Das Schiff besaß eine Sanitätsstation; doch Halloweenie war nicht kräftig genug, um den Esper so weit zu tragen, selbst wenn sie von den Angreifern unbemerkt bleiben würden. Halloweenie hätte alleine fliehen können, doch er wollte den verletzten Menschen nicht ohne Schutz zurücklassen. Die Angreifer hämmerten gegen die Türen und brachen sie langsam auf, und die aufgestapelten Möbel wurden Zentimeter um Zentimeter nach hinten geschoben. Andere Spielzeuge versuchten, durch die Fenster einzudringen. Halloweenie rannte hierhin und dorthin und stieß alle wieder hinaus.
Und dann brach die Barrikade aus Möbeln plötzlich auseinander und fiel polternd um. Die Tür schwang weit auf, und die Spielzeuge stürmten heulend in den Raum. Halloweenie rannte vor und stellte sich zwischen die Angreifer und den verletzten Menschen, aber es waren so schrecklich viele, und er war nur ein kleiner Skelettjunge. Er ging unter ihrem Ansturm zu Boden, und sie trampelten über ihn hinweg. Knochen bogen sich und brachen, und er kreischte Julian zu, daß er weglaufen solle.
Der junge Esper gab sich alle Mühe, auf die Beine zu kommen, und dann taumelte er vor, um seinem kleinen Verteidiger zu Hilfe zu eilen. Schwerter und Äxte hoben sich rings um ihn herum.
Ein Krachen wie von einem Donner ließ alle innehalten: das Geräusch von explosionsartig verdrängter Luft. Giles Todtsteltzer erschien wie aus dem Nichts mitten im Salon. Die Spielzeuge wichen zurück. Das plötzliche Auftauchen eines weiteren Feindes hatte sie verunsichert. Giles trat vor und half Julian aufzustehen, und während die Spielsachen noch zögerten, griff er mit seiner Labyrinth-geborenen Macht nach Julians Geist. Julian wehrte sich erschrocken, als er den Plan des Todtsteltzers durchschaute; doch Giles wischte die Abwehr des Espers mit lässiger Leichtigkeit beiseite. Er übernahm die Kontrolle über Julians ESP und beschwor einen PSI-Sturm herauf.
Julian schrie entsetzlich. Der Laut erhob sich über den allgemeinen Kampflärm, und alle hielten für einen kurzen Augenblick inne. Und dann war es, als fege ein gewaltiger Sturm der Länge nach über die Missis Merry Truspott. Er packte die bösen Spielsachen und schleuderte die meisten von ihnen über Bord. Andere mit weniger Glück wurden zerrissen und in ihre Bestandteile aufgelöst, bevor der Wind sie in alle Richtungen verstreute. Wieder andere explodierten einfach, als sie von Blitzen getroffen wurden, die über das Deck fegten. Nichts als knisternde, funkensprühende Reste blieben von ihnen übrig.
Die Menschen standen wie erstarrt und beobachteten das Schauspiel ehrfürchtig. Der Sturm hatte sie völlig verschont.
Reineke Bär wurde von der Wucht des Windes von den Füßen gerissen, doch der Seebock packte ihn mit einer Hand und klammerte sich mit der anderen verzweifelt an der Reling fest.
Die Belastung drohte, ihn zu zerreißen, doch er ließ nicht lok-ker. Schließlich war er der Seebock, und der Seebock ließ seine Freunde nicht im Stich. Poogie und Alles klammerten sich verängstigt aneinander. Sie hatten unter einem Stapel Decksstühlen Zuflucht gesucht. Im Salon, im Zentrum des künstlichen Sturms, fielen die Spielsachen tot um, wo sie standen oder gingen. Der Wind heulte wie eine menschliche Stimme, voll Schmerz und Jubel zugleich, und fegte die Spielzeuge ins Wasser zurück.
Und dann erstarb der Sturm so rasch, wie er gekommen war, und an Bord war alles wieder ruhig – mit Ausnahme der schmerzerfüllten Schreie aus dem Salon und Halloweenies verzweifelten Hilferufen. Die Menschen und die guten Spielzeuge vergaßen ihren plötzlichen, unvermuteten Sieg und ihre zahlreichen Wunden und rannten zum Salon. Sie schoben sich durch die halb zerstörte Tür und an den zerschmetterten Barrikaden vorbei. Und dann sahen sie Halloweenie, der seinen zerbrochenen, geschundenen Körper voller Schmerzen über den Boden zog und versuchte, Julian zu erreichen, der zuckend in den Armen des Ersten Todtsteltzers lag. Die entsetzlichen Schreie des Espers wurden rauher, als würde seine Kehle zunehmend Schaden nehmen. Giles ließ Julian zu Boden sinken und wich zurück. Er musterte die anderen mit kalten, wachsa-men Augen.
»Laßt ihn nicht entkommen!« kreischte Halloweenie. »Er ist an allem schuld! Er hat Julian weh getan. Er hat irgend etwas mit ihm angestellt, und Julian fing an zu schreien und konnte nicht mehr aufhören.«
Finlay und Evangeline traten rasch vor und knieten neben dem jungen Esper nieder . Julian Skye zuckte am ganzen Leib, und seine Hacken trommelten auf den Boden . Der Kopf schnellte von einer Seite zur anderen, hin und her, hin und her, und Blut strömte aus seinem Mund, während er schrie . Evangeline half ihm, sich aufrecht hinzusetzen, und wiegte ihn dann in den Armen, Sie versuchte, seine hilflosen Bewegungen aufzu-fangen. Finlay untersuchte Julian nach Wunden, und bald wurde seinen in der Arena trainierten Augen klar, daß die Verletzungen innerer Natur sein mußten. Die Gegenwehr des jungen Espers wurde schwächer, als die letzten Kräfte ihn verließen .
Seine Schreie wurden zu einem Stöhnen . Blut sickerte aus seinen Ohren und tropfte aus den Augenhöhlen und über die Wangen wie purpurrote Tränen. Er war leichenblaß im Gesicht und seine Haut eiskalt. Finlay starrte den Todtsteltzer feindselig an.
»Was zur Hölle habt Ihr mit ihm gemacht?«
»Nur das, was nötig war«, antwortete Giles. Seine Stimme klang gelassen, aber wachsam. »Wir benötigten einen PSI-Sturm. Es war unsere einzige Überlebenschance. Also half ich dem Esper, einen zu produzieren.«
»Ihr wußtet, daß er daran sterben konnte!« hielt ihm Evangeline vor.
»Ja, das wußte ich«, bestätigte Giles. »Das wußte ich. Aber es war notwendig.«
»Wenn er stirbt, seid Ihr ein Mörder!« sagte Evangeline.
»Es wäre nicht mein erster Mord. Werdet endlich erwachsen, Frau! Wir befinden uns mitten in einem Krieg. Das Überleben der Gruppe kommt an erster Stelle. Unsere Mission ist wichtiger als jeder einzelne von uns. Und bevor Ihr fragt – ja, das schließt mich mit ein!«
Tobias eilte herein. Er brachte einen kleinen Autodoc aus der Sanitätsabteilung der Missis Merry Truspott mit und reichte ihn dem Feldglöck. Finlay riß den Kragen des jungen Espers auf und preßte die flache Scheibe auf dessen Hals. Tobias trat zu-rück, um Flynns Kamera nicht die Sicht zu versperren.
»Es ist ein ziemlich einfacher Autodoc«, erklärte er zögernd.
»Ich meine, er ist ganz gut, was das Verabreichen von Beruhigungsmitteln und Schmerzdämpfern angeht, aber fragt mich nicht, was er gegen einen totalen Schock und zerebrale Hämorrhagien bewirken kann.«
Julian beruhigte sich nach und nach, während die Wirkung der Medikamente einsetzte, die der Autodoc in ihn hinein-pumpte. Schließlich erstarb sein Stöhnen zu einem kaum noch hörbaren Wimmern. Evangeline wiegte ihn sanft, streichelte seine Stirn und murmelte tröstende Worte wie eine Mutter zu einem kranken Kind. Julian schien sie nicht zu hören. Finlay stand auf und drehte sich zu dem kleinen Skelettjungen Halloweenie um. Reineke Bär und der Seebock kümmerten sich bereits um ihn. Er hatte beide Beine und die meisten Rippen gebrochen. Die Brüche waren an dem nackten Skelett deutlich zu sehen. Ein langer Riß zog sich über den Schädel, und das glänzende Metall seines künstlichen Gehirns schimmerte durch.
Halloweenie weinte ohne Tränen. Poogie und Alles sahen hilflos von der Tür her zu.
»Wie geht es ihm?« fragte Finlay.
»Was kümmert’s Euch?« herrschte ihn Alles der Adaptor an.
»Er ist schließlich nur ein Spielzeug, oder?«
»Er ist einer von uns«, entgegnete Finlay. Er sah den Bären und den Bock an. »Können wir die Verletzungen reparieren?«