Выбрать главу

Sie starben beide, als ich zehn war. Geschwülste. Wir konnten nichts tun. Also schläferte ich sie ein, statt sie leiden zu lassen. Ich vermisse sie noch heute. Aber ich weiß, daß ich nur die Augen schließen muß, um sie wieder bei mir zu haben, und ich weiß, daß in der Vergangenheit noch immer ein Junge und seine beiden Hunde in wilder Jagd durch die Wälder toben und glücklich sind. Ich brauche keine Welt wie diese, keine falsche Nostalgie und kein Versteck vor der Realität. Das hier war eine Welt für die Schwachen.

Und heute ist es ein Schlachtfeld für Shubs Kreaturen. Das hier sind keine Spielsachen und keine liebgewonnenen Kameraden aus der Kindheit; das hier sind Furien in der Ausbildung.

Diese ganze Welt sollte verbrannt und vergessen werden, ein elendes Experiment, das gründlich schiefgelaufen ist.«

Lange Zeit sagte niemand etwas. Dann meinte Tobias: »Nun, danke für Ihre Meinung, Lord Todtsteltzer. Ich weiß, daß wir alle Trost aus Euren Worten ziehen werden, in den Tagen, die vor uns liegen. Schätzungsweise bin ich jetzt an der Reihe. Und ich persönlich denke, Ihr alle seid eine Bande von sentimenta-len Weichlingen. Ich vermisse absolut gar nichts aus meiner Kindheit.«

»Also schön«, sagte Evangeline. »Dann erzählt uns doch von Eurer ohne Zweifel fürchterlichen Kindheit. Welche schrecklichen Verwicklungen haben Euch zu der widerlichen Person werden lassen, die Ihr heute seid?«

»Oh, ich wurde schon als Flegel geboren«, antwortete Tobias unbekümmert. »Ich wurde im Lauf der Jahre nur vollkommener, das ist alles. Mein Vater starb, als ich noch ganz jung war.

Mama rannte davon, weil sie sich nicht vor Onkel Gregor beu-gen wollte. Er versuchte schon damals, die totale Kontrolle über unseren Clan auszuüben. Ich machte einer langen Reihe von Kindermädchen, Lehrern und bewaffneten Leibwächtern das Leben zur Hölle und zettelte in jeder Schule Aufstände an, in die man mich schickte. Ich hatte niemals Freunde , und ich vermisse sie auch nicht. Reineke Bär und seine Abenteuer waren mir erst recht egal. Seifenopern, wenn Ihr mich fragt. Ich war mehr an der wirklichen Welt interessiert und wie ich meinen größtmöglichen Vorteil aus der Gesellschaft ziehen konnte.

Was natürlicherweise zu einem Interesse an Politik führte.

Ich hatte schon immer einen Hang zu schmutzigen Tricks und Intrigen, und das kam mir im Laufe meiner Karriere als PR-Mann meines Onkels und jetzt als Journalist sehr gelegen. Ich bin widerlich, dringe in die Privatsphären anderer Menschen ein und spiele jedesmal mit den Gedanken von Milliarden von Menschen, wenn ich auf Sendung gehe. Das Leben ist wunderbar. Oder wenigstens war es das, bis ich von einem Kriegsgebiet ins nächste geschickt wurde. Als ich sagte, ich wolle über aufregende Ereignisse berichten, meine ich nicht damit, daß ich zu einem Teil davon werden wollte.«

»Vermißt Ihr Eure wirklichen Eltern niemals?« erkundigte sich Evangeline. »Ich meine die, die Ihr nie kennengelernt habt.«

»Nein«, antwortete Tobias tonlos. »Ich brauchte sie damals nicht, und das hat sich bis heute nicht geändert. Ich lebe mein eigenes Leben. Ich habe niemals irgend jemanden gebraucht.

Mit Ausnahme von Flynn natürlich. Irgend jemand muß schließlich die Kamera in die richtige Richtung halten. Erzähl uns doch von deiner Kindheit, Flynn. Das ist bestimmt eine hörenswerte Geschichte.«

»Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muß«, sagte Flynn.

»Aber ich hatte eine vollkommen normale und glückliche Kindheit. Keine großen Traumata, keine schweren Verluste.

Und mir gefällt, was sie hier zu verwirklichen versucht haben.

Ein Ort, an dem jeder glücklich sein konnte. Es war sicher eine wundervolle Welt. Bevor Shub kam, meine ich.«

»Was haltet ihr Spielsachen eigentlich von alledem?« fragte Finlay. »Ich vermute, keiner von euch hatte eine Kindheit, es sei denn, ihr erinnert euch an euer Leben vor Shub. Erinnert ihr euch an die Zeit davor?«

Die Spielsachen sahen sich an, und am Ende war es Halloweenie, der redete. Er saß Julian zu Füßen und hatte sich zu einer knochigen Kugel zusammengerollt. Seine leeren Augenhöhlen starrten in die flackernden Flammen des Feuers. »Wir alle erinnern uns an die Zeit, als wir noch Spielsachen waren und sonst nichts . Wir wurden so programmiert, daß wir nichts vergessen konnten, und so sind die Erinnerungen noch heute da. Aber unsere Erinnerungen haben erst von dem Zeitpunkt an eine Bedeutung, an dem Shub kam und uns mit einem vergifte-ten Geschenk aus unserem Schlaf riß. Die Furien gaben uns Intelligenz und ein Bewußtsein, eingehüllt in ihre eigene Programmierung. Sie schenkten uns einen freien Willen und versuchten dann, uns vorzuschreiben, was wir damit zu tun hätten.

Keiner von uns kannte eine Kindheit. Wir erwachten und waren bei vollem Bewußtsein. Ich bin ein Junge; aber ich weiß nicht, was das wirklich heißt. Wir verstehen kaum, was es heißt zu leben. Lebendig zu sein. Wir haben nichts, auf dem wir unser Leben aufbauen könnten, bis auf die Charaktere, als die wir ursprünglichen geschaffen worden sind. Wir werden niemals wissen, ob wir zu der Person geworden sind, die wir sind, weil wir es so gewollt haben, oder weil wir noch immer unserer alten Programmierung folgen. Das Leben ist für uns zum größten Teil noch ein Geheimnis. Alles ist so neu, so… furchteinflößend. Wir müssen alles für uns ganz allein entscheiden. Und Emotionen… sie sind so schwierig. Nehmt zum Beispiel Liebe. Wir glauben zu wissen, was es bedeutet, aber wir haben keine Vergleichsmöglichkeiten. Haß ist da schon leichter zu verstehen. Und Furcht. Vielleicht sind deswegen so viele Spielsachen böse geworden anstatt gut. Böse zu sein fällt leichter.«

»Aber einige von uns mögen nicht, was aus uns geworden ist«, sagte Poogie der freundliche Bursche. »Bevor Shub kam, waren wir keine denkenden Wesen. Wir wußten nicht, was Sünde ist. Shub hat unsere Unschuld ausgenutzt. Wir wurden in Blut und Leid und Mord hineingeboren, und einige von uns werden damit niemals fertig. Rachedurst erfüllte uns bis zum Überdruß, und die Menschen waren so leichte Beute. Wir wurden als Verdammte geboren. Aber einige von uns haben gelernt, nach Erlösung zu suchen.«

Der Seebock rülpste laut und pickte Marshmallowstücke aus den Lücken zwischen seinen großen, quadratischen Zähnen.

»Und einige von uns haben gelernt, unerträglich großkotzig zu sein. Wir sind das, was wir schon immer waren, nur mehr davon. Mir gefällt mein Leben als Seebock. Würde ich nicht existieren, müßtet Ihr mich erfinden, damit Ihr die Nase über mich rümpfen könntet. Ich bin ein Ärgernis, also bin ich. Und wenn das jemandem nicht gefällt, scheiß drauf. Richtig, Bär?«

»Nicht einmal annähernd«, widersprach Reineke Bär. »Ihr müßt meinen Freund hier entschuldigen. Wir beide waren Stars, als wir noch Spielzeuge waren. Alle haben uns geliebt, und ich glaube nicht, daß er jemals darüber hinwegkommen wird. Ich persönlich finde Menschen faszinierend. Ihr habt so ein riesiges Potential. Und wir haben so viel nachzuholen. Ihr seid unsere Schöpfer, nicht Shub. Wenn es uns nur gelingen könnte, das den anderen Spielsachen klarzumachen, dann wäre der Krieg morgen zu Ende.

Ich fände es schrecklich, wenn uns unser geschenktes Leben nichts weiter lehrt, als zu morden und zu zerstören. Aber jetzt möchte ich vorschlagen, daß wir uns ausruhen, solange noch Zeit dazu ist. Wenn nichts schiefgeht, erreichen wir morgen abend den Großen Wald. Und dann werden wir Vincent Harker suchen , den Roten Mann. Wer weiß, was dann geschehen wird.« Sie alle saßen schweigend am Feuer, Mensch und Spielzeug, und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Es war eine Nacht der Geständnisse; aber nicht jeder hatte alles gesagt. Alle hatten ihre Geheimnisse, die einen große, die anderen kleine.