Offenbar waren beide bemüht, lauter als die jeweils andere Kapelle zu sein. Sie wurden der Sache rasch überdrüssig, warfen ihre Instrumente beiseite und begannen, sich zu balgen. Sie rollten in kleinen Knäueln hierhin und dorthin und quetschten sich gegenseitig die Nasen oder zogen sich an den Ohren. Andere Spielzeuge hoben die achtlos weggeworfenen Instrumente auf und spielten ein ganz neues Willkommenslied; doch schon bald ging die Melodie im lauter werdenden Jubel unter, während die Menschen näher und näher kamen.
Inzwischen lachte jeder der Menschen auf die eine oder andere Art und Weise, selbst Giles Todtsteltzer. Reineke Bär und der Seebock hatten sich von ihren Sitzen erhoben und winkten der Menge triumphierend zu. Jede nur denkbare Form von Spielzeug hatte sich auf dem Bahnsteig eingefunden, von alten, herkömmlichen Dingen bis hin zum neuesten Schrei war alles zu sehen, womit Kinder so gerne spielten: Keine Kriegsspiel-zeuge, keine pädagogischen Spielzeuge, nichts Gefährliches oder Kompliziertes. Sie stritten untereinander, um einen besseren Blick zu haben, und sie lachten und jubelten, und die Menschen erwiderten das Winken – sie konnten nicht anders.
Es gab dicke pelzige Tiere aller Größen und Formen. Einige beruhten auf tatsächlich existierenden Spezies; andere hätten in Wirklichkeit niemals existieren können. Es gab alle möglichen Arten von Puppen in Kleidern mit geschminkten Gesichtern und freundlichem Lächeln. Cowboys und Indianer standen friedlich nebeneinander. Figuren aus den Zeichentrickholos hüpften begeistert auf und ab wie in ihren Filmen. Und alle ohne Ausnahme schienen so unendlich glücklich, wieder Menschen zu sehen, daß es kaum auszuhalten war. Finlay lächelte und winkte, doch er hielt die andere Hand ständig in der Nähe seines Disruptors. Spielzeuge wie diese dort hatten sich erhoben und ihre menschlichen Herren in einer einzigen dunklen Nacht des Blutes und der Vergeltung niedergemetzelt. Finlay fragte sich unablässig , ob diese freundlichen, hellen Mienen nicht das letzte gewesen waren, das einige Menschen unmittelbar vor ihrem Tod gesehen hatten. Und wenn ein Verdacht wie dieser bedeutete, daß in ihm kein Platz mehr war, um wieder Kind zu sein – schön, damit konnte er verdammt noch mal leben. Finlay Feldglöck hatte auf die harte Tour gelernt, niemandem mehr zu vertrauen.
Schließlich kam der Zug in einer Dampfwolke zum Stehen.
Das wüste Willkommen erstarb, als der Dampf sich langsam auflöste, und respektvolles Schweigen breitete sich über dem gesamten Bahnsteig aus. Die dicht gedrängte Menge starrte neugierig auf die Menschen. Reineke Bär und der Seebock kletterten aus ihrem Waggon und warfen sich in Positur. Sie fingen beide gleichzeitig an zu reden, unterbrachen sich und funkelten sich gegenseitig an. Der Bär zeigte zum Himmel hinauf, und als der Seebock hochsah, trat er ihm auf den Fuß. Der Seebock heulte auf und hüpfte auf einem Bein umher, während er sich mit beiden Händen den verletzten Fuß hielt. Reineke Bär begann seine Ansprache noch einmal von vorne. Er redete laut genug, um das Geheul des Seebocks zu übertönen.
Die Menschen lauschten in freundlichem Staunen. Sie deuteten Reinekes Worte dahingehend, daß er eigentlich eine Will-kommensansprache halten wollte, doch seine Rede war so durchsetzt von mythologischen Verweisen auf die Menschheit und ihre gottgegebene Fähigkeit, die Dinge ins Lot zu bringen, daß sie am Ende eher wie ein Gebet um Erlösung klang. In Evangeline wuchs die Erkenntnis, daß die Spielsachen sie als Retter betrachteten. Die Menschen wurden die bösen Spielzeuge besiegen und alles wieder so einrichten, wie es früher einmal gewesen war. Sie wußten nicht, daß diese Menschen hier nur aus einem einzigen Grund gekommen waren: nämlich weil sie einen ihrer Artgenossen suchten, und daß sie hinterher wieder gehen würden. Evangeline fragte sich, was geschehen wür-de, wenn die Spielzeuge die Wahrheit herausfanden, und ihr wurde bewußt, daß es vielleicht besser war, wenn sie es nicht erfuhren. Sobald sich eine Gelegenheit ergab, würde Evangeline mit den anderen darüber reden müssen.
Schließlich war der Bär mit seiner Rede fertig. Er wechselte noch einen wütenden Blick mit dem Seebock und winkte dann den Menschen auszusteigen. Sie kletterten mit soviel Würde und Eleganz aus den Waggons wie nur irgend möglich. Die Spielsachen applaudierten frenetisch und verstummten wieder, während sie darauf warteten, daß einer der Menschen das Wort ergriff. Die Rebellen schauten sich ratlos an, und eine Atmosphäre atemloser Spannung entstand. Schließlich räusperte sich Finlay und durchbrach das Schweigen.
»Vielen Dank für Euren Empfang«, sagte er. »Ich weiß nicht genau, ob und wie wir Euch helfen können. Wir sind selbst in einer Mission unterwegs, und ihre Erfüllung geht vor. Doch bis dahin möchte ich ein paar Fragen an Euch richten.«
Reineke Bär wirkte ein wenig enttäuscht, aber er nickte.
»Fragt, was immer Ihr fragen wollt. Nehmt Euch, was Ihr braucht. Es gehört alles Euch.«
»Nun, als erstes… wozu die Minenfelder und der ganze Stacheldraht?«
»Wir befinden uns im Krieg«, antwortete der Bär. »Die Spielzeugstadt ist ein Zufluchtsort für alle guten Spielsachen oder die, die böse waren und ihre Taten bereuen. Die Stadt ist ein Refugium. Die bösen Spielsachen hassen uns dafür. Teilweise auch deswegen, weil sie in uns das sehen, was sie einst waren und nie wieder sein können. Die Minenfelder und der Stacheldraht schützen die Stadt gegen Überraschungsangriffe.
Ihr denkt an die Spielzeuge, die in den Drahtverhauen hängen, nicht wahr? Macht Euch ihretwegen keine Gedanken. Wir werden sie in die Stadt holen, wenn Zeit dafür ist. Wir haben keine Eile. Für Wesen wie uns gibt es keine Friedhöfe. Wir werden recycelt, dienen als Ersatzteile. Bitte versteht uns nicht falsch: Wie auch immer Eure Mission lautet, wie wären glücklich, wenn wir Euch helfen könnten. Ihr seid die ersten lebenden Menschen, die wir zu Gesicht bekommen, seit die anderen in Blut und Entsetzen gestorben sind. Endlich seid Ihr zurück, und wir sind außer uns vor Freude, Ehrfurcht und Schuld. Es ist ein erhabenes, wundervolles Ereignis, seinen Schöpfern zu begegnen.«
»Ganz besonders solchen mit so schlechtem Geschmack für Kleidung«, sagte der Seebock. »Ich würde diese Sachen nicht einmal wegen einer Wette anziehen.«
Plötzlich entstand Unruhe und Bewegung in der Menge. Eine große purpurrote Kreatur drängte sich nach vorn und warf sich den verblüfften Menschen zu Füßen. Es war ein rundliches Zeichentricktier von der Größe und Gestalt eines Esels, und es besaß große, tränennasse Augen und die plumpe Grazie eines Welpen. Das Wesen erniedrigte sich ohne jeden Stolz und blickte aus seinen großen Augen zu den Menschen empor.
Dicke Tränen kullerten über seine purpurnen Wangen herab.
»Vergebt mir! Bitte vergebt mir! Ich habe falsch gehandelt; aber ich wußte es nicht. Ich wußte nicht…« Das Wesen begann zu schluchzen. Reineke Bär klopfte ihm tröstend auf die Schulter und sah die Menschen nüchtern an. »Das hier ist Poogie, der freundliche Bursche . In der langen Nacht, als wir alle erwachten, da gehörte er zu denen, die sich gegen die Menschen erhoben. Er tötete Menschen. Er hat auch andere Dinge getan, Dinge, über die er immer noch nicht reden kann. Hinterher bereute er seine Taten und kam zu uns.«
»Und das ist alles?« erkundigte sich Tobias. »Er sagt einfach, daß ihm die ganze Sache leid tut, und alles ist wieder gut?«
»Genau«, antwortete Reineke Bär. »Es hätte jeder von uns sein können. Wir alle spürten die Wut, die Shub uns eingeimpft hat. Wir alle spürten die Versuchung. Doch obwohl wir Poogie vergeben haben, kann er sich selbst nicht verzeihen. Er kann nicht vergessen, was er getan hat, der Arme.«