfaden rann aus seiner Nase.

Er hustete rauh und versprühte dabei weiteres Blut. Sein Gesicht war mit einemmal leichenblaß. Er fiel langsam vornüber.

Giles bekam ihn gerade noch rechtzeitig an den Schultern zu fassen und hielt ihn fest. Er setzte sich vor den jungen Esper und hielt ihn in den Armen. Die Rebellen wollten sich um die beiden drängen, doch Giles bedeutete ihnen, sich fernzuhalten, damit Julian genug Luft zum Atmen hatte.

Der Bär und der Bock eilten herbei. Die beiden rissen erschrocken die Augen auf, als sie Julian so heftig bluten sahen.

Ein Zittern durchlief den Körper des jungen Espers; dann beruhigte er sich allmählich wieder. Sein Atem ging kräftiger und gleichmäßiger, und der Blutstrom aus seiner Nase versiegte. Er setzte sich auf, wischte sich mit der Hand über den Mund und schnitt eine Grimasse, als er das Blut sah. Evangeline reichte ihm ein Taschentuch. Er nickte ihr dankbar zu und säuberte sein Gesicht.

»Verdammt«, sagte er schließlich mit schwerer Zunge. »Das war überhaupt nicht gut. Einen kleinen Augenblick noch.

Gleich geht es wieder. Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht.

Ich fürchte, seit die Imperialen Hirntechs an mir herumge-pfuscht haben, bin ich ein wenig schwach geworden. Mein ESP ist nicht mehr zuverlässig, sonst hätte ich es schon viel früher eingesetzt

»Tut mir leid wegen eben«, entschuldigte sich der Erste Todtsteltzer. »Das wußte ich nicht.«

»Schon in Ordnung«, erwiderte Julian. Er wollte sich aufrich-ten, und Giles half ihm halb, halb zerrte er ihn vom Boden zu-rück auf die Beine. Julian atmete tief durch, dann stand er halbwegs sicher. »So ist es besser. Mir geht es wieder gut. Es sieht wirklich viel schlimmer aus, als es ist. Ihr solltet lieber nachsehen, ob die verdammten Puppen auch wirklich erledigt sind. Einige Körperteile scheinen sich noch immer zu bewegen.«

»Sicher«, sagte Finlay. »Wir kümmern uns gleich darum. Ihr bleibt hier und seht zu, daß Ihr Euch noch ein wenig erholt.

Evangeline, du paßt auf Julian auf.«

Er winkte die anderen mit einem Blick zu sich heran, und sie zogen los, um die überall verstreut liegenden Puppenteile in Augenschein zu nehmen. Kaum eines war noch größer als einen Fuß, und der Stoff war zu Lumpen zerrissen. Das Material, mit dem die Puppen ausgestopft waren, hing in langen Fetzen heraus. Hier und da lagen ein paar abgerissene Arme oder Beine herum, die noch immer zuckten oder sich im Gras hin und her wälzten. Ein Rumpf hatte fast unbeschädigt überlebt. Finlay kniete daneben nieder und starrte mit nachdenklichem Gesicht auf die blutigen Risse in dem Stoffleib. Er schob die Hand in einen der Risse und verzog das Gesicht , während er im Innern herumtastete. Er fand etwas , packte es und zog die Hand wieder zurück. Sie triefte vor Blut und hielt ein Stück menschlichen Darms. Tobias stieß ein schockiertes Ächzen aus. Trotzdem vergaß er nicht, Flynn heranzuwinken, damit er eine Nahaufnahme machen konnte. Finlay ließ den Darm achtlos fallen und griff erneut in den Unterleib der Puppe. Wieder diesmal er eine Handvoll menschlicher Innereien zutage.

»So sind sie«, sagte Reineke Bär und betrachtete traurig das blutige Aas in Finlays Hand. »Sie wollen unbedingt wie Menschen sein, versteht Ihr? Also nehmen sie die Organe aus den Menschen, die sie umbringen, und nähen sie in ihren eigenen Leib. Gedärme in die Bäuche, Herzen in die Brüste, Gehirne in die Köpfe… Natürlich besitzen sie keinerlei Funktion. Irgendwann fangen die Organe an zu verrotten und zu verwesen, und dann müssen die Puppen sie ersetzen. Und die einzige Art und Weise, wie das zu bewerkstelligen ist…«

»… besteht darin, noch mehr Menschen umzubringen«, vollendete Giles den Satz.

»Genau«, sagte der Seebock. »Sie sind nicht sonderlich helle; aber es sind schließlich auch nur Puppen.«

»Warum zur Hölle wollen sie denn Menschen sein?« fragte Finlay. »Ich dachte, sie hassen die Menschen?«

»Tun sie auch«, antwortete der Seebock. »Sie hassen Euch, weil sie so sein wollen wie Ihr und es nicht können. Sie sind nicht wirklich lebendig, und das wissen sie. Trotz all ihrer neugewonnenen Intelligenz und Kraft bleiben sie Automaten, genau wie der Bär und ich. Wir können kein neues Leben… zeugen, wie Ihr Menschen das tut. Wenn wir eines Tages abgenutzt sind und auseinanderfallen, dann wird es niemanden geben, der uns ersetzt. Und wir werden eines Tages auseinanderfallen, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Wir besitzen keine Unsterblichkeit durch unsere Kinder. Wir gehen in die Dunkelheit zurück, aus der wir gekommen sind, und dann sind wir vergessen . Dieses Wissen treibt eine ganze Menge von Spielsachen in den Wahnsinn.«