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»Ich dachte, Ihr wärt auf diesem Planeten gefangen?« erkundigte sich Finlay vorsichtig.

»Das waren wir auch«, antwortete Reineke Bär. »Doch jetzt sind wir im Besitz einer Imperialen Pinasse, die zwar vergraben, aber größtenteils noch funktionsfähig ist, und wir besitzen Euer Schiff. Einige von uns sind sehr intelligent für Spielzeuge. Wir könnten lernen, diese Schiffe zu reparieren und zu steuern. Wir müssen Harker finden und uns um ihn und seine Armee kümmern, bevor die Nachricht von den beiden Schiffen ihn erreichen kann. Bitte versteht uns nicht falsch: Die Spielsachen von Spielzeugstadt werden nötigenfalls sowohl die Pinasse, als auch Euer Schiff zerstören, um zu verhindern, daß sie in die falschen Hände fallen. Nur um die Menschheit zu beschützen.«

»Ihr meint, Ihr würdet uns hier stranden lassen?« fragte Giles.

»Falls es nötig wäre – ja. Aber macht Euch keine Gedanken deswegen. Wir würden Euch für den Rest Eures Lebens beschützen und uns um Euch kümmern.«

Die Menschen schauten sich schweigend an. Der Gedanke, unter Umständen den Rest ihres Lebens in einer erzwungenen Kindheit verbringen zu müssen, ließ allen einen Schauder über den Rücken laufen. Sie betrachteten Reineke Bär und sahen ihn plötzlich mit anderen Augen. In den Geschichten vom Goldenen Land hatte Reineke Bär immer das getan, was er für richtig gehalten hatte – und zwar ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.

»Und was, wenn wir versuchen würden, Euch an der Zerstörung der Schiffe zu hindern?« fragte Giles. Seine Hand schwebte verdammt dicht über dem Kolben des Disruptors.

»Was, wenn wir uns querstellen würden?«

Der Bär nickte traurig. »Dann müßten wir Euch töten. Wir hätten keine andere Wahl. Wir würden Euch alle töten, um die Menschheit zu beschützen. Wir mögen nur Spielsachen sein, aber wir haben unsere Lektionen gründlich gelernt. Wir wissen, was nötig ist und was nicht. Das ist der erste Schritt in Richtung Moral.«

Er wandte sich brüsk ab und trottete davon. Die Menschen blickten ihm schweigend hinterher, bis er im großen Salon verschwunden war. Die Nacht schien mit einem Mal viel kälter und dunkler geworden zu sein.

»Er blufft nur«, sagte Julian nach einer Weile. »Das würde er nie tun. Er könnte es gar nicht. Schließlich ist er Reineke Bär.«

»Nein, ist er nicht! Ich denke, wir haben zum ersten und letzten Mal eine Ahnung von seinem wirklichen Ich gesehen. In ihm ist eine Intelligenz am Werk, die ihn über die Grenzen seiner ursprünglichen Persona hinaustreibt, ob er nun will oder nicht.«

»Zur Hölle!« fluchte Flynn. »Was ist das nur für eine Welt, in der man nicht einmal mehr Reineke Bär vertrauen kann?«

»Eine Welt, die Shub geschaffen hat«, antwortete Giles.

»Vergeßt das niemals!«

»Ich denke, wir sollten alle sehen, daß wir ein wenig Schlaf finden«, sagte Evangeline. »Es war ein langer, harter Tag.«

»Vielleicht könnt Ihr ja schlafen, während Ihr von Kreaturen umgeben seid, die eben erst gedroht haben, uns alle umzubringen«, sagte Tobias. »Ich für meinen Teil habe mich noch nie im Leben so wach gefühlt

»Wir sollten vielleicht Wachen aufstellen«, schlug Giles vor.

»Wir sind wahrscheinlich in Sicherheit, solange wir das tun, was die Spielsachen von uns verlangen , aber ich denke , wir schlafen trotzdem besser, wenn wir wissen, daß einer von uns Wache hält. Nur für den Fall. Ich übernehme die erste Wache.«

»Ich löse Euch in drei Stunden ab«, meldete sich Finlay.

»Anschließend Tobias, und dann ist die Nacht vorbei.«

»Verdammt noch mal!« fluchte Julian. Er war mit einemmal so wütend, daß ihm die Tränen in die Augen traten. »Selbst unsere Kindheit wird uns genommen und besudelt. Gibt es denn gar nichts mehr, das noch heilig ist?«

Er funkelte die anderen an, doch sie wußten nicht, was sie ihm antworten sollten. Am Ende nahmen Evangeline und Finlay ihn bei den Armen und führten ihn zu den Kabinen. Tobias und Flynn schauten sich an, zuckten die Schultern und folgten den dreien. Giles fand eine Wand, gegen die er sich lehnen und von wo aus er den größten Teil des Decks und der Niedergänge im Auge behalten konnte. Er setzte sich nieder, zog sein Schwert und legte es über die Knie. Er war bereit.

Und so saß er da, starrte in die Nacht hinaus, beobachtete das helle Blitzen der Explosionen und lauschte dem unterdrückten Donnern, während er seinen eigenen Gedanken nachhing. Die Spielsachen blieben im großen Salon unter sich und taten, was auch immer Spielsachen in der Nacht machten, und belästigten ihm übrigen niemanden. Und der große Schaufelraddampfer fuhr den Fluß hinab in Richtung des Herzens der Dunkelheit.

Ein paar Stunden, nachdem die lächelnde Sonne hinter dem Horizont hervorgekrochen war, kam Halloweenie vorbei und klopfte höflich an die Türen. Er teilte den Rebellen mit, daß in der Kombüse ein Frühstück auf sie wartete, falls sie Hunger verspürten. Alle gingen hin, selbst Tobias, der gerade seine Wache hinter sich hatte und jeden anknurrte. Er war nicht gerade ein Frühaufsteher. Niemand wollte etwas versäumen. Sie hatten alle geduscht und ihre sonstigen sanitären Geschäfte erledigt. Die modernen Badezimmer und Toiletten, die hinter den Kabinen versteckt lagen, waren eine angenehme Überraschung gewesen. Offensichtlich hatte die Kinderwelt einige Konzessionen an ihre erwachsenen Besucher machen müssen.

Das Frühstück war ein echter Cholesterincocktail aus Schin-ken, Würstchen, Eiern und anderen ungesunden Dingen, und es wurde vom Kapitän persönlich serviert, der eine rüschenbesetz-te Schürze trug.

Die gute alte Missis Merry Truspott tuckerte noch immer stetig den Fluß aus Limonade hinab. Das Schiff achtete sorgfältig darauf, in der Mitte des Stroms zu bleiben. Sie schienen während der Nacht ein gutes Stück vorangekommen zu sein und befanden sich inzwischen in unbekanntem Gebiet. Das ständige Donnergrollen der Spielzeug-Artillerie war noch immer fern, obwohl inzwischen merklich lauter. Die Landschaft zu beiden Seiten bestand aus riesigen Brettspielen, jedes einzelne so groß wie ein Fußballfeld. Auf ihnen wurde nicht mehr gespielt, sondern gekämpft. Der Boden war schwarz von Feuern und von Bombenkratern zerwühlt. Die freundlichen hellen Farben waren verschwunden, und die Markierungen waren zerrissen und hatten jede Bedeutung verloren. Überall lagen tote Spielfiguren herum. Zerbrochene Schachfiguren mit entfernt menschenähnlichen Umrissen. Springer mit zerfetzten Pferdeköpfen, Läufer mit abgerissenen Mitren, Bauern, deren elektronische Eingeweide heraushingen.

Nirgendwo war ein Zeichen von Kampfhandlungen zu sehen.

Der Krieg war weitergezogen. Es war nicht zu erkennen, wer oder ob überhaupt irgendeine Seite hier gewonnen hatte.

Nach einer Weile wich die Brettspiellandschaft riesigen Puzzlespielen. Die einzelnen Teile waren zerbrochen und verstreut und manchmal aus taktischen Gründen neu angeordnet worden, so daß die Bilder nicht mehr zu erkennen waren. Einige Steine fehlten einfach. Man hatte sie aus keinem erkennbaren Grund entfernt. Weitere tote Spielsachen lagen dort, wo sie gefallen waren – Ehre für die Toten war eine menschliche Ei-genschaft. Spielsachen recycelten, was noch zu recyceln war, und zogen mit der Front weiter. Manchmal waren die Toten – sei es aus ästhetischen oder psychologischen Gründen – auf bestimmte Art drapiert worden, um Entsetzen in die Herzen der Feinde zu pflanzen.