Oder sogar der ganzen Welt. Es heißt auch, er sei verrückt, so verrückt, wie nur ein Mensch es sein kann, und er steckt die Spielsachen mit seinem Wahnsinn an.
Ich kenne euch Menschen. Ihr würdet versuchen, mit ihm zu reden, und am Ende wärt ihr genauso wahnsinnig wie der Rote Mann. Genauso verrückt wie der Rote. Und wer weiß, wie mächtig er erst sein wird, wenn er andere Menschen um sich hat, die ihm helfen. Menschen, die genauso wahnsinnig sind wie er. Also liegen wir auf der Lauer, überall am Großen Fluß.
Ihr werdet den Dunklen Wald niemals lebend erreichen!«
»Wir wollen den Roten Mann mitnehmen«, sagte Giles. »Wir wollen ihn mit uns nehmen, weg von dieser Welt. Ist es nicht das, was ihr euch wünscht?«
Der Kopf lachte nur. »Ihr lügt. Menschen lügen immer. Niemand weiß das besser als wir. Ihr sagt, ihr liebt uns, wenn ihr herkommt und mit uns spielt; doch am Ende geht ihr immer wieder weg und laßt uns zurück. Wir sind schließlich nur Spielsachen, die man benutzt und hinterher wegwirft. Ihr habt uns nie geliebt. Und dafür werdet ihr bezahlen. Alle zusammen.«
»Ich glaube, wir haben genug gehört«, knurrte Giles. »Das hier ist für Julian.«
Er nahm den Kopf hoch und drückte seine Daumen fest in die Augen des Spielzeugs. Die großen Augäpfel platzten, und die empfindlichen Sensoren darin wurden zerstört. Der Kopf heulte kläglich. Giles zog seine Daumen wieder zurück und schleuderte den kreischenden Kopf über die Reling in den dunklen Fluß, wo seine Kameraden ihn wiederfinden und bergen würden oder auch nicht. Giles sah zu den anderen, doch weder Menschen noch Spielzeuge hatten etwas zu sagen. Dann lehnte er sich gegen die Reling.
»Nicht so aufschlußreich, wie ich eigentlich gehofft hatte«, sagte er leise. »Habe ich vielleicht irgend etwas übersehen?«
»Vielleicht eine Sache«, meinte Tobias. »Warum nennen sie Eurer Meinung nach Harker den Roten Mann?«
»Sie sagen, er sei verrückt«, erwiderte Giles. »Gefährlich verrückt. Vielleicht ist Rot ein Hinweis auf Blut?«
»Und wir werden ihn treffen«, sagte der Seebock. »Wir haben immer so ein Glück.«
»Halt die Klappe, Bock«, sagte Reineke Bär, doch es klang nicht unfreundlich.
Sie setzten die Fahrt flußabwärts fort und passierten verlassene Schlachtfelder und tote Spielzeuge. Der Krieg war hiergewesen und weitergezogen. Das ununterbrochene Grollen entfernter Explosionen kam nach und nach immer näher. Die Missis Merry Truspott fuhr an Spielzeughäusern vorüber: Schlösser und Burgen, Blockhäuser und rosenumrankte kleine Landhäuser.
Alle waren niedergebrannt und lagen in Trümmern. Linker Hand lag ein Gutshof, komplett mit Scheunen und Gattern für künstliche Tiere. Die Tiere waren längst verschwunden, und die Gebäude waren in Brand gesteckt worden. Nur die Knochen menschlicher Skelette waren in der schwarzen Asche noch zu erkennen. Man hatte sie auf dem brennenden Hof an Pfähle gebunden und ihrem Schicksal überlassen.
Je näher die Missis Merry Truspott dem Dunklen Wald kam, desto unübersehbarer wurden die Zeichen des Krieges. Überall lagen die zerfetzten Körper toter Spielzeuge. Ihre leeren Augenhöhlen starrten in einen blauen Himmel hinauf, und niemand vermochte zu sagen, ob es gute oder böse Spielzeuge gewesen waren; es kümmerte auch niemanden. Das Schiff fuhr weiter, und der Tag wich dem Abend und schließlich der Nacht.
Sie entdeckten ein offenes Feld, das vom Krieg anscheinend verschont geblieben war, und steuerten ans Ufer. Die Menschen hatten ein dringendes Bedürfnis nach frischer Luft und sehnten sich nach einer Gelegenheit, die Glieder zu strecken.
Die Spielzeuge verstanden es nicht, aber sie erhoben auch keine Einwände dagegen. Obwohl niemand etwas gesagt hatte, war nicht zu übersehen, das die Nähe des Waldes ihnen Angst einjagte, und die Spielzeuge waren genauso froh über eine Pause wie die Menschen.
Die Nacht war klar und kalt; also errichteten sie aus herum-liegenden Ästen ein Feuer und ließen sich im Kreis darum nieder. Es war eine ausgesprochen friedliche Szene wenn man vom nicht enden wollenden Donnergrollen des entfernten Krieges absah. Der schläfrige Mond mit seiner Zipfelmütze leuchtete am Himmel, und auch die fünfzackigen Sterne waren wieder zurückgekehrt.
Sie mußten Julian vom Schiff tragen. Der Energieschub, den Giles ihm gegeben hatte, war längst aufgebraucht, und die Verletzungen machten dem jungen Esper mit zunehmender Kälte immer mehr zu schaffen. Trotzdem erweckte er einen zuver-sichtlichen Eindruck. Er saß so dicht am Feuer, wie er nur konnte, und röstete an einem Stöckchen Marshmallows. Links und rechts von Julian saßen Reineke Bär und der Seebock, und sie bemühten sich nach Kräften, den jungen Esper durch ihre Gegenwart aufzumuntern. Der Bock verbrannte wiederholt seine Marshmallows, weil er zu sehr mit Reden beschäftigt war, um auf das Feuer zu achten. Der Bär verzehrte sie trotzdem, um des lieben Friedens willen. Finlay saß den dreien gegenüber und hatte Evangeline an seiner Seite, wie immer. Tobias und Flynn hatten jeder drei Stöcke und stopften sich Marshmallows in den Mund, so schnell sie nur gar wurden.
Gleichzeitig hielt Tobias Halloweenie auf Trab, der hin und her rannte und immer neue Marshmallows anschleppte. Der kleine Skelettjunge war nicht mehr ganz so flink wie früher, mit all den vielen Splinten und Klammern, die seine Knochen zusam-menhielten, doch er war nach wie vor glücklich, wenn er sich nützlich machen konnte. Giles hatte sich ein wenig abseits von den anderen niedergelassen. Er rauchte eine stinkende Zigarre und schwieg ansonsten. Die Marshmallows interessierten ihn offenbar nicht.
Auch Poogie der freundliche Bursche saß für sich allein, als wäre er unsicher, ob er willkommen war oder nicht. Der Kapitän und das Adaptorspielzeug Alles waren an Bord der Missis Merry Truspott geblieben , »um die Dinge im Auge zu behalten« , wie sie es nannten. Und so saßen alle bis auf die beiden um das Feuer herum, rösteten Marshmallows oder rauchten Zigarre und redeten bis tief in die Nacht. Irgendwann kam das Thema Kindheit zur Sprache.
Reineke Bär fing damit an. Finlay hatte von einigen der fremdartigeren Welten erzählt , die er auf seinen Reisen gesehen hatte , und der Bär wollte wissen , was der Feldglöck von Shannons Welt hielt , dem Planeten für die erwachsenen Kinder. Finlay runzelte die Stirn.
»Schwer zu sagen , wie diese Welt vor dem Krieg war« , meinte er schließlich , »aber ich kann mir vorstellen, welche Faszination von ihr ausgegangen sein muß. Ein Ort, der frei war von den Sorgen und Nöten der Erwachsenen, eine Chance, wieder einmal Kind zu sein, oder besser; eine Chance, die Kindheit zurechtzurücken, so wie sie eigentlich hätte sein sollen. Nur wenige Menschen erleben eine wirklich glückliche Kindheit, und die meisten verdrängen die schlimmen Dinge.
Ich war kein gutes Kind. Ich hatte kein Talent dazu. Ich wollte nur, daß meine Kindheit so schnell wie möglich vorbei war, damit ich mich in der viel interessanteren Welt der Erwachsenen bewegen konnte.
Im Clan der Feldglöcks werden die Kinder schon früh dazu ausgebildet, nützliche Mitglieder ihrer Familien zu sein, wie in allen anderen Clans auch. Und sie werden zu Kämpfern herangezogen, weil die Familien zahlreiche Feinde besitzen. Allein durch meine Geburt war ich bereits zu einem Teil der Fehden und Blutrachen geworden, die viele Jahrhundert zurückreichen.
Ich paßte mich sehr früh daran an – zu früh für meine konser-vativen Eltern, die befürchteten, es könnte einen Skandal auslösen, wenn ihr Erbe und erstgeborener Sohn jeden wichtigen Aristokraten in nicht erlaubten Duellen umbrachte . Ich habe nie viel von meinen Eltern gesehen. Vater war ständig irgendwo unterwegs, war mit dem Führen des Clans beschäftigt oder kümmerte sich um die Familiengeschäfte. Und meine liebe Mutter zog es vor, sich in den gesellschaftlichen Trubel zu stürzen, anstatt sich mit Kindererziehung abzugeben. Typische Clanseltern. Ich hatte eine endlose Reihe von Kindermädchen und Tutoren, und alle waren fest entschlossen, mich zu einem vernünftigen Menschen zu erziehen und aus Schwierigkeiten herauszuhalten. Ich hatte nie viele Freunde. Ich meine echte Freunde. Bekanntschaften außerhalb der Familie waren unerwünscht, und innerhalb der Familie waren immer alle viel zu sehr damit beschäftigt, um Positionen und Einfluß zu scha-chern. Aber ich hatte Spielsachen. Soviel Spielsachen, wie ich nur wollte .