Finlay schnitt eine Grimasse. »Wie schlimm sind die Verletzungen?«
»Ziemlich schlimm. Unsere Instrumente zeigen Verletzungen beider Nieren, des Zwerchfells, der Genitalien und eines Lungenflügels. Nicht zu vergessen die schweren Verletzungen am Kopf.«
Evangeline schlug die Hand vor den Mund. Die andere umklammerte Finlays Finger, bis sie schmerzten. Finlays Stimme blieb ruhig.
»Wird er wieder gesund werden?«
»Mit genügend Zeit und medizinischer Versorgung? Ja. Aber wir haben keine geeigneten Einrichtungen hier. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr jetzt mit ihm sprechen. Wir haben ihm ein allgemeines Stärkungsmittel verabreicht, das ihn ein wenig stabi-lisieren wird; aber wir wissen nicht, wie lange die Wirkung anhält. Es gibt keinen Ersatz für genügend Zeit und Ruhe, wenn es ums Gesundwerden geht.«
Finlay nickte ihr dankbar zu und wollte zum Bett. Die Puppe streckte die Hand aus und hielt ihn auf. »Noch eine Sache: Die Untersuchungen haben ergeben, daß Julian Skye ein Esper ist.
Er darf seine Fähigkeiten nicht mehr benutzen. Ein einziger kurzer Gebrauch auf dem Weg hierher war offensichtlich ausreichend, um sein Gehirngewebe ernsthaft zu schädigen. Beim nächsten Mal wird er mit beinahe hundertprozentiger Sicherheit sterben.«
Finlay wartete einen Augenblick, bis er sicher war, daß sie ihre Erklärung beendet hatte, dann setzte er sich wieder in Bewegung. Evangeline blieb an seiner Seite. Die zweite Krankenschwesternpuppe lächelte ihnen entgegen, als sie zum Bett traten, und entfernte sich dann, um den beiden Besuchern und dem Patienten ein wenig Privatsphäre zu gewähren.
Julian lächelte Finlay an, dann kurz Evangeline. Er war noch immer leichenblaß, doch in seinen Wangen war schon wieder eine Spur von Farbe zu sehen, und sein Blick war fest.
Finlay erwiderte Julians Lächeln nicht.
»Ihr habt mich angelogen, Julian«, sagte er. »Ihr habt mir er-zählt, die Ärzte hätten Euch vollste Gesundheit attestiert.«
Julians Schultern vollführten eine Bewegung, die man als Achselzucken deuten konnte. »Hätte ich Euch die Wahrheit verraten, wärt Ihr ohne mich zu dieser Mission aufgebrochen.«
»Was ist an dieser Mission denn so verdammt wichtig?« fauchte Finlay. »Es wird sicher noch andere Dinge gegeben, an denen wir gemeinsam arbeiten können.«
»Diese Mission ist etwas Besonderes. Sie ist für die Rebellion von allergrößter Bedeutung. Ich wollte nicht zurückbleiben.
Ich bin Euch etwas schuldig!«
»Ihr schuldet mir gar nichts!«
»Das entscheide ich ganz allein, Finlay Feldglöck, nicht Ihr.
Ich dachte, ich wäre gesund genug. Wie sich herausstellt hat, habe ich mich geirrt. Aber jetzt bin ich hier, und ich fühle mich schon wieder ein ganzes Stück besser .«
»Ihr bleibt, wo Ihr seid: im Bett!« befahl Finlay. »In der Spielzeugstadt. Sie werden sich um Euch kümmern , solange wir weg sind.«
»Netter Versuch, Finlay. Aber ich kann nicht hierbleiben.
Wenn die bösen Spielsachen erfahren, daß ein Mensch in der Spielzeugstadt ist, werden sie die ganze Stadt dem Erdboden gleichmachen, um an mich heranzukommen . Ich will keine toten Spielsachen auf dem Gewissen haben.«
»Verdammt, ich kann Euch nicht mitnehmen!« fluchte Finlay. Er wußte, daß er zu laut war; doch er gab einen Dreck darauf. »Ihr wärt eine Belastung für uns, weiter nichts!«
»Ich kann schon alleine gehen«, erwiderte Julian kalt. »Ich habe schon für den Untergrund gearbeitet, als Ihr noch ein verhätschelter Aristo wart.«
»Ihr könnt Euer ESP nicht benutzen!« widersprach Finlay.
»Die Krankenschwestern haben gesagt, daß Ihr sterben würdet!«
»Was zur Hölle wissen schon zwei Krankenschwestern über uns Esper? Wahrscheinlich haben sie noch nie im Leben einen zu Gesicht bekommen. Nein, Finlay. Ich werde mitkommen.
Ihr solltet Euch besser an den Gedanken gewöhnen.«
Finlay sah aus, als stünde er kurz davor zu explodieren.
Evangeline drückte seine Hand, so fest sie konnte, um ihn daran zu erinnern, daß sie auch noch da war. »Wenigstens in einer Sache hat er recht, Finlay«, sagte sie. »Wir können ihn nicht hier zurücklassen. Wir würden die Spielzeugstadt einem viel zu großen Risiko aussetzen. Sieht ganz so aus, als würden wir die siegreiche Mannschaft doch nicht auseinanderreißen.«
Finlay seufzte resignierend und schüttelte den Kopf. »Wir werden sterben. Wir werden alle sterben.«
Der Fluß verlief eine halbe Meile vor der nördlichen Grenze der Stadt. Die Spielzeuge nannten ihn den Fluß, weil es der einzige größere Wasserlauf auf der ganzen Welt war. Er mäanderte durch die Hügel und Täler, verzweigte sich hier und dort, doch am Ende flossen alle Seitenarme wieder zum Hauptstrom zurück. Der Fluß entsprang und endete im Großen Wald, im Zentrum der Welt, die Shannon erschaffen hatte. Der Ruß war breit und dunkel, und er bestand aus einem beliebten Erfri-schungsgetränk, das belebend und ein wenig berauschend wirkte. Die Menschen probierten ein paar Schluck, doch das Ge-tränk verlor rasch seinen Reiz.
Die sechs Rebellen hatten sich am Flußufer versammelt und betrachteten das Transportmittel, das die Spielzeuge ihnen gegeben hatten, um zu Vincent Harker zu gelangen. Inzwischen war es Abend geworden; doch das Licht einer langen Kette von Papierlampions reichte mehr als aus, um den Schaufelradflußdampfer zu beleuchten. Das Schiff war gut fünfzig Fuß lang und originalgetreu bis ins Detail. Und wie alles war auch der Schaufelraddampfer in leuchtendhellen Farben gestrichen.
Allmählich wünschte sich Tobias, er hätte seine Sonnenbrille mitgenommen. Die Schaufelräder waren einschüchternd groß und sahen stabil genug aus, um die weite Fahrt zu überstehen.
Die meisten Dinge auf Shannons Welt dienten mehr der Dekoration denn einem wirklichen Zweck; aber der Dampfer bildete eine löbliche Ausnahme.
Reineke Bär und der Seebock standen bei den Menschen.
Finlay hatte halbherzig versucht, ihnen die Reise auszureden, doch am Ende hatte es niemand über sich gebracht, nein zu sagen. Schließlich war es Reineke Bär. Mit dem Seebock würden sie irgendwie leben können.
»Das hier ist das gute Schiff Missis Merry Truspott«, stellte Reineke Bär den Dampfer vor. »Und bevor Ihr fragt: Nein, wir haben es nicht so getauft. Das waren Menschen. Ich hoffe, eines Tages dem Burschen zu begegnen, der dafür verantwortlich ist. Ich werde ihn an die Wand drücken und ihn in allem Ernst fragen, warum er das getan hat. Wie alle anderen Spielzeuge auch ist das Schiff intelligent und besitzt ein Bewußtsein, aber es sagt nicht viel. Es ist ein sehr philosophisches Schiff, und es denkt wie wild über alles nach, was man ihm sagt. Es wird nicht gerne in seinen tiefgreifenden Gedankengängen unterbrochen . Früher kamen Spielzeuge und stellten Missis Merry Truspott Fragen über das Wesen der Natur und der Realität, insbesondere unserer neuen Realität; doch meistens waren Missis Merry Truspotts Antworten beunruhigender als die Fragen… Heutzutage behält es seine Gedanken für sich und überläßt der Besatzung das Steuern. Wir benutzen Missis Merry Truspott für unsere unregelmäßigen größeren Reisen, und es scheint ihm nichts auszumachen. Ich schätze, wenn man so in Gedanken versunken ist wie Missis Merry Truspott, dann ist ein Ort genausogut wie der andere.«