Выбрать главу

Ich erinnere mich an die Geschichten von Reineke Bär und dem Seebock und ihre Abenteuer in den Goldenen Ländern.

Ich habe immer davon geträumt, mit den beiden zu reisen und die Gegenden hinter dem Sonnenuntergang zu erforschen. Und jetzt bin ich hier, und wir reisen tatsächlich zusammen. Ist das nicht unheimlich?« Er grinste die Spielzeuge über das Feuer hinweg an. »Ihr seid ganz genau so, wie ich euch in Erinnerung habe. Es ist, als würde man alte Freunde treffen, die man viele Jahre lang nicht gesehen hat. Vielleicht die einzigen wirklichen Freunde, die ich als Kind hatte. Kein Wunder, daß so viele Leute unbedingt hierher wollten. Sie sehnten sich nach der Kindheit, die sie nie hatten. Oder wenn, dann nur in ihren Träumen.«

»Ich beneide dich um diese Träume«, sagte Evangeline. »Ich hatte überhaupt keine Kindheit. Ich kam erwachsen zur Welt, denn ich bin ein Klon. Ich wurde aus den Zellkernen der ursprünglichen Evangeline erzeugt. Vater brauchte mich, um die Tochter zu ersetzen, die er umgebracht hatte. Also wurde ich heimlich erzeugt. Man unterrichtete mich über eine Kindheit, die ich nie hatte, und sandte mich in die Welt hinaus, um als Erwachsener in ihr zu bestehen. Damals war ich erst sechs Monate alt. Das meiste von dem, was ich hier sehe, ist mir… völlig fremd. Ich hatte nie Spielsachen. Ich hatte nie Kuschel-tiere. Vater wollte nicht, daß ich irgend etwas in meinem Leben hatte außer ihm. Ich durfte niemals spielen. Ich war niemals frei von Geheimnissen und Verantwortung. Ich sehe hier Spielzeuge vor mir, und ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen oder wie ich mit ihnen reden soll. Irgend etwas in mir will sie festhalten, will von ihnen gehalten werden, will einfach nur in der Sonne herumspringen und lachen, als wäre das schon immer mein sehnlichster Wunsch gewesen. Als hätte ich es nur nie gewußt…« Sie unterbrach sich abrupt, als ungeweinte Tränen ihre Stimme erstickten. Finlay legte den Arm um ihre Schultern.

»Wir sind für dich da«, sagte Reineke Bär. »Wir werden immer für dich da sein.«

»Zur Hölle!« fuhr Tobias auf. »Hat denn niemand hier eine normale Kindheit hinter sich? Wir kommen doch unmöglich alle aus kaputten Familien?«

»Ich hatte eine wunderbare Kindheit«, sagte Julian völlig überraschend. Er unterbrach sich und warf einen mißtrauischen Blick zu Flynn. »Diese Kamera ist abgeschaltet, oder?«

»Vertraut mir«, antwortete Flynn. »Wenn einer das Bedürfnis nach gelegentlicher Privatsphäre versteht, dann bin ich das. Ihr könnt reden.«

Julian schniefte zweifelnd, dann fuhr er fort. Hin und wieder zuckte sein Blick zu der Kamera, um sicherzustellen, daß ihr rotes Auge immer noch schlief. Seine Stimme wurde klarer und verträumter, als er sich den Erinnerungen an glücklichere Zeiten hingab.

»Mein älterer Bruder Auric und ich standen uns immer sehr nah, was in den meisten Familien ungewöhnlich ist. Normalerweise betrachten sich Brüder nur als Konkurrenten um das Erbe und die Kontrolle des Clans. Es kann nur einen Erben geben, und alle anderen gehen leer aus. Aber Auric und ich verstanden uns wunderbar, von Anfang an. Er hat mich großgezogen, mehr als jedes Kindermädchen und jeder Tutor. Genaugenommen hieß es sogar die meiste Zeit: Wir gegen den Rest der Welt. Wir hatten eine wunderbare Kindheit. Wir unternahmen alles gemeinsam. Wir teilten unsere Spielsachen.

Ich glaube, wir hatten nie einen Streit, der länger als ein paar Minuten dauerte.

Wir wurden älter und wuchsen heran, und unsere Eltern versuchten, uns zu trennen. Auric wurde darauf vorbereitet, die Familie nach dem Tod unseres Vaters zu führen. Ich sollte zum Militär, abgeschoben und vergessen, bis das Undenkbare geschähe und Auric stürbe. Dann hätte man mich zurückgerufen, um den Platz meines Bruders einzunehmen.

Doch wir weigerten uns. Wir wollten uns nicht trennen lassen. Wir waren noch immer die besten Freunde, Brüder nicht nur nach dem Blut, sondern aus freiem Willen und aus Liebe.

Selbst dann noch, als ich herausfand, daß ich ein Esper bin.

Es war ein tiefer Schock. Die Familien hüten ihre genetische Linie wie einen Schatz; aber irgendwann im Laufe der Zeit muß irgend jemand einen Fehltritt begangen haben, und die Espergene wurden in unsere Blutlinie eingeschmuggelt. Und in mir kamen sie zum Vorschein. Ich wußte, daß ich nicht mit meinen Eltern darüber reden durfte. Sie hätten mich eher in einem sorgfältig arrangierten Unfall umgebracht, als die Schande auf sich zu nehmen, ein Esperkind in die Welt gesetzt zu haben. Esper sind Untermenschen. Besitz. Immer. Ohne Ausnahme. Aber ich wußte, daß ich mit Auric darüber reden konnte. Er deckte mich. Er hielt mich am Leben, wenn ich mich so elend fühlte, daß ich mich am liebsten selbst getötet hätte. Er hat nie etwas anderes in mir gesehen als den Bruder.

Als deutlich wurde, daß ich eine Ausbildung benötigte, um zu lernen, wie ich mein ESP einsetzen und verbergen konnte, da suchte er die richtigen Kontakte und zog die Fäden, die mich schließlich zur Untergrundbewegung der Esper und Klone brachten.

Wir hatten nur ein einziges Mal ernsthaften Streit. Das war, als er sich in SB Chojiro verliebte. Ich wußte von Anfang an, daß mit dieser Frau etwas nicht in Ordnung war, aber ich konnte es nicht in Worte fassen. Ich glaubte, es sei nur Eifersucht, weil Auric so nahe bei ihr war; also verdrängte ich es und versuchte statt dessen, mich darüber zu freuen, daß sie ihn so glücklich machte.

Aber wir waren nur ein kleines, unbedeutendes Haus, und sie gehörte zum Clan Chojiro. Auric ging in die Arena, um ihre Familie zu beeindrucken und seine Liebe zu SB Chojiro zu beweisen. Er stellte sich dem Maskierten Gladiator, und dieser verdammte Bastard brachte ihn um. Er hätte ihn nicht töten müssen. Es hätte gereicht, Auric eine ehrenhafte Verwundung beizubringen und ihn davonkommen zu lassen. Statt dessen stieß er sein Schwert durch Aurics Auge, nur um sein Geschick zu demonstrieren. Und das war das Ende meiner Kindheit.«

Evangeline drückte Finlays Hand. Julian wußte nicht und durfte niemals erfahren, daß sein Freund und Vorbild Finlay Feldglöck der Maskierte Gladiator gewesen war.

»Was haltet Ihr von den Spielzeugen hier?« fragte Evangeline, nur um das Thema zu wechseln.

»Ich kann verstehen, daß dieser Ort anziehend auf Menschen wirkt«, antwortete Julian. »Aber es ist nichts für mich. Ich habe meine Kindheit hinter mir gelassen, als Auric starb. Ich habe meinen Eltern den Rücken zugekehrt und mein Leben der Rebellion gewidmet. Ich habe keine Zeit mehr für Ablenkungen.

Ich gab einen guten Rebellen ab. Keine Mission war zu gefährlich oder zu unmöglich für mich. Und am Ende verliebte ich mich ebenfalls in SB Chojiro, und mein Leben endete zum zweiten Mal.

Ich war so glücklich als Kind. Als hätte ich tief in meinem Innern gewußt, daß es die einzige glückliche Zeit sein würde, die ich jemals erleben werde.«

»Das ist sehr traurig«, bemerkte Giles unerwartet. »Und un-nötig obendrein. Nichts ist jemals wirklich verloren. Die Erinnerungen an gute Freunde und Zeiten sind stets bei uns, nie weiter als einen Gedanken entfernt. Auf gewisse Weise haben sie niemals aufgehört zu existieren. Jeder Augenblick, den Ihr jemals geschätzt habt, jeder Freund, den Ihr je geliebt habt, alles ist noch immer da und nur durch die Zeit von uns getrennt. Die Vergangenheit geschieht noch immer, und sie wird niemals enden. Nur wir sind es, die weitergezogen sind. Ich werde Euch nichts von meiner Kindheit erzählen. Ihr könntet es nicht verstehen . Vor neunhundert Jahren war vieles anders als heute . Aber ich hatte als Junge zwei wunderbare Hunde, Jagdhunde. Perfekt auf der Spur. Ich war niemals glücklicher als damals, wenn ich mit ihnen durch die Wälder jagte und eine Spur verfolgte.