»Kein Wunder, daß sie sich fürchten«, sagte Julian. »Aber warum hatten sie dann keine Angst vor uns? Wir sind Menschen, genau wie Harker.«
»Gute Frage«, brummte Finlay. »Vielleicht verbergen sie ih-re Angst nur, weil sie uns brauchen, um mit Harker fertig zu werden. Schließlich haben sie uns ziemlich rasch aus ihrer Stadt hinaus und auf die Reise geschickt, oder etwa nicht?«
»Noch eine Sache wegen Harker«, sagte Giles. »Warum hat er keinerlei Anstrengungen unternommen, den Planeten wieder zu verlassen? Angeblich hat er den Kopf voller Informationen, die für das Imperium lebenswichtig sind. Aber statt alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Sternenkreuzer im Orbit zu kontaktieren, damit jemand runterkommt und ihn holt, versteckt er sich mitten im dichtesten Wald und umgibt sich mit einer Armee fanatischer Anhänger. Was hat er dort gefunden?
Was hält ihn dort fest? Was hofft er, mit seiner Armee von Spielzeugen zu erreichen?«
Tobias schnaufte verächtlich. »Selbst eine ganze Armee von Spielzeugen wird ihm nichts nutzen, wenn die Eiserne Hexe die Geduld verliert und eine Armee ihrer Stoßtruppen entsendet, um ihn abzuholen. Sie werden einmarschieren und Harker mitnehmen, ob er will oder nicht.«
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, widersprach Julian. »Vergeßt nicht, was mit den letzten Soldaten geschehen ist, die sie nach Shannons Welt entsandt hat. Ihre Köpfe stecken auf Pfählen, und ihre Eingeweide haben sich mörderische Stoffpuppen einverleibt.«
Evangeline erschauerte. »Ich kann immer noch nicht glauben, daß Spielzeuge das getan haben sollen.«
»Hört endlich auf, von ihnen als Spielzeuge zu denken«, sagte Giles. »Sie sind den Furien von Shub ähnlicher als alles andere. Und genau das hat Shub gewollt.«
»Der Bär glaubt, Harker sei vielleicht verrückt geworden«, sagte Finlay. »Vielleicht befürchtet er, Harker könne die Spielsachen anstecken, die zu ihm kommen. Damit wären sie und Harker wirklich verdammt gefährlich. Wir wollen nicht vergessen, daß noch nie jemand zurückgekehrt ist, der nach ihm gesucht hat, weder Mensch noch Spielzeug. Sie verschwanden allesamt spurlos.«
»Der Rote Mann«, sagte Flynn. »Sie nennen ihn jetzt den Roten Mann. Vielleicht steht das Rot für Blut?«
»Würde mich nicht überraschen«, erwiderte Tobias. »Auf dieser Welt ist nichts mehr normal. Dieser Ort treibt jeden in den Wahnsinn.«
»So schlimm ist es gar nicht«, widersprach Evangeline. »Seht Euch nur die Spielzeugstadt an oder Reineke Bär und den Seebock…«
»Das sind nicht Reineke Bär und der Seebock!« unterbrach sie Giles. »Das sind nichts weiter als Automaten , die genauso aussehen und klingen. Wer wäre besser geeignet als diese beiden, sich unser Vertrauen zu erschleichen und uns dann zu verraten?«
»Womit wir wieder am Anfang angelangt wären«, sagte Julian.
»Pssst!« flüsterte Flynn. »Da kommt jemand.«
Halloweenie, der kleine Skelettjunge, klapperte mit einem Tablett voller dampfend heißer Getränke herbei. Er hatte seine Klappe auf die andere leere Augenhöhle verschoben und trug jetzt einen stolzen Dreizack auf dem Kopf, den er weit in den Nacken geschoben hatte. »Ich dachte, etwas Warmes zu trinken würde Euch vielleicht guttun«, sagte er fröhlich. »Heiße Schokolade für alle! Sorgt dafür, daß Ihr warm angezogen seid, wenn die Sonne untergegangen ist. Die Nächte hier können sehr kalt werden, wenn man nur ein Mensch ist.«
»Spürst du denn keine Kälte?« fragte Evangeline und nahm einen dampfenden Becher vom Tablett.
»Ich? O nein«, antwortete Halloweenie. Er zwinkerte ihr mit seiner leeren Augenhöhle zu: ein beunruhigender Anblick. »Ich bestehe schließlich nur aus Knochen. Ich klappere zwar hin und wieder damit, aber nur aus Spaß. Bleibt ruhig hier und beobachtet den Sonnenuntergang. Er ist wirklich sehr male-risch.«
Er wartete, bis jeder einen Becher in der Hand hatte, dann wuselte er geschäftig wieder davon und summte dabei ein Seemannslied vor sich hin. Die Menschen nippten an ihrer heißen Schokolade, befanden sie für gut und lehnten sich an die Reling, um zu beobachten, wie die Sonne langsam hinter dem Horizont versank. Das lächelnde Sonnengesicht hatte sich verändert und sah jetzt ausgesprochen schläfrig aus. Irgendwo sangen Vögel, ein ausgedehnter Chor von Stimmen, der Frieden und Ruhe und das Ende des Tages verkündete.
»Das ist nur eine Aufnahme«, sagte Reineke Bär. Die Menschen wirbelten erschrocken herum. Keiner hatte die Annäherung des Spielzeugteddys bemerkt. Er lehnte neben den Menschen an der Reling und blickte in die Nacht hinaus. »Wir haben jedenfalls nach den Vögeln gesucht und nie welche gefunden. Vielleicht ist es auch nur ein weiteres der vielen Geheimnisse dieses Planeten. Es gibt noch so vieles auf dieser Welt, die ihr Menschen geschaffen habt, das wir nicht verstehen.«
Er brach ab, als weiter unten am Fluß helle Lichter vor dem Nachthimmel sichtbar wurden, gefolgt vom Geräusch entfernten Donners.
»Feuerwerk!« sagte Evangeline.
»Nein, nicht mehr«, entgegnete Reineke Bär. Er klang mit einemmal müde, und die Menschen drehten sich um und schauten ihn überrascht an. Er starrte mit traurigen Augen in die Nacht hinaus. »Früher einmal wäre es sicher ein Feuerwerk gewesen«, sagte er nach einer Weile. »Eine Feier der Spielsachen, um das Ende des Tages anzuzeigen. Heute sind es Bomben. Explosionen. Granaten. Der Krieg tobt noch immer, weiter unten am Fluß. Spielzeug kämpft gegen Spielzeug, ohne jeden vernünftigen Grund, in einem Krieg, der nicht enden wird, bevor nicht eine Seite die andere völlig ausgelöscht hat. Oder bis der Rote Mann und seine Armee aus dem Großen Wald kommen und allem ein Ende bereiten.«
»Ihr habt Angst vor ihm, nicht wahr?« erkundigte sich Tobias.
»Selbstverständlich«, antwortete Reineke Bär. »Er ist eine unbekannte Größe. Der Krieg mag schrecklich sein, aber wenigstens ist er ein Übel, das wir verstehen. Wer weiß schon, welche wahnsinnigen Pläne im Kopf des Roten Mannes Gestalt annehmen? Wir sind schließlich trotz aller Intelligenz immer noch Spielzeuge, und unser Verstand ist durch unser kurzes Leben und unsere geringe Erfahrung limitiert. Allein die Vorstellung, in welche Dunkelheit uns der Wahnsinn des Roten Mannes stürzen könnte, hat gewaltig an unseren Nerven gezerrt.«
»Aber er bisher noch nichts unternommen, oder?« erkundigte sich Finlay .
»Das wissen wir nicht«, antwortete Reineke Bär. »Niemand weiß, was aus den Hunderten von Spielzeugen geworden ist, die im Herzen des Dunklen Waldes verschwunden sind. Nichts als Gerüchte – Flüstern, das den Fluß herunter kommt, über-bracht von Spielsachen, die von Granaten durchsiebt waren und im Sterben lagen. Sie sagen, Harker hätte etwas entdeckt, irgendwo tief im Wald, irgend etwas, das ihn zum Roten Mann hat werden lassen. Irgend etwas, das die gesamte Welt verändern wird, bis niemand sie mehr wiedererkennt . Würde Euch das keine Angst machen?«
»Wie lange… wie lange dauert dieses Schauspiel noch?« wechselte Evangeline taktvoll das Thema.
Reineke Bär blickte zu den hellen Lichtern am nächtlichen Himmel . »Sie hören niemals auf. Der Krieg hört niemals auf.
Das ist der Imperativ von Shub, versteht Ihr? Der Zwang zum Kämpfen ist in der Programmierung verankert, die uns unsere Intelligenz verleiht. Der Zwang zur Zerstörung, zum Töten, zur Vernichtung der Menschheit in Shubs Namen. Die wenigen von uns, die in der Spielzeugstadt leben, haben diese Konditionierung überwunden, aber den meisten ist das nicht gelungen.
Nicht einmal allen, die sich selbst als gute Spielsachen betrachten. Wir haben es geschafft, unseren Zwang zur Zerstörung auf die bösen Spielsachen zu richten; aber das war auch schon alles. Jetzt kämpfen wir gegen die Bösen statt gegen die Menschen, und wir zerstören sie oder verhindern zumindest, daß sie diesen Planeten verlassen und den Krieg zu den Menschen tragen. Unterschätzt nicht unseren Mut oder die Macht unserer Überzeugungen; wir kämpfen und sterben jetzt, in diesem Augenblick, um Euch und Eure Rasse zu schützen. Manchmal frage ich mich wirklich, ob es nur dieser Krieg ist, der uns davon abhält, den Menschen an die Kehle zu gehen. Vielleicht müssen wir den Krieg in Gang halten, damit die Menschheit sicher ist. Weshalb es noch lebenswichtiger wird, daß Ihr diesen Harker findet und ihn aufhaltet, findet Ihr nicht?«