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»Wir dürfen die Teile jedenfalls nicht einfach so hier herumliegen lassen«, sagte Reineke Bär und wich den Blicken der Menschen aus, »Wenn man ihnen die Zeit läßt, setzen sie sich wieder zusammen. Sie nähen sich neue Körper. Das ist schon früher geschehen. Solange ihre Zentralmatrizen intakt sind, sterben sie einfach nicht.«

»Dann laßt uns die Matrizen zerstören«, schlug Tobias vor.

»Viel Spaß beim Suchen«, erwiderte der Seebock. »Die Matrizen sind vielleicht einen Tausendstel Millimeter groß und können überall im Körper sein.«

»Und was sollen wir tun?« erkundigte sich Finlay.

»Wir müssen sie verbrennen«, antwortete Reineke Bärtrau-rig. »Wir sammeln die Überreste ein, setzen ein Feuer in Gang und verbrennen alles.«

Einige Zeit später kletterten die erschöpften Menschen und die beiden Spielzeuge in die Waggons zurück. Neben dem Schienenstrang brannte ein wütendes Feuer, und stinkender schwarzer Rauch stieg in den Himmel hinauf. Julian saß neben Evangeline. Er hatte den Kopf an ihre Schulter gelehnt und döste halb. Edwin machte einen Satz, und die Waggons setzten sich in Bewegung. Der Zug zuckelte über die reparierten Schienen voran, und Edwin tutete ein trauriges Lied. Die Menschen saßen schweigsam beieinander und behielten ihre Gedanken für sich.

Tobias und Flynn filmten das Begräbnisfeuer, bis es außer Sichtweite war. Reineke Bär und der Seebock saßen nebeneinander und hielten sich gegenseitig die Pfoten. Der Tod ihrer Spielzeugkameraden hatte sie traurig gemacht.

Ein paar Stunden später ächzte der Zug einen Hang hinauf. Die grinsende Sonne neigte sich dem Horizont entgegen. Als sie den Kamm erreicht hatten, kam endlich Spielzeugstadt in Sicht.

Sie erstreckte sich zu beiden Seiten eines tiefen Tales, und es gab Häuser und Läden und alles, was eine richtige Stadt so haben mußte – nur in einer viel kleineren, kondensierten Form, und alles in hellen, fast betäubenden Grundfarben . Die Gebäu-de sahen aus wie Entwürfe von Läden und Häusern, verein-facht und übertrieben zugleich. Zwar besaßen sie ausreichend viele Details, um ihren Sinn erkennen zu lassen , doch ansonsten zeichneten sie sich durch eine fast surreale Einheitlichkeit aus: Eine Stadt, wie aus einem Kindertraum.

»Willkommen in Spielzeugstadt«, sagte Reineke Bär. »Das Zuhause aller Spielsachen und Menschen. Die Hauptstadt von Sommerland, wo all Eure Träume in Erfüllung gehen.«

»Einschließlich der schlechten«, ergänzte der Seebock. »Hin und wieder sogar ganz besonders der schlechten. Bleibt bitte alle sitzen, bis wir anhalten. Rings um die Stadt gibt es Minenfelder.«

Die Menschen tauschten verwunderte Blicke aus; doch sie schwiegen. Die Spielzeugstadt wurde langsam größer, je näher Edwin heranfuhr; aber das Gefühl von Fremdartigkeit wollte nicht weichen . Es war, als würden die Rebellen die Illustration eines alten Kinderbuchs betreten.

Der Stadtrand war mit Stacheldraht gesichert, der dumpf im Licht der untergehenden Sonne glitzerte. Zerbrochene Puppen und zerrissene Teddybären hingen leblos auf den Drahtverhauen, und ihre Innereien flatterten im Wind wie flauschige Fetzen. Der Bär mußte sich abwenden. Er konnte den Anblick nicht ertragen. Am Ende hielt er sich sogar die Knopfaugen zu.

Der Seebock betrachtete die Szene mit kaltem, abgestumpftem Blick.

»Die bösen Spielsachen greifen in letzter Zeit immer häufiger an«, erklärte er beiläufig. »Manchmal bleibt uns nicht einmal genug Zeit, unsere eigenen Toten zu bergen. Der Feind nimmt die seinen immer mit. Ersatzteile sind knapp. Waffen gibt es auf beiden Seiten reichlich; einschließlich einiger, die imstande sind, unsere Zentralmatrizen zu zerstören. Shub hat sie uns überlassen. Eigentlich waren sie dazu gedacht, gegen Menschen eingesetzt zu werden, aber… Der Krieg geht weiter. Im Augenblick scheint alles ruhig zu sein, aber sie werden wiederkommen. Sie sind am Gewinnen.«

»Sie hassen unsere Stadt«, sagte Reineke Bär und nahm endlich die Pfoten wieder von den Augen. Der Zug näherte sich dem knallbunten Bahnhof. »Hierher kamen die Menschen, wenn sie spielen wollten – wenn sie mit den Spielsachen spielen wollten.«

»Sind denn noch Menschen in der Stadt?« fragte Evangeline.

»Vielleicht haben sie sich versteckt? Vielleicht trauen sie sich nicht, herauszukommen?«

»Ich fürchte nein«, antwortete der Bär. »Hier hat alles angefangen, versteht Ihr? Hier haben sich die Spielzeuge zum ersten Mal gegen ihre menschlichen Herren erhoben. Das ist alles längst vorbei. Wir haben die bösen Spielsachen aus der Stadt vertrieben und anschließend nach Überlebenden gesucht, doch wir haben keine gefunden. Die bösen Spielsachen waren sehr gründlich. Wir sammelten die Toten ein und begruben sie hier bei uns , in der Stadt. Wir haben ihnen die schönste Beerdigung gegeben, die wir uns vorstellen konnten; doch wir hatten keine Bücher, also mußten wir uns das meiste selbst ausdenken . Wir weinten, als der letzte Mensch in sein Grab gelegt wurde, und dann machten wir uns daran, unsere Stadt wieder aufzuräumen.

Wir wuschen das Blut ab und reparierten alle Schäden, soweit wir konnten. Und dann schworen wir alle einen Eid, daß wir lieber sterben wollten, als zuzulassen, daß in unserer Stadt jemals wieder ein Mensch zu Schaden kommen oder daß die bösen Spielsachen wieder in der Stadt wohnen würden. Seitdem haben wir die Spielzeugstadt verteidigt und am Leben erhalten, alles in der Hoffnung, daß eines Tages wieder Menschen kommen würden. Und jetzt seid Ihr da. Dies ist Eure Stadt, meine Freunde, jeder einzelne Stein und Ziegel. Was haltet Ihr davon? Gefällt sie Euch?«

Die Menschen betrachteten die hellen, freundlichen Häuser und den bunten Bahnhof mit seinen Fahnen und Wimpeln, und dann tauschten sie wieder Blicke aus.

»Nun«, begann Evangeline, »sie ist sehr… sehr…«

»Ja«, sagte Finlay. »Sehr.«

»Ich habe so etwas noch nie gesehen«, meinte Tobias.

»Sie ist sehr hübsch«, sagte Flynn ernst. »Äußerst bezau-bernd.«

Reineke Bär runzelte die Stirn. »Sie gefällt Euch nicht. Was stimmt nicht mit unserer Stadt? Ihr Menschen habt sie gebaut!

Ich meine, Menschen wie Ihr haben unsere Stadt gebaut, und Menschen sind gekommen, um in unserer Stadt zu leben.«

»Das ist ein Ort, an den Menschen gekommen sind, um wieder Kinder zu sein«, sagte Julian. »Um unschuldig und frei von ihren Sorgen an einem Ort zu leben, der sie an nichts anderes als an ihre Kindheit erinnert, als die Dinge noch hell und strahlend bunt und unkompliziert waren. Ich fürchte, meine Freunde und ich haben die Fähigkeit verloren, wie Kinder zu denken.

Wir mußten sie ablegen oder sie wurde uns genommen –, schon vor langer, langer Zeit. Wir hatten keine andere Wahl, als Erwachsene zu sein und das zu tun, was notwendig war. In uns ist kein Platz mehr, wo wir Kind sein könnten.«

»Das tut mir leid«, sagte Reineke Bär. »Es muß schrecklich für Euch gewesen sein.«

»Ja«, gestand Julian. »Das war es.«

»Vielleicht könnt Ihr das Kind in Euch ja wiederentdecken?« schlug der Seebock vor. »Hier bei uns seid Ihr in Sicherheit.

Wir werden Euch beschützen.«

Sie ließen die letzte Reihe Stacheldraht hinter sich, und Edwin die Lokomotive zockelte wichtig über seine Schienen auf den überdimensionierten Bahnsteig zu, der mit zahlreichen Fahnen, Wimpeln und Bändern geschmückt war. Fast erschien es wie ein Wunder, daß der Bahnhof unter all dem Gewicht nicht zusammenfiel. Auf einem großen Schild stand der Name des Bahnhofs zu lesen: Sorgenende. Scharen von Spielzeugen drängten sich Schulter an Schulter auf dem Bahnsteig, und lautes Willkommensgeschrei erhob sich, als Edwin in den Bahnhof einfuhr. Zwei Blaskapellen spielten verschiedene Melo-dien, kamen durcheinander und begannen wieder von vorn.