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Evangeline lehnte den Kopf gegen Finlays Schulter und kämpfte gegen den Drang an, ihm zu gestehen, warum sie in Wirklichkeit mit ihm hier war. Es war noch nicht lange her, daß sie zu den Anführern der Untergrundbewegung gegangen war und sie gebeten hatte, zur Botschafterin bei den neuen Rebellen ernannt zu werden, obwohl das bedeutet hätte, Finlay zu verlassen . Sie hatte ein überwältigendes Bedürfnis verspürt, von allem wegzukommen, wieder ihr eigener Herr zu sein und nicht mehr den Erwartungen und dem Druck dessen ausgelie-fert zu sein, was alle möglichen anderen Menschen von ihr erwarteten. Einschließlich Finlay. Aber wie so vieles in ihrem kurzen Leben war auch das schiefgegangen.

Penny DeCarlo war ihre erste Freundin gewesen. Der Shreck hatte sie eingestellt, um die neue Evangeline auf öffentliche Auftritte vorzubereiten, und Penny hatte sie gelehrt, daß sie ein menschliches Wesen war, selbst als Klon. Sie hatte Evangeline Stolz und Selbstachtung gelehrt und sie sogar in die Untergrundbewegung der Esper und Klone eingeführt. Penny DeCarlo war insgeheim selbst ein Esper gewesen. Man hatte sie gefangen und nach Silo Neun verschleppt – in die Hölle des Wurmwächters.

Als der Untergrund Silo Neun gestürmt hatte, hatte Evangeline nichts unversucht gelassen, um Penny zu retten; doch in dem Chaos und Durcheinander, das auf Drams Verrat gefolgt war, hatte sie Penny nicht gefunden.

Und dann hatte Gregor Shreck sie gefunden. Der Shreck be-saß Geld und Einfluß, und er bemühte sich verzweifelt, seine geklonte Tochter wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Also hatte er Penny in seine Obhut genommen und auf eine Gelegenheit gewartet, Evangeline davon wissen zu lassen. Seine Bedingungen waren einfach gewesen – entweder, Evangeline kehrte zu ihm zurück, oder Penny würde leiden und sterben.

Evangeline hatte dicht vor der Verzweiflung gestanden. Sie konnte unmöglich zu ihrem Vater mit seiner perversen Vorstellung von Liebe zurückkehren. Lieber wollte sie sterben. Andererseits konnte sie auch die Frau nicht einfach aufgeben, die ihr beigebracht hatte, was Menschsein bedeutete.

Evangeline durfte sich nicht an den Rat der Untergrundbewegung wenden. Man hätte sie als erpreßbar und kompromittiert eingestuft und als mögliches Sicherheitsrisiko. Und Finlay durfte erst recht nichts wissen. Er durfte niemals erfahren, daß der Shreck sich zur Angewohnheit gemacht hatte, bei seiner Tochter im Bett zu liegen. Finlay würde außer sich geraten vor Wut und alles aufs Spiel setzen, um ganz allein auf den Shreck und seine Sicherheitskräfte loszugehen. Ein Kampf, den nicht einmal der Maskierte Gladiator gewinnen konnte.

Also hatte Evangeline geschwiegen und mit keinem Menschen über all das gesprochen, und eine Zeitlang hatte sie geglaubt, den Verstand zu verlieren, weil sie nicht hatte entscheiden können, was zu tun war. Am Ende hatte sie beschlossen, nichts zu tun. Sie war vor ihrer Verantwortung davongerannt und hatte sich der Expedition zu Shannons Welt angeschlossen.

Auf diese Weise war sie allem aus dem Weg gegangen und konnte in Ruhe nachdenken. Gregor würde nicht wagen, Penny zu quälen, während Evangeline fort war. Und bis diese Sache hier vorüber war, hatte Evangeline vielleicht eine Lösung gefunden. Hoffentlich. Und wenn nicht, mußte sie es Finlay sagen und darauf hoffen, daß er durch irgendein Wunder imstande wäre, sie ein weiteres Mal aus der Hölle zu befreien. Sie sah ihn an, wie er still neben ihr saß, stark und sicher und beruhigend, und mit einemmal durchströmte sie ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit. Sie flüsterte seinen Namen, und als er den Kopf drehte und ihren Blick erwiderte, küßte sie ihn.

Die Puppen sahen fasziniert zu. Poogie und Halloweenie standen sogar auf, um nichts zu verpassen.

»Was machen die beiden da nur?« fragte Poogie mit leiser Stimme.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Halloweenie. »Meinst du, daß es weh tut?«

»Keine Ahnung; aber sieh mal, was für lustige Gesichter sie machen.«

»Ich glaube, es ist Zeit für euch, ins Bett zu gehen«, sagte Tobias.

Die Menschen grinsten alle, als Finlay und Evangeline sich endlich voneinander lösten. Eine Weile saßen sie noch in freundlichem Schweigen da und beobachteten, wie die Flammen des Lagerfeuers allmählich erstarben, während jeder die Energie zusammenraffte, endlich aufzustehen und ins Bett zu gehen. Und dann überraschte Giles die anderen, indem er erneut das Wort ergriff.

»Das Imperium war ein wundervoller Ort zum Leben, als ich noch ein Kind war. Man spürte, daß man ungestört aufwachsen und alles tun und erreichen konnte, was man wollte. Die Möglichkeiten schienen unbegrenzt. Man konnte seine Spur auf tausendfache Weise hinterlassen und auf Tausenden von Welten zu Berühmtheit gelangen. Ich wurde der erste Oberste Krieger des alten Imperiums, und ich wurde gefeiert und verehrt. Es war eine Zeit der Wunder und der Magie… und ich war mitverantwortlich, daß alles endete. Ich war es, der den Dunkelzonen-Projektor aktivierte. Heute blicke ich auf das, was aus dem Imperium geworden ist, und ich erkenne es kaum wieder. Ich erkenne mich selbst kaum wieder. Ich bin nicht mehr der Mann, der ich damals werden wollte

»Ich denke, das trifft mehr oder weniger auf jeden von uns zu«, sagte Finlay. »Ich betrachte mein Leben und frage mich ununterbrochen, wie zur Hölle ich von dort nach hier gekommen bin. Wir alle haben Träume, solange wir Kinder sind, und die meisten werden aus uns herausgeprügelt, während wir aufwachsen und älter werden.«

»Und das ist vielleicht die traurigste von allen Veränderungen«, sagte Giles . »Heutzutage sind nicht einmal mehr Träume erlaubt. Das ist ein fremdes Imperium , in das ich zurückgekehrt bin. Klone, Esper , Hadenmänner, Wampyre. Spielsachen , die denken und lieben. Man weiß kaum noch , was wirklich menschlich ist und was nicht. Und wie leicht ist es, unter soviel fremden Lebensformen für immer den Rest unserer Menschlichkeit zu verlieren.«

»Wir haben noch längst nicht alles verloren«, widersprach Julian. »Höchstens unsere Beschränkungen. Ihr besitzt selbst fremdartige Fähigkeiten, Lord Todtsteltzer. Macht Euch das vielleicht weniger menschlich?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Giles. »Ich weiß es wirklich nicht.«

Früh am nächsten Morgen fuhren sie weiter. Die Geräusche des Krieges waren noch lauter geworden – und bedrohlicher . Das grinsende Gesicht der Sonne schien sie offen zu verspotten.

Menschen und Spielzeuge gleichermaßen hielten mißtrauisch die Augen offen. Die Bäume an den Ufern standen jetzt dichter; der Wald wurde dunkler. Alles mögliche konnte sich darin verbergen. Jeder hatte das Gefühl, unablässig von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Abgesehen vom Donnergrollen der Kämpfe war das beständige leise Tuckern der Missis Merry Truspott das einzige Geräusch weit und breit. Das Schiff hatte noch immer kein Wort gesprochen; doch im Laufe der Nacht waren rechts und links vom Bug zwei riesige, wachsame Augen erschienen.

Julian blieb in seiner Kabine. Seine Schmerzen hatten sich während der Nacht verschlimmert, und der Autodoc mit seinen begrenzten Fähigkeiten konnte ihm nicht mehr helfen. Tobias setzte die Sicherheitsschalrungen der flachen Scheibe außer Kraft, um größere Dosen an schmerzstillenden Mitteln zu er-möglichen, doch es half nicht viel. Julian endete zusammengerollt auf dem Boden in einer Ecke seiner Kabine, weil das Schwanken der Hängematte ihm Schmerzen bereitete. Manchmal, wenn der Schmerz unerträglich wurde und Julian die Tränen in die Augen stiegen, rief er nach Finlay, und der Feldglöck kam und setzte sich eine Weile zu dem jungen Esper.