Giles wechselte einen Blick mit Tobias und Flynn. »Klingt das auch nur entfernt nach dem Burschen, den wir suchen?«
Tobias zuckte die Schultern. »Wer weiß? Er soll ja ein großes taktisches Genie sein, und die meisten dieser Typen sind verrückt, das ist allgemein bekannt. Wer weiß, was Monate auf dieser Welt mit seinem Verstand angestellt haben?«
Giles wandte sich wieder an Reineke Bär. »Wo finden wir ihn?«
»Wir werden Euch ein Transportmittel geben«, sagte der Bär.
»Ich und ein paar sorgfältig ausgesuchte Freunde werden Euch den Fluß hinunter zum Dunklen Wald begleiten. Ihr braucht unsere Hilfe als Führer. Ohne uns würdet Ihr niemals hinfin-den. Heutzutage lauern überall Gefahren . Außerdem würden die Anhänger des Roten Mannes Euch nicht in seine Nähe lassen, ohne daß Spielzeuge für Euch bürgen. Also werde ich Euch begleiten, zusammen mit dem Seebock, Poogie und Alles. Den ganzen Weg den Fluß hinunter bis zu einem Ort, von dem noch nie ein Spielzeug zurückgekehrt ist. Ich hoffe , Ihr wißt zu schätzen , was wir für Euch tun.«
»Das bezweifle ich« , widersprach der Seebock. »Du hättest hören sollen, wie sie über uns geredet haben , während sie gedacht haben, ich würde schlafen.«
»Du hast also schon wieder gelauscht, wie?« tadelte Reineke Bär.
Der Seebock zuckte die Schultern. »Das liegt eben in meiner Natur. Mach mir bloß keine Vorwürfe deswegen. Beschwer dich bei dem Mann, der mich erschaffen hat. Ich habe ihn nicht darum gebeten.«
»Warum habt Ihr Euch freiwillig gemeldet?« fragte Tobias.
»Ihr kennt uns doch gar nicht. Ihr wißt nichts über uns. Wir könnten gut oder böse oder alles mögliche dazwischen sein.
Wir könnten vielleicht noch schlimmer sein als dieser Harker.«
»Selbstverständlich könntet Ihr das«, antwortete Reineke Bär. »Ihr seid menschlich. Unberechenbar. Nicht wie wir. Wir sind, was wir sind. Unsere Motive sind leicht zu durchschauen.
Wir brauchen jemanden, der sich um Harker kümmert, und nur ein Mensch kann mit einem anderen Menschen fertig werden.
Der Seebock und ich werden verhindern, daß Euch etwas zu-stößt. Das ist unsere Aufgabe. Poogie kommt mit, weil er wiedergutmachen möchte, daß er so viele Menschen getötet hat.
Und Alles hofft, entweder durch Euch oder durch Harker Zugang zu den technischen Einrichtungen zu erhalten, die zu seiner Aufrüstung erforderlich sind. Seht Ihr? Einfach und durchschaubar. Keine Geheimnisse. Wir sind nichts als Spielzeuge, trotz allem.«
Das Erste-Hilfe-Zentrum der Krankenschwestern stellte sich als ein einzelnes Zimmer im hinteren Teil des Bahnhofs heraus.
Die Wände waren von einem blassen sterilen Grün und mit hellen, einfachen Gemälden bedeckt, die den Patienten beruhigen und besänftigen sollten. Die medizinischen Fähigkeiten der Krankenschwesterpuppen waren beschränkt, und sie verfügten nur über aus gesprochen wenig hochwertige Technologie.
Wahrscheinlich war das Erste-Hilfe-Zentrum wirklich nur dazu gedacht gewesen, eine erste medizinische Versorgung zu ge-währleisten, bevor die wohlhabenden Patienten zu einem anderen Planeten mit weiter fortgeschrittenen Apparaten und Möglichkeiten geschafft wurden. Finlay und Evangeline beobachteten aus diskreter Entfernung, wie die Krankenschwestern Julian in ein Bett steckten und einen Scanner in Betrieb setzen. Julian hatte inzwischen aufgehört zu husten, doch er wirkte müde und erschöpft. Sie hatten Poogie gebeten, draußen zu warten. Die Kreatur hatte immer mehr die Fassung verloren, und das Ge-räusch hatte Julian zunehmend nervös gemacht. Finlay und Evangeline hörten, wie Poogie draußen hinter der geschlossenen Tür noch immer leise vor sich hin weinte.
Die beiden Menschen wußten nicht genau, wie ernst sie die Angelegenheit nehmen sollten. Selbst wenn man die Zeichen-tricknatur Poogies berücksichtigte, schienen sein Schmerz und seine Trauer reichlich übertrieben, vor allem gegenüber jemandem, den er vorher noch nie gesehen hatte. Finlay mußte immer wieder daran denken, daß der freundliche Bursche Menschen getötet hatte. Evangeline wollte gerne glauben, daß Poogie bekehrt war. Soweit es Finlay betraf, gab es Verbrechen und Vertrauensbrüche, die man niemals vergeben oder vergessen durfte.
Die Krankenschwestern schienen ihr Handwerk zu verstehen.
Allerdings behandelten sie Julian wie ein krankes Kind, und es war ein Glück, daß der junge Esper viel zu erschöpft war, um sich dagegen zu wehren. Finlay hatte keine Ahnung, was die Schwestern zu finden erwarteten, das die Arzte der Untergrundbewegung übersehen hatten. Er hatte darauf bestanden, daß Julian zuerst eine gründliche medizinische Untersuchung über sich ergehen ließ, bevor er sich damit einverstanden er-klärt hatte, ihn mitzunehmen. Der junge Esper hatte den Test mit Leichtigkeit bestanden. Trotzdem machte sich Finlay Sorgen. So sehr er den jungen Esper auch mochte, er würde ihn ohne zu zögern zurücklassen , wenn es auch nur einen Augenblick so aussah , als könnte er sich zu einem Hindernis bei ihrer Suche nach Harker entwickeln.
Evangeline hielt Finlays Hand. »Hör auf , die Stirn in Falten zu legen, Liebster. Irgendwann gehen sie nicht mehr weg. Ich bin sicher, daß Julian in den besten Händen ist.«
»Es kostet uns zuviel Zeit«, entgegnete Finlay rauh. »Je länger wir hierbleiben, desto größer die Wahrscheinlichkeit, daß wir zur Zielscheibe werden. Außerdem könnte Harker davon Wind bekommen, daß wir nach ihm suchen, und in Deckung gehen.«
»Das ist es nicht«, widersprach Evangeline. »Du machst dir Sorgen wegen Julian. Ich kann es spüren.«
»Er ist ein guter Bursche«, erwiderte Finlay. »Tapfer , leidenschaftlich und stark. Ich hasse es, ihn in diesem Zustand zu sehen.«
Evangeline drehte sich um und blickte Finlay in die Augen.
»Wie stehst du zu ihm? Du weißt sicher, daß er dich anbetet, oder nicht?«
»Ja. Ich wünschte, es wäre nicht so. Sein Gott steht auf tönernen Füßen. Und wie ich zu ihm stehe? Ich bewundere ihn.
Er hat so viel in den Verhörzellen aushalten müssen, und er ist nicht daran zerbrochen. Und manchmal… Manchmal sehe ich in ihm den jüngeren Bruder, den ich gerne gehabt hätte. Wußtest du, daß Julian einen älteren Bruder hatte? Sein Name war Auric.«
»Ja. Er wurde in der Arena getötet.«
»Ich habe ihn getötet. Ich war der Maskierte Gladiator , oder hast du das vergessen?« Evangeline schnappte ächzend nach Luft und riß entsetzt die Augen auf. Finlay trat einen Schritt vor und stellte sich zwischen sie und Julians Bett. »Julian weiß es nicht, und er darf es auch niemals erfahren. Es würde ihn zerreißen. Auf eine gewisse Art bin ich zu dem älteren Bruder geworden, den ich ihm genommen habe. Das ist nur recht und billig , schätze ich.«
»Finlay…«
»Ich weiß. Eines Tages wird er es erfahren müssen. Aber jetzt noch nicht. Und ganz bestimmt nicht während dieser Mission.«
Eine der Krankenschwesternpuppen kam herbei, um mit ihnen zu reden. Ihr freundliches, strahlendes Gesicht wurde von einem besorgten Stirnrunzeln verunstaltet. »Wir tun alles für Euren Freund, was in unserer Macht steht«, erklärte sie in einem warmen, tröstenden Tonfall, der wahrscheinlich ebenfalls einprogrammiert worden war. »Aber Ihr müßt verstehen, daß wir in unseren Fähigkeiten sehr eingeschränkt sind. Nach den Ergebnissen unserer Untersuchung zu urteilen, ist der Zustand des Patienten äußerst besorgniserregend. Er wurde vor längerer Zeit sehr schwer verletzt, und die Wunden brauchen Zeit, um zu heilen. Zeit, die er sich ganz eindeutig nicht gegönnt hat.«