Выбрать главу

»Nein!« widersprach Flynn entschieden. »Ich glaube das nicht! Wie kann irgendein Mensch Reineke Bär und dem Seebock mißtrauen? Sie waren die Helden und Freunde jedes Jungen und Mädchens!«

»Ganz genau«, erwiderte Tobias. »Wer wäre besser geeignet, um unser Mißtrauen einzuschläfern? Versuch es in deinen Kopf zu kriegen, Flynn! Das dort sind nicht die Charaktere aus deiner Kindheit, sondern Automaten, die aus dem einen einzigen Grund gebaut und programmiert wurden: um uns an die Figuren aus unserer Kindheit zu erinnern . Automaten, deren Intelligenz direkt von Shub stammt . Ich würde gerne glauben, daß dieser Ort genau das ist, nach was er aussieht, Flynn, wür-de ihn nur allzu gerne genauso sehen wie du, aber…«

»Ganz genau«, stimmte ihm der Todtsteltzer zu. »Aber das hier ist alles viel zu vollkommen, um echt zu sein. Sicher gibt es irgendwo eine dunkle Seite, die man vor uns verbirgt.«

»So kann auch nur ein Erwachsener denken«, beharrte Flynn dickköpfig. »Das hier ist eine Kinderwelt! Hier sind die Dinge einfacher. Ich spüre das.«

Giles wechselte einen Blick mit Tobias. »Hat er das öfter?«

»Manchmal. Ich glaube, seine feminine Seite geht mit ihm durch. Ich wünschte, es wäre anders. Die Spielsachen müssen sich im Verlauf der letzten neunhundert Jahre sehr verändert haben, Lord Todtsteltzer. Habt Ihr einige Eurer früheren Lieb-linge wiedererkannt?«

»Ein paar, sicher. Ich kenne zum Beispiel den Bären und den Bock. Ich glaube, niemand weiß, wie lange sie schon existieren. Es scheint fast, als wären sie schon immer dagewesen. Seit Jahrhunderten sind sie das eine, was alle Kinder gemeinsam haben. Es überrascht mich gar nicht, sie hier anzutreffen. Die meisten Spielsachen scheinen von ziemlich allgemeiner Natur zu sein. Diese Zeichentrickgestalt, Poogie, ist mir übrigens unbekannt.«

»Ich erinnere mich an ihn, wenn auch nur undeutlich«, sagte Tobias. »Er hatte eine Zeitlang sogar seine eigene Holoschau.

Ein netter und kuscheliger Bursche, der von einem Fettnäpf-chen ins andere stolpert und Hilfe von seinen Freunden braucht. Ist Euch eigentlich aufgefallen, daß die meisten der Spielsachen hier freundlich aussehen und zum Schmusen einladen? Wo sind die anderen Spielsachen? Die etwas härteren, zum Beispiel Soldaten?«

»Wahrscheinlich haben sie sich auf die Seite der bösen geschlagen«, mutmaßte Flynn. »Sie haben die Reprogrammierung durch die Furien bestimmt förmlich in sich auf-gesogen.«

»Warum auch nicht?« sagte eine rauhe Stimme hinter ihnen.

»Sie waren wunderbar.«

Die drei Menschen wirbelten herum und blickten auf eine große metallische Gestalt, die sie feindselig anfunkelte. Das Wesen besaß annähernd humanoide Form, doch es bestand vollständig aus glänzendem Silber mit dicken, aufgequollenen Gelenken. Es sah irgendwie breiig und unvollendet aus, und sein Gesicht war nicht mehr als eine Reihe erhabener Linien mit zwei düster schimmernden grünen Augen darin. Es war das erste Spielzeug, das die Menschen in der ganzen Stadt gesehen hatten, das ganz und gar keinen freundlichen Eindruck erweckte.

»Und mit wem haben wir die Ehre?« erkundigte sich Giles Todtsteltzer und hakte den Daumen seiner Rechten beiläufig in Nähe des Disruptors in den Gürtel.

»Ich bin Alles«, antwortete das Spielzeug. »Aber das ist nicht der Name, den man mir gegeben hat. Nicht mein menschlicher Name. Ich trage einen neuen Namen, einen, den ich mir selbst ausgesucht habe. Früher war ich ein Adaptor. Ein Verwand-lungsspielzeug. Bewegt meine Glieder auf eine bestimmte Art und Weise, und ich verwandle mich in eine neue Gestalt. Ich konnte ein Flieger, ein Schiff oder ein Mann sein. Aber das war auch schon alles. Das waren meine Grenzen. Und dann kamen die Furien von Shub. Sie steckten nicht in einer Hülle aus Fleisch, als sie zu uns kamen; sie bestanden von oben bis unten aus glänzendem Metall, genau wie ich; aber sie waren so viel mehr… Sie waren stark und schnell und wundervoll, und ich wollte sein wie sie. Aber ich war nicht bereit, für sie zu töten.

Also stand ich einfach nur da und sah zu, während die Nacht ihren blutigen Verlauf nahm. Ich konnte mich nicht entscheiden, auf welcher Seite ich stehen wollte. Ich betete die Furien an. Sie waren alles, was ich jemals zu sein angestrebt hatte.

Aber ich wollte nicht für sie töten. Eines Tages werde ich einen Weg finden, mich auch ohne ihre Hilfe zu vervollkommnen.

Und ich werde lernen, mich in wirklich Alles zu verwandeln.

Und dann werde ich zu den Furien gehen, und wir werden herausfinden, wer der Bessere ist.

Aber sie waren so wundervoll. Keine Schönheit, die ein Mensch zu schätzen wüßte. Wild und frei und glorreich. Ich habe sie geliebt, und ich werde sie immer lieben.«

»Sie sind die Feinde der Menschheit!« sagte Tobias.

»Das weiß ich«, erwiderte Alles. »Ihr seid nur neidisch auf sie. Laßt uns das Thema wechseln. Ich werde Euch auf Eurer Reise begleiten.«

Giles runzelte die Stirn. »Reise? Was für eine Reise? Niemand hat uns etwas von einer Reise erzählt!«

»Das liegt daran, daß einige Leute ihren Mund halten können und andere nicht!« rief Reineke Bär von hinten. Er eilte auf seinen kurzen pelzigen Stummelbeinen über den Bahnsteig herbei. »Eurem Freund geht es bestens«, sagte er. »Ich werde Euch später zu ihm bringen.« Er trat dem schlafenden Seebock mit dem Fuß in die Rippen. Der Bock gab ein Schnauben von sich und öffnete ein einzelnes Auge.

»Stellt sie unters Bett, Schwester«, brummte er. »Ich benutze sie später. Ach, du bist es, Bär! Du störst mich immer in meinen besten Träumen.«

»Na hoffentlich«, sagte Reineke Bär. »Wer auch immer für deine ursprüngliche Programmierung verantwortlich sein mag, er scheint einen ziemlich gestörten Sinn für Humor besessen zu haben. Jetzt steh endlich auf und hör zu, was ich zu sagen habe.

Es ist zwar unwahrscheinlich, aber vielleicht kannst du ja irgend etwas Nützliches zur Diskussion beitragen.« Reineke Bär drehte sich zu den Menschen um. Flynns Kamera schwebte von dessen Schulter empor, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen. Der Bär lächelte ins Objektiv, und sein Gesichtsausdruck wurde milde. »Welch ein wundervolles Spielzeug«, sagte er. »Ich nehme nicht an, daß es intelligent ist?«

»Nicht wirklich«, antwortete Flynn. »Es ist mehr ein Teil von mir.«

»Schade«, sagte der Bär. »Aber jetzt hört mir bitte zu. Ihr könnt auf keinen Fall hier bleiben. Es ist viel zu gefährlich.

Wenn die bösen Spielsachen erst erfahren, daß Ihr hier seid – und Ihr könnt sicher sein, daß das geschieht –, dann werden sie die Spielzeugstadt mit allem angreifen, was sie haben. Sie werden uns alle zerstören und Spielzeugstadt dem Erdboden gleichmachen , nur um Euch in die Pfoten zu kriegen. Ich darf das nicht zulassen. Außerdem: Was Ihr sucht, ist sowieso nicht hier.«

»Und woher wißt Ihr, was wir suchen?« erkundigte sich Giles. »Wir haben doch noch gar nicht gefragt.«

»Das war auch gar nicht nötig«, entgegnete der Bär tonlos.

»Es gibt nur eine Sache, die Euch hergeführt haben kann. Die gleiche Sache, hinter der auch diese Menschensoldaten her waren. Ihr seid gekommen, weil Ihr nach Vincent Harker sucht.

Nach dem Roten Mann.«

»Was wißt Ihr über Harker?« fragte Tobias.

»Er lebt im Alten Wald, am Ende des Großen Flusses. Spielzeuge gehen zu ihm, gute und böse gleichermaßen, und sie kehren nie wieder zurück. Er stellt eine Armee auf. Niemand kennt den Grund dafür. Wir wissen nicht, was er mit den Spielsachen macht oder ihnen sagt, um sie bei sich zu halten; aber sie sind ihm gegenüber loyal bis in den Tod. Gegenüber einem Menschen! Es gibt nur ein paar Gerüchte, mehr nicht. Gerüchte über den Roten Mann, den verrückten Mann, den gefährlichen Mann. Den Mann, der geschworen hat, das Antlitz dieser Welt zu verändern, bis sie niemand mehr wiedererkennt, und sie zu seiner Welt zu machen. Der Rattenfänger der Spielzeuge. Die Sirene, deren Lied niemand zu widerstehen vermag . Der Rote Mann. Das dunkle Herz in unserer Welt der Spielzeuge. Ihr wollt ihn? Ihr könnt ihn haben. Nehmt ihn mit, bevor er uns alle zerstört!«