Wenigstens gab es reichlich zu essen. Einige der Konserven waren noch nicht einmal abgelaufen.
Schließlich trafen sich die Passagiere wieder an Deck und sahen der Besatzung beim Ablegemanöver zu. Es war noch weniger aufregend, als es ohnehin schon klang, und beschränk-te sich im wesentlichen auf einen Befehle brüllenden Kapitän und einen Ersten Maat Halloweenie, der ein Seil über Bord warf – ein Vorgeschmack auf die Langeweile, die sie wohl auf dieser Reise erwarten würde. Die großen Schaufelräder der Missis Merry Truspott drehten sich langsam, und die Dampfpfeife tutete laut durch die Stille des frühen Abends. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, und am dunkler werdenden Himmel erschienen die ersten Sterne. Sie hatten exakt fünf Spitzen und bildeten Sternbilder, die an berühmte Figuren aus Kinder-romanen erinnerten . Der Vollmond trug eine lange Zipfelmüt-ze.
Die Missis Merry Truspott gewann rasch an Fahrt, und die dunkle Flüssigkeit ringsum schäumte vor ihrem Bug. Das Schiff umrundete eine Biegung , und am Ufer stand die gesamte Einwohnerschaft von Spielzeugstadt. Sie waren alle gekommen , um der Abfahrt der Menschen beizuwohnen und ihnen eine gute Reise zu wünschen. Sie klatschten und lachten und riefen aufmunternde Worte , und sie schubsten sich gegenseitig fröhlich aus dem Weg, um eine bessere Sicht zu haben.
Poogie der freundliche Bursche und Alles der Adaptor waren erst im letzten Augenblick an Bord gekommen. Sie standen gemeinsam an der Reling und starrten verdrießlich auf die Menge am Ufer. Reineke Bär und der Seebock lachten und winkten, und der Bock reagierte überraschend liebenswürdig auf die gelegentlichen Pfiffe. Die Menschen winkten der großen Spielzeugmenge zu, anfangs ein wenig unsicher, doch dann mit immer größerer Lässigkeit , nachdem sie sich von der allgemeinen guten Laune und Fröhlichkeit hatten anstecken lassen. Ein paar der Spielzeuge brannten Feuerwerk ab , und strahlende Blumen aus Rot, Grün und Gelb erblühten im Licht der heraufziehenden Nacht. Missis Merry Truspott tutete ununterbrochen, und so nahm die große Reise ihren Anfang.
Nicht lange danach standen die Menschen allein an der Reling und sahen den dunklen Fluten zu, die an der Missis Merry Truspott vorüberzogen. Sie hatten Spielzeugstadt hinter sich gelassen, und das Land verschwand in der Dunkelheit. Ketten aus hellen Papierlampions beleuchteten das Deck. Tobias seufzte laut.
»Seht Euch das gut an, Leute«, sagte er. »Das ist für eine ganze Weile die letzte Aufregung, die wir haben werden. Ich meine, das Schiff ist ja sehr hübsch und alles, aber es gibt keinerlei Abwechslung! Es sei denn, Ihr spielt gerne Kinderspiele.
Davon sind reichlich vorhanden. Ich kann nicht glauben, daß es tatsächlich Menschen gibt, die richtig viel Geld für das hier ausgeben würden. Ich würde innerhalb von weniger als vier-undzwanzig Stunden vor Langeweile den Verstand verlieren!
Ich kann nur annehmen, das alle Besucher bei ihrer Ankunft unter starke Drogen gesetzt worden und bis zu ihrer Abreise nicht wieder zu sich gekommen sind. Und ehrlich gesagt, ich hätte nichts dagegen, jetzt auch welche zu nehmen. Meine Güte, ist das langweilig!«
»Genießt es, solange Ihr noch könnt«, sagte Giles. »Oder glaubt Ihr etwa im Ernst, daß wir den ganzen Weg bis zu Harker unbehelligt bleiben werden? Es gibt jede Menge Leute – oder sollte ich besser sagen: Spielzeuge – auf dieser Welt, die ein begründetes Interesse daran haben, daß wir nicht so weit kommen.«
Die Menschen blickten sich wie beiläufig um. Alle Spielzeuge hatten sich in den Hauptsalon zurückgezogen, wo sie miteinander schwatzten. Die Menschen waren allein an Deck. Sie redeten trotzdem mit gesenkten Stimmen weiter. Man konnte nie wissen, wer gerade lauschte.
»Selbstverständlich wird es Widerstand geben«, erklärte Julian. Er wirkte blaß, aber halbwegs erholt. »Die Spielsachen sind noch immer dort draußen und suchen nach Menschen, die sie töten können. Aber sie werden es nicht leicht mit uns haben.
Wir sind bewaffnet. Eigentlich sollte es uns nicht besonders schwerfallen, die Angreifer auf Distanz zu halten.«
»So einfach ist das nicht«, widersprach der Erste Todtsteltzer. »Vergeßt diese Geschichte über gute und böse Spielsachen. Wir dürfen niemandem trauen, dem wir auf diesem Planeten begegnen. Die Spielsachen sind eine neue intelligente Spezies. Wir haben nicht die leiseste Ahnung, welche Motive sie antreiben. Sie sind keine Menschen. Sie äffen zwar menschliche Emotionen und Verhaltensweisen nach; aber wer kann schon sagen, ob sie echt sind oder nicht? Wir dürfen ihnen nicht über den Weg trauen, nicht von Zwölf bis Mittag.«
»Sie versuchen, menschlich zu sein«, sagte Evangeline. »Wir müssen sie darin bestärken. Uns bietet sich hier die einmalige Chance, das Gewissen und die Seele einer neuen künstlichen Intelligenz zu formen. Wir dürfen ihnen nicht den Rücken zuwenden. Wir haben sie schließlich geschaffen. Wir sind für sie verantwortlich.«
»Nicht wir haben sie geschaffen, sondern Shub«, korrigierte Tobias. »Wer weiß, welche versteckten Kommandos tief unter ihrer neu erwachten Identität lauern?«
»Sie durchbrachen Shubs Programmierung«, sagte Flynn.
»Oder wenigstens die guten Spielsachen durchbrachen sie.
Sonst wären wir inzwischen längst alle tot.«
»Also schön, reden wir über Harker«, lenkte Giles ein. »Die bösen Spielzeuge wollen seinen Tod, weil er ein Mensch ist.
Die guten Spielzeuge wollen ihn tot oder von diesem Planeten verschwunden sehen, weil sie in ihm eine Gefahr sehen. Und die Spielzeuge, die Harker um sich geschart hat, werden höchstwahrscheinlich alles in ihrer Macht Stehende tun, um uns daran zu hindern. Harker mitzunehmen . Aber was will Harker? Wird er gegen uns kämpfen, um hierzubleiben, oder wird er uns helfen, damit er fliehen kann? Was hat er wirklich vor? Was verbirgt er in diesem Wald am Ende des Flusses?«
»Angeblich schart er ja gute und böse Spielsachen um sich«, antwortete Evangeline. »Falls das stimmt, ist der Wald der einzige Ort auf diesem Planeten, wo gute und böse Spielsachen friedlich zusammenleben. Warum töten die bösen Spielsachen Harker nicht? Er ist schließlich ein Mensch! Ich frage mich auch, was er ihnen erzählt, um sie so stark an sich zu binden.
Und was macht er mit ihnen? Wozu braucht er sie?«
»Die guten Spielsachen haben versucht, es vor uns zu verbergen; aber sie haben eine Heidenangst vor Harker« , sagte Tobias . »Wen auch immer sie in den Großen Wald geschickt haben, um ein paar Antworten zu finden – niemand ist je von dort zurückgekehrt, ganz egal, wie loyal oder vertrauenswürdig er auch gewesen sein mag. Sie bleiben alle bei Harker. Ich glaube, die Spielsachen von Spielzeugstadt haben einfach Angst vor dem Ausmaß der Kontrolle, das Harker über ihres-gleichen auszuüben scheint. Vielleicht ist es die gleiche Art von Kontrolle, die früher alle Menschen über ihre Spielsachen gehabt haben, bevor sie intelligent wurden.«