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Ein ganzes Regiment aus Matrosenpuppen war sorgfältig verstümmelt, enthauptet und dann in einer langen Reihe einen Hang entlang gekreuzigt worden. Hunderte von Kreuzen führten den Hang hinauf bis zum Gipfel, wo eine einzelne Matrosenpuppe – wahrscheinlich der gegnerische Anführer – mit dem Kopf nach unten gekreuzigt und anschließend verbrannt worden war. Noch immer stieg Rauch von der verkohlten, geschwärzten Gestalt empor.

Evangeline wollte die Missis Merry Truspott anhalten lassen.

Sie war sicher, daß einige der Puppen sich noch immer verzweifelt gegen ihr Schicksal wehrten. Der Kapitän weigerte sich. Es bestünde immer die Möglichkeit, daß es sich um eine Falle handeln könnte, begründete er seine Weigerung mit, wie es schien, ehrlichem Bedauern. Die bösen Spielsachen hätten so etwas nicht zum ersten Mal getan. Die Menschen sahen genau hin; aber nirgends war ein Zeichen vom Feind zu sehen.

»Sie können sich überall verstecken«, sagte der Kapitän. Die Menschen erinnerten sich an die Stoffpuppen unter den zerstörten Eisenbahnschienen und schwiegen.

Ein Stück weiter lagen Hunderte von Spielzeughunden und

-katzen zerrissen und zerfetzt mitten zwischen den Bombenkratern, und das Material, mit dem sie ausgestopft gewesen waren, flatterte im Wind wie kleine weiße Wattewölkchen. Ihre Tier-gesichter wirkten unschuldig und überrascht, als hätten sie in ihren letzten Sekunde darüber nachgedacht, wie sie nur so hatten enden können. Reineke Bär und der Seebock standen beieinander, während das Schiff langsam an dem Gemetzel vor-beiglitt. Sie hielten sich an den Pfoten, doch sie wandten den Blick nicht ab. Poogie saß hinter ihnen und schniefte leise. Seine großen dunklen Augen waren naß vor Tränen. Das Spielzeug, das sich selbst den Namen Alles gegeben hatte, stand ein wenig abseits und beobachtete schweigend, wie sie an einem Feld voller toter Adaptorspielzeuge vorüberkamen, die aussahen wie es selbst. Die glänzenden Metallfiguren waren fast ausnahmslos mitten in einer Verwandlung gestorben, gefangen in merkwürdig halbfertigen Gestalten, die weder das eine noch das andere waren. Als hätte der Tod sie ereilt, während sie noch verzweifelt nach einer Form gesucht hatten, der die erlit-tenen tödlichen Wunden nichts ausmachten.

Gott sei Dank schoben sich nach und nach Bäume und Gestrüpp bis an die Ufer heran und wurden zu ausgedehnten dichten Wäldern, so daß die Schlachtfelder vom Schiff aus nicht mehr zu sehen waren. Die Bäume waren groß und ausladend und schwer von sommerlichem Grün; doch in ihren Ästen sangen keine Vögel, und im Unterholz bewegten sich keine Tiere.

Die Wälder waren zum Spielen errichtet worden, um auf die Bäume zu klettern und sich zu verstecken und was sonst noch alles. An ihnen war absolut nichts Natürliches.

Allmählich wurde es wärmer, heiß genug, um ins Schwitzen zu geraten, jedoch nicht unerträglich . Die Menschen lagen in Decksstühlen und beobachteten die vorübergleitende stille Landschaft, während sie von einem übereifrigen Halloweenie bedient wurden. Wenn er nicht gerade unterwegs war, um kalte Getränke oder heiße Snacks zu holen, dann saß er ihnen zu Füßen und stellte endlose Fragen über das Leben auf anderen Welten. Er kannte nichts außer anderen Spielsachen, den menschlichen Patienten und dem Krieg, und er verstand die Hälfte der Antworten nicht, die er erhielt. Manchmal schüttelte er den knochigen Kopf und lachte – und stellte weitere Fragen.

Der kleine Skelettjunge liebte Geschichten, und er lauschte glücklich den Heldenerzählungen von Giles und Finlay. Eine Zeitlang lauschte er auch Tobias; doch die meisten Geschichten des Journalisten überstiegen seinen Horizont. Poogie, Reineke Bär und der Seebock spielten unentwegt Ringtennis; dabei stritten sie ständig über die Regeln – ganz besonders dann, wenn der Bock wieder einmal am Verlieren war. Alles der Adaptor blieb die meiste Zeit über für sich allein, doch hin und wieder erwachte er aus seiner brütenden Starre und wechselte zum Vergnügen Halloweenies die Gestalt. Der kleine Skelettjunge amüsierte sich endlos darüber und kreischte und klatschte bei jeder neuen Transformation. Der Adaptor beteiligte sich kaum an den Unterhaltungen; aber manchmal sprach er leise mit Halloweenie und unterbrach sich jedesmal, wenn ein anderer in seine Nähe kam. Der Kapitän blieb auf der Brücke und hielt den Schaufelraddampfer genau in der Mitte des Flusses, während er beide Ufer mit verdrießlichem Mißtrauen im Auge behielt.

Der Papagei verließ niemals seinen Platz auf der Schulter des Kapitäns und murmelte leise Obszönitäten, um sich selbst zu beruhigen.

An den Flußufern lebten kleine künstliche Tiere. Hin und wieder kamen sie aus ihren Löchern und Höhlen hervor und winkten und riefen den Menschen aus sicherer Entfernung freundliche Grüße zu. Künstliche Delphine in hellen Farben zogen den Fluß herauf und schwammen eine Weile neben der Missis Merry Truspott. Hin und wieder hoben sie die glatten Köpfe aus der Limonade und betrachteten die Menschen aus hellen, intelligenten Augen, die keinerlei Gefühlsregung erkennen ließen. Der lange Tage ging nur langsam vorüber. Es war warm und angenehm, und nichts geschah – alles war genau so, wie es in den frühen Tagen von Shannons Traum gewesen sein mußte.

Das Donnergrollen des Krieges war ein weit entferntes, leises Rumpeln, wie ein Gewitter, das einen heraufziehenden Sturm ankündigt . Einige der Menschen waren tatsächlich eingedöst, als das Schiff in ein Kampfgebiet einfuhr. Die friedliche Stimmung war mit einemmal zu Ende , und alles ging zur Hölle.

Die Spielsachen waren zwischen den Bäumen hindurch ge-schlichen und hatten sich in den Schatten verborgen gehalten, leise und unauffällig; dann waren sie lautlos ins dunkle Limonadenwasser des Flusses geglitten. Sie waren tief unter der Oberfläche geschwommen – sie benötigten keine Atemluft –, um dann unbemerkt an den Seiten der Missis Merry Truspott hochzuklettern. Schließlich schwärmten sie über die Reling, schwenkten Schwerter und Äxte und schrien Flüche gegen die Menschheit. Es waren farbenfrohe, ausgefranste Gestalten, die auf der gesamten Länge des Schiffs aufs Deck sprangen. Sie besaßen größtenteils humanoide Umrisse; doch ihre Körperteile und Glieder waren aus verschiedenfarbigen Teilen zusammengesetzt. Die Arme waren unterschiedlich lang; die Beine paßten in den Proportionen nicht zu den Rümpfen, und die Köpfe drehten sich um volle dreihundertsechzig Grad. Finlay kannte die Spielsachen aus seiner Kindheit. Sie wurden in Ein-zelteilen verkauft – Körper, Gliedmaßen und Köpfe, alle in verschiedenen Farben und Größen – und mußten erst von den Kindern zusammengesetzt werden, um damit spielen zu können. Man konnte die Teile gegen andere austauschen und so neue Figuren bauen. Irgend jemand hatte die Idee mit nach Shannons Welt gebracht, und jetzt waren die Patchworkspiel-zeuge gekommen, um Vergeltung für die Jahre des willkürlichen Auseinandernehmens und Wiederzusammenbauens durch die Menschenkinder zu üben.

Die Menschen sprangen auf. Entsetzen vertrieb die Schläf-rigkeit aus ihren Köpfen. Sie hatten gerade genug Zeit, ihre Schwerter zu ziehen; dann waren die bösen Spielzeuge auch schon über ihnen. Finlay und Evangeline standen Rücken an Rücken und schlugen nach allem, was in die Reichweite ihrer Schwerter geriet. Giles war am Bug umzingelt und eingeschlossen, doch er hielt seine Stellung, und seine schwere Klinge fuhr durch die Körper der Spielzeuge, als wären sie aus Papier. Er kämpfte ruhig und ökonomisch, sparte seine Kräfte und ließ sich auch nicht von der schieren Zahl der Angreifer beeindrucken, die unablässig gegen ihn vordrangen. Tobias und Flynn stemmten sich mit den Rücken gegen die Außenwand des großen Salons und errichteten eine Barrikade aus Decksstühlen zwischen sich und den Spielsachen, über die sie mit ihren Disruptoren hinwegfeuerten. Die Energiestrahlen rissen breite Lücken in die dicht gedrängten Reihen der Angreifer. Flynns Kamera schwebte über der Szenerie und filmte alles, wie immer.