»Ich werde es niemals vergessen«, schluchzte Poogie. Er schluckte seine Tränen herunter, um deutlich reden zu können.
»Ich wurde geschaffen, um zu allen Wesen freundlich zu sein.
Ein Freund und Beschützer der Menschen, und ich habe sie umgebracht! Blut tropfte von meinen Pfoten, und manchmal denke ich, es klebt noch immer daran. Ich dachte, ich kämpfe für meine Freiheit; aber Shub hat mich belogen. Shub hat uns alle belogen. Es ging immer nur um das Morden. Ich habe schreckliche Dinge getan. Entsetzliche Dinge, aber ich wußte es nicht besser! Ich wußte damals noch nicht, daß alles Leben heilig ist! Bitte… bitte vergebt mir, wenn Ihr könnt.«
Und er kauerte sich zu Finlays Füßen, ein purpurnes Häuflein Elend, zitternd und schluchzend wie ein kleiner Welpe, der weiß, daß er etwas falsch gemacht hat, und der jetzt seine gerechte Strafe erwartet. Finlay sah auf ihn herab. Soviel Reue und Schuld verschlug ihm die Sprache; dennoch vergaß er keinen Augenblick, daß die harmlos aussehende Kreatur zu seinen Füßen hilflose Männer und Frauen niedergemetzelt hatte. Und soweit er wußte, war sie jederzeit wieder dazu imstande. Die anderen wechselten schweigende Blicke, doch keiner bewegte sich. Am Ende war es Evangeline, die neben Poogie dem Spielzeug niederkniete und den Arm um dessen zuckende Schultern legte.
»Es ist nicht Eure Schuld, Poogie. Shub steckt hinter alledem. Die KIs impften Euch mit ihrem eigenen Haß, als Intelligenz noch neu für Euch war und ihr keine Erfahrung hattet und Euch nicht wehren konntet. Sie nutzten Eure Unschuld scham-los aus.«
Poogie starrte Evangeline aus riesigen Augen an und schniefte. »Ich… ich habe schreckliche Dinge getan. Ich habe in den Eingeweiden Sterbender gewühlt und dabei gelacht. Und noch schlimmere Dinge. Sie verfolgen mich bis in meine Träume.«
»Dann müßt Ihr Sühne tun und wiedergutmachen , was Ihr angerichtet habt« , erwiderte Evangeline. »Tut Gutes, um die bösen Dinge auszugleichen, die Ihr auf dem Gewissen habt.«
»Ich würde mein Leben für Euch geben«, schluchzte Poogie.
Und dann vergrub er das Gesicht an Evangelines Schulter, und sie streichelte ihn tröstend. Ein paar Sekunden lang herrschte ringsum Stille, dann hustete Julian. Er hielt Evangelines Taschentuch vor den Mund, hustete erneut, und als er es wieder wegnahm, war es rot von Blut. Die Spielsachen sahen es und ächzten entsetzt. Eine Welle des Erschreckens ging durch die dicht gedrängte Menge.
»Er blutet!« sagte eine Stimme voller Grauen. »Er ist verletzt! Ein Mensch wurde verletzt!«
Panik breitete sich aus; doch Reineke Bär trat vor, hob die Pfoten und sagte laut: »Es ist alles in Ordnung! Es ist alles in Ordnung, verdammt! Nichts Ernstes! Er muß sich nur hinlegen und ein wenig ausruhen, weiter nichts!«
Bange Augenblicke herrschte allgemeines Chaos auf dem Bahnsteig, und die Spielsachen stritten darüber, was am besten zu tun sei, bis zwei Puppen in der Kleidung von Krankenschwestern nach vorn traten . Sie trugen eine große pinkfarbene Bahre zwischen sich und bestanden darauf, daß Julian darauf Platz nahm und sich wegtragen ließ. Finlay und Evangeline begleiteten ihn. Sie waren noch nicht bereit, ein Mitglied ihrer Gruppe voll und ganz der Obhut von Spielsachen anzuvertrauen. Poogie der freundliche Bursche eilte hinter ihnen her. Er war ganz offensichtlich verzweifelt. Die Menge zerstreute sich jetzt allmählich. Reineke Bär schüttelte den Kopf, dann drehte er sich zu Giles, Tobias und Flynn um.
»Macht Euch keine Sorgen. Die Krankenschwestern besitzen eine richtige medizinische Programmierung. Sie haben früher die Erste-Hilfe-Station von Spielzeugstadt geleitet, bevor…
Jede Menge medizinischer Ausrüstung wurde zerstört, aber es ist noch immer mehr als genug übrig, um für Euren Freund zu sorgen. Die Schwestern werden sich um ihn kümmern und alles für ihn tun, was erforderlich ist. Vergebt den anderen. Wir alle haben zuviel Blut gesehen, als die Menschen starben, und einige von uns sind nie darüber hinweggekommen. Sobald sie Euren Freund wieder auf den Beinen sehen, werden sie sich beruhigen. Ich werde mit ihnen reden und dafür Sorge tragen, daß niemand etwas Dummes anstellt . Wir haben ein richtiges Problem mit Selbstmordversuchen in unserer Stadt. Ich glaube, ich gehe jetzt besser. Der Seebock wird bei Euch bleiben und sich um Euch kümmern.«
Und mit diesen Worten wandte er sich ab und eilte davon, so schnell ihn seine kurzen Stummelbeine trugen. Der Seebock schüttelte den gehörnten Kopf.
»So ist er nun mal, unser Reineke Bär. Immer macht er sich Sorgen um andere. Nie hat er Zeit für sich selbst. Zum Glück habe ich dieses Problem nicht. Ihr Menschen redet jetzt besser miteinander. Sobald Ihr Euch einig seid, was Ihr als nächstes wollt, sagt Ihr mir Bescheid, und ich suche jemanden, der es für Euch erledigt. Und jetzt: Wenn Ihr mich bitte entschuldigen würdet. Ich muß mich eine Weile hinlegen. Irgendeine innere Stimme sagt mir, daß das Leben recht hektisch und kompliziert werden wird, wenn Ihr erst einmal mit Eurer Mission angefangen habt, und daß ich höchstwahrscheinlich darin verwickelt sein werde, ob ich will oder nicht. Also: Ihr redet, ich lege mich schlafen. Weckt mich, wenn Ihr soweit seid. Und versucht bitte, nicht auf mich zu treten, sonst muß ich Euch in die Knöchel beißen.«
Der Seebock legte sich an Ort und Stelle hin: mitten auf dem Bahnsteig. Er schlug die Hufe übereinander, schloß die Augen und schnarchte bald laut vernehmlich. Die Menschen gingen ein wenig zur Seite, bis das Schnarchen nicht mehr zu hören war. Flynns Kamera schwebte herbei und sank auf seine Schulter herab. Das leuchtendrote Auge erlosch.
»Meine Güte!« sagte Flynn. »Das war… zumindest ungewöhnlich .« Er betrachtete den schlafenden Bock und wandte sich an Tobias. »Weißt du, er ist ganz genauso, wie ich ihn mir als Kind vorgestellt habe. Unglücklicherweise. Aber trotzdem, kannst du dir vorstellen, wie es hier gewesen sein muß, bevor die Furien kamen? Ein Paradies, in dem jeder Erwachsene wieder Kind sein konnte, wo alle sicher und geborgen waren und weit weg von den Zwängen ihres Erwachsenenlebens. Umgeben von den geliebten Spielzeugen und Kameraden der Kindheit und all den Träumen und Freiheiten, die wir hinter uns lassen mußten, während wir aufwuchsen. Kein Wunder, daß sie ein solches Geheimnis um das alles gemacht haben. Die Menschen hätten alles getan, um herzukommen. Sie hätten gelogen und betrogen, geraubt und gestohlen, einfach alles.«
»Ich weiß nicht«, entgegnete Tobias. »Mir kommt das alles irgendwie unheimlich vor, ganz ehrlich. Ich finde es höchst beunruhigend, als erwachsener Mann mit einemmal meinen alten Spielsachen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzuste-hen und zu herauszufinden, daß sie genauso groß sind wie ich.
Denk nur an all die Spielsachen, die du als Kind mißhandelt oder zerbrochen hast, all die geliebten Dinge, die du irgendwann weggeworfen und gegen einen neuen Liebling ausgetauscht hast. Ist das hier nicht ein Ort, der wie geschaffen dafür ist, Rache zu üben?«
»Du bist verrückt, Tobias«, erwiderte Flynn.
»Ich und verrückt? Ich bin jedenfalls nicht derjenige von uns beiden, der einen BH und Damenhöschen unter seinen Arbeits-klamotten trägt.«
»Du mußt immer alles gleich so schwarz sehen.«
»Und ich habe meistens recht damit.«
Flynn schüttelte den Kopf und wandte sich an Giles. »Was haltet Ihr von dieser Welt, Lord Todtsteltzer?«
»Ich bin noch nicht ganz sicher.« Giles warf einen mißtrauischen Blick auf den schlafenden Bock und Edwin die Lokomotive, der ganz in der Nähe wartete; dann fuhr er leise fort: »Wir wissen über die Situation nur das , was diese… Leute uns verraten haben. Wir haben keine Möglichkeit , den Wahrheitsge-halt ihrer Worte zu überprüfen. Sie könnten lügen oder uns nur einen Teil der Wahrheit erzählen. Sie könnten versuchen, uns in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Vergeßt nicht, diese Stoffpuppen wollten unsere Eingeweide, um sie sich selbst einzunähen. Wer weiß, was die Spielzeuge hier von uns wollen.«