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» Missis Merry Truspott war bisher noch nie im Großen Wald«, warf der Seebock düster ein. »Vielleicht ändert das seine Meinung.«

»Wie auch immer«, sagte der Bär, entschlossen, sich nicht vom Thema abbringen zu lassen. » Missis Merry Truspott blieb im Krieg gegen die Menschen neutral, und ich schätze, jetzt hat das Schiff deswegen Schuldgefühle. Es ist nicht daran gewöhnt, Emotionen zu empfinden. Ich glaube, sie bringen es ein wenig aus der Fassung. Was auch immer. Missis Merry Truspott hat sich freiwillig bereiterklärt, Euch zu Harker zu bringen. Das Schiff ist nicht schnell, im Gegenteil , aber es ist zuverlässig. Es wird uns zu unserem Ziel bringen.«

»Wo ist die Besatzung?« erkundigte sich Finlay. »Ich sehe niemanden…«

»Da scheuer mir einer die Balken und tret gegen meine Schotten!« donnerte eine tiefe Stimme von oben herab. Sie blickten zur Brücke hinauf und bemerkten ein Gesicht , daß von einem wilden Bart überwuchert war. Es spähte zu ihnen herunter. In den Bart waren hübsche Bänder eingeflochten, und auf dem Kopf saß ein purpurner Hut mit Federn und wächsernen Zierfrüchten. Der Bursche trug schwere Ohrringe, die an mächtigen Ohrläppchen baumelten.

Er starrte auf die Menschen herab und rückte nervös den Hut zurecht.

»Ist das nicht wieder mal typisch für Euch Menschen? Immer in Eile! Kann sich ein Mädchen nicht wenigstens ein paar Minuten Zeit nehmen, um sicherzustellen, daß sie gut aussieht?

Bleibt, wo Ihr seid, Ihr Süßen! Ich komme runter zu Euch. Und faßt ja nichts an! Ich bin gerade erst mit Aufräumen fertig geworden. Ich bin übrigens der Kapitän dieses Schiffs . Vergeßt das ja nicht!«

Das Gesicht verschwand hinter der Reling, und eine Reihe laut trippelnder Schritte zeigte an, daß der Kapitän über den Niedergang zu ihnen kam . Reineke Bär und der Seebock wechselten einen vielsagenden Blick und schüttelten langsam die Köpfe . Eine Tür flog krachend auf, und der Kapitän der Missis Merry Truspott eilte heraus und schwankte auf das Geländer zu. Er war ein Piratenkapitän, in der vollen traditionellen Uniform, alles glänzende Seide und Rüschen an den Manschetten, und er balancierte unsicher auf zwei Holzbeinen daher. Auf der linken Schulter kauerte ein abgerissen aussehender Papagei, der sich verzweifelt an der Kapitänsepaulette festklammerte und die Menschen aus einem dunklen , bösartigen Auge musterte.

Er hatte nur das eine Auge.

Der Kapitän bekam das Geländer zu fassen und hörte auf zu schwanken. Stolz reckte er das Kinn vor; dann lüftete er vor den Menschen den Hut.

»Ahoi, meine Süßen. Willkommen an Bord der Missis Merry Truspott. Bitte benutzt stets den vollen Namen, oder sie fängt an zu schmollen und pumpt den Inhalt der Bilge in die Luftschächte, wie schon so oft. Erfreut, Euch alle kennenzulernen.

Ich weiß, daß wir blendend miteinander auskommen und eine wunderbare Zeit haben werden, solange unser kleines Abenteuer währt. Kommt an Bord, und wir nehmen ein paar klitzekleine Drinkies und Häppchen zu uns, bevor wir losdampfen.

Ich habe Karamelbonbons und Phantasieküchlein gemacht!«

»Arr harr«, sagte der Papagei auf seiner Schulter. »Gebt acht, gebt acht, der Käpten hat Plätzchen gemacht!«

»Halt die Klappe«, sagte der Kapitän. Er schlug mit einer schwer beringten Hand nach dem Vogel; doch der Papagei wich dem Schlag mit der Lässigkeit langjähriger Übung aus.

Der Kapitän funkelte den Papagei an, und der Papagei funkelte zurück. Dann wandte sich der Kapitän wieder seinen Passagieren zu. »Kommt nur immer her, meine Süßen! Einen guten Sherry läßt man niemals warten.«

Wie ein Mann wandten sich die Rebellen nach Reineke Bär und dem Seebock um, die beide unbehaglich mit den Schultern zuckten.

»Wir hatten überlegt, ob wir Euch nicht besser im voraus warnen sollten«, sagte der Bär, »aber wir wußten nicht, wie wir es in die richtigen Worte kleiden sollten. Im Grunde genommen rebelliert er gegen seine ursprüngliche Charakterisierung.

Seit er intelligent wurde, scheut er keine Kosten und Mühen, sich von seiner Rolle so weit wie möglich zu distanzieren. Ich schätze, sein neues Ich basiert auf einem Passagier, der die Aufmerksamkeit des Kapitäns erweckt hatte. Er sagt, er fühlt sich viel wohler so, wie er jetzt ist.«

Flynn schaute zu Tobias. »Vielleicht habe ich eine verwandte Seele gefunden!«

»Du wirst ihn in Frieden lassen!« sagte Tobias entschieden.

»Du wirst ihn nur noch mehr verwirren. Das letzte, was diese Spielsachen brauchen, sind Konflikte wegen ihrer sexuellen Identität

Reineke Bär und der Seebock schauten sich verwundert an.

»Sexuelle Konflikte?« fragte der Bär. »Was ist das?«

Tobias wandte sich abermals wütend an Flynn. »Da siehst du mal wieder, was du angerichtet hast!«

»Erzählt uns von diesem Papagei!« wechselte Evangeline rasch das Thema. »Er hat doch sicher nicht immer so ausgesehen, oder doch?«

»Selbstverständlich nicht«, sagte der Bär. »Ich weiß auch gar nicht, wer ihm diese Sprache beigebracht hat. Obwohl ich gewisse Personen im Verdacht habe.« Er funkelte den Seebock an, der seinen Blick unschuldig erwiderte.

»Gibt es noch mehr Besatzungsmitglieder?« erkundigte sich Giles Todtsteltzer. »Oder müssen wir die Kessel selbst befeu-ern?«

»Außer dem Kapitän nur noch eins«, antwortete der Bär.

»Das Schiff kümmert sich selbst um alles. Jedenfalls zum größten Teil. Halloweenie wird sich um Euch kümmern.«

Die Rebellen hatten kaum genug Zeit, den Namen nachzu-sprechen und sich zweifelnde Blicke zuzuwerfen; dann ertönte ein lautes Knochenklappern, und das zweite Besatzungsmitglied betrat die Bildfläche. Es rannte mit beachtlichem Tempo übers Hauptdeck und kam am Geländer schlitternd zum Stillstand, wo es die Menschen mit einem steifen Salut begrüßte. Es war ein Skelett, vielleicht vier Fuß hoch und zusammengehal-ten von unsichtbaren Drähten.

Es trug eine kecke Bandana um den strahlend weißen Schädel und eine schwarze Klappe über einer seiner leeren Augenhöhlen.

»Hallo zusammen«, sagte es mit rasselnder Knabenstimme.

»Ich bin Halloweenie, der kleine Skelettjunge. Ich bin der erste Maat der Missis Merry Truspott, zu Euren Diensten. Kommt an Bord, nur immer hereinspaziert, Herrschaften! Ich weiß ganz genau, daß wir zusammen ein großes Abenteuer erleben werden! Wenn ich irgend etwas tun kann, um Euren Aufenthalt an Bord komfortabler zu gestalten, dann gebt mir Bescheid!«

»Diesen Burschen mag ich«, sagte Tobias.

»Glaubt mir, er wird Euch schon nach kurzer Zeit ziemlich auf die Nerven gehen«, sagte der Seebock. »Kein intelligentes Wesen kann ständig nur Fröhlichkeit um sich herum ertragen.

Nach einer gewissen Zeit wird das Bedürfnis beinahe unwiderstehlich, ihn an einen Anker gefesselt über Bord zu werfen.

Unglücklicherweise werden wir damit leben müssen, denn er weiß als einziger, wie das Schiff am Laufen zu halten ist. Der Kapitän ist gut als Steuermann, und er kann hervorragend Befehle brüllen, aber von allem anderen hat er keine Ahnung.

Also beißt die Zähne zusammen und erwidert das Grinsen des fröhlichen kleinen Mistkerls. Und fühlt Euch frei, mit Gegenständen zu werfen. Das mache ich nämlich auch immer.«

»Hört nicht auf den Seebock«, sagte Reineke Bär. »So ist er immer. Einfach unausstehlich.«

»Und ich hasse diese verdammten fröhlichen Farben!« brummte der Seebock. »Ich könnte kotzen.«

Nach einem zivilisierten Beisammensein in der Kabine des Kapitäns, bei dem der Seebock seine Manieren vergaß, indem er den Sherry direkt aus der Flasche trank, zeigte der fröhliche Halloweenie den Passagieren ihre Kabinen und ließ sie dann allein, damit sie sich einrichten konnten. Nach der groben Kartenskizze Reineke Bars zu urteilen, würde die Reise den Fluß hinunter sicherlich einige Tage in Anspruch nehmen, und im Hinblick darauf waren die Menschen nicht sonderlich von ihren Unterkünften angetan. Die Kabinen waren hell und freundlich wie alles andere in dieser Kinderwelt auch, aber die Aus-stattung beschränkte sich auf eine Hängematte, ein Bücherregal voller klassischer Kinderbücher, einen Kühlschrank mit Säften, Limonaden und Süßigkeiten und ein Waschbecken. Fast gleichzeitig verließen die Rebellen ihre Kabinen wieder und machten sich auf die Suche nach der Kombüse und einem steifen Drink, wenn auch nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Alkohol stellte sich rasch als Mangelware an Bord heraus. Es gab Sherry für die Küche und Brandy für medizinische Notfälle, doch der Kapitän hatte längst beides für sich beansprucht. Welche Art von Rausch allerdings ein Automat aus dem Konsum von Alkohol zog, das blieb ein Geheimnis.