»Jedenfalls nicht so, wie du es getan hast. Ich weiß nicht, wie man so was macht.«
»Du hast Giles dazu gebracht, ihn zu retten«, sagte Evangeline. »Das ist etwas, was ich nicht kann. Wir zwei ergeben ein gutes Team, Finlay Feldglöck, wenn man es genau bedenkt.«
Sie lächelten einander an und versanken in den Augen des anderen. Plötzlich war der Salon mit ihrer Liebe erfüllt. Tobias kam der Gedanke, daß vielleicht jetzt eine gute Gelegenheit sei, Antworten auf ein paar Fragen zu erhalten, die ihm schon lange auf der Zunge brannten, solange die beiden noch in derart guter Stimmung waren.
Er gab Flynn einen verstohlenen Wink, die Kamera einzuschalten, und Flynn nickte zum Zeichen, daß er verstanden hatte. Die Kamera auf seiner Schulter bewegte sich nicht, doch das einzelne rote Auge erwachte wieder zum Leben.
»Was ist das eigentlich für eine Geschichte mit diesem Giles Todtsteltzer?« erkundigte sich Tobias nebenbei. »In seiner Geschichte oder seinem Lebenslauf findet sich kein Hinweis auf irgendwelche Esperbegabungen. Ganz sicher hat niemand in seiner Blutlinie jemals eine Spur von ESP gezeigt, mit Ausnahme von Owen. Ich habe gesehen, wie er auf der Nebelwelt ganz erstaunliche Dinge vollbracht hat.«
»Es war das Labyrinth«, sagte Finlay. »Das Labyrinth des Wahnsinns. Giles und Owen und ein paar andere begegneten ihm auf der verlorenen Welt Haden.«
»Ihr meint, sie wurden durch einen Apparat der Hadenmänner verändert?«
»Nein. Irgend etwas viel Älteres. Es verändert die Menschen, die hindurchgehen. Es macht mehr aus ihnen. Fragt mich nicht nach Einzelheiten; ich weiß nämlich nichts. Der Untergrund weiß Bescheid, aber sie sagen uns nicht mehr, als wir unbedingt wissen müssen. Und Leute wie Ihr oder ich müssen gar nichts wissen. Und jetzt schaltet Eure Kamera wieder aus und macht, daß Ihr wegkommt, bevor ich entschieden habe, in welche Eurer Körperöffnungen ich das Ding schieben soll. Quer, wenn Ihr versteht, was ich meine.«
»Vollkommen«, sagte Tobias. »Laß uns gehen, Flynn.«
»Ich bin schon längst weg«, sagte der Kameramann, und gemeinsam verließen sie den Salon zwar nicht gerade fluchtartig, aber doch beinahe. Draußen schlossen sie die Tür hinter sich und atmeten zuerst ein paarmal tief durch.
»Ich glaube nicht, daß er die Sache mit der Kamera im Scherz gemeint hat«, sagte Flynn. »Meinst du, es war ein Witz?«
»Höchstwahrscheinlich nicht«, antwortete Tobias. »Finlay Feldglöck hat einen weiten Weg hinter sich, wenn man bedenkt, daß er einmal der größte Wäscheständer des gesamten Imperiums gewesen ist. Trotzdem, wenn ich’s mir genau überlege, war der Zeitpunkt wohl doch nicht so gut geeignet, um ein paar Fragen zu stellen.«
»Das konnte dich früher auch nie aufhalten«, sagte Flynn.
»Stimmt«, gestand Tobias. »Komm, laß uns gehen und nachsehen, was die Spielsachen als nächstes im Schilde führen.«
Nicht weit von den beiden entfernt lehnte Giles Todtsteltzer an der Steuerbordreling und starrte in die dunklen Limonadenfluten des Großen Flusses. Der Kapitän hatte die Missis Merry Truspott wieder unter Kontrolle gebracht, und das Schiff nahm beständig Fahrt auf. Giles versuchte, sich an das Gefühl des Teleportierens zu erinnern, doch es entzog sich ihm. Es war, als wäre die Erfahrung zu mächtig für seinen Verstand, um damit klarzukommen, es sei denn in schierer Not. Es war zuviel für einen menschlichen Verstand. Nur, daß Giles im Grunde genommen kein wirklicher Mensch mehr war, seit er zusammen mit den anderen das Labyrinth des Wahnsinns durchschritten hatte. Er war etwas… etwas anderes geworden, und seine neue Fähigkeit der Teleportation war erst der Anfang; dessen war er vollkommen sicher. Und obwohl er weit von den anderen entfernt war – räumlich gesehen –, war er im Unterbewußtsein noch immer mit ihnen verbunden, und er wußte, daß auch sie sich veränderten, auf eine andere, beängstigende Art und Weise. Er fragte sich, was aus ihm werden würde, was aus ihnen allen werden würde, und ob das Endprodukt noch irgend etwas mit einem Menschen gemeinsam haben würde.
Auch fragte er sich, warum ihm der Gedanke nur halb so viel Angst machte, wie er eigentlich sollte.
Plötzlich hörte er lautes, ärgerliches Stimmengewirr, und er ging in die entsprechende Richtung, um nachzusehen, was vor-gefallen war. Unten am Heck hatten Reineke Bär und der Seebock einen abgeschlagenen Spielzeugkopf gefunden. Er war in einer Ecke eingeklemmt gewesen, wo der PSI-Sturm ihn nicht hatte packen können, und jetzt verhörten die beiden ihn, indem sie ihn wie einen Fußball übers Deck traten und ihm Fragen zubrüllten. Tobias beruhigte die beiden, dann stellte er den Kopf vor die Wand des Salons und begann nun seinerseits Fragen zu stellen, während Flynn alles filmte. Der Lohn für seine Bemühungen bestand in einer Reihe nicht besonders einfalls-reicher Flüche, und so trat Giles herbei und übernahm das Verhör.
Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden; aber das hatte Giles auch nicht erwartet.
»Warum habt ihr uns angegriffen?« verlangte er von dem Kopf zu wissen.
Der Spielzeugkopf war von einem strahlenden Blau, und er besaß spitze Ohren und übergroße Augen. Wahrscheinlich sollte er ursprünglich einmal niedlich und elfenhaft wirken , doch inzwischen sah er eher aus wie ein Dämon. Der Kopf lachte bei Giles’ Frage und entblößte dabei eine Reihe spitzer Zähne. Das Geräusch war rauh und künstlich, und es besaß nicht den Hauch menschlicher Emotionen. Die Augen des Spielzeugs schienen nur aus dunklen Pupillen zu bestehen, und sie fixier-ten jetzt den Todtsteltzer.
»Ihr seid der Feind. Der ewige Feind. Menschen und Men-schenfreunde. Glaubt nur ja nicht, ihr hättet hier irgend etwas gewonnen. Ihr entkommt uns nicht. Wir werden euch finden, und wir werden euch töten. Alle miteinander. Und wenn wir es nicht schaffen, dann eben die anderen.«
»Die anderen?« fragte Giles und begegnete gelassen dem wilden Blick der dunklen unmenschlichen Augen.
»Wir haben viele Freunde«, antwortete der Kopf. »Sie warten überall am Weg auf euch. Wir wissen, woher ihr kommt und wohin ihr wollt. Wir haben unsere Augen und Ohren überall.
Ihr werdet den Roten Mann niemals erreichen. Wir erlauben das nicht.«
»Wie lautet dein Name?« fragte Tobias.
Der Kopf lachte ihm ins Gesicht. »Mein Name? Namen sind Menschensache. Unsere Identitäten sind austauschbar, genau wie unsere Körper. Wir haben keine Ahnung, wer wir sind, und das gefällt uns.«
»Was weißt du über Harker?« fragte Giles geduldig. »Erzähl mir, was du über den Roten Mann weißt, und warum ihr so fest entschlossen seid, uns nicht zu ihm gehen zu lassen.«
»Ich muß deine Fragen nicht beantworten, Mensch.« Der Kopf spuckte Giles ins Gesicht. Der Todtsteltzer zuckte nicht einmal zusammen.
»Ich kann dich zum Reden zwingen«, sagte er. »Sieh mich an, Spielzeug.«
Er beugte sich vor und starrte in die dunklen Augen des abgetrennten Kopfes. Seine Gegenwart war mit einemmal überwältigend, furchteinflößend und schrecklich, als wäre etwas Unerwartetes und unendlich Machtvolles hinter der Maske des Todtsteltzers hervorgekommen. Reineke Bär und der Seebock wichen zurück, und Tobias mußte sich mit aller Macht zusammenreißen, um nicht das gleiche zu tun. Flynn drohte, sekundenlang die Kontrolle über seine Kamera zu verlieren; doch er filmte weiter. Der Kopf gab ein hohes wimmerndes Stöhnen von sich: ein verängstigtes, erbarmungswürdiges Geräusch wie von einem Kind, das gefoltert wurde. Giles entspannte sich plötzlich wieder, und die überwältigende Präsenz war genauso plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war. Der Kopf hatte die Augen fest geschlossen.
»Also schön«, sagte er leise. »Wir haben Angst vor dem Roten Mann. Noch nie kam jemand von ihm zurück. Niemals.
Selbst unsere fanatischsten Brüder und Schwestern nicht. Nach allem, was wir wissen, hebt er tief im Wald seine eigene Privatarmee aus. Es heißt, er würde dem Krieg ein Ende bereiten.