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Hinterher verließ er die Kabine immer mit Tränen der Wut und Verzweiflung in den Augen und mit Fäusten, an denen die Knöchel weiß hervortraten.

Er verspürte eine rasende Wut, weil er unfähig war, Julian zu helfen. Er hatte den jungen Esper vor den Folterern des Imperiums gerettet; doch vor dem Schmerz konnte er ihn nicht bewahren. Er hatte versucht, den Todtsteltzer zum Kampf heraus-zufordern wegen dem, was er Julian angetan hatte; aber der alte Mann ließ sich nicht provozieren. Er konnte auch die Energieübertragung nicht mehr wiederholen; die Anstrengung würde den geschwächten Julian wahrscheinlich augenblicklich töten.

Der Todtsteltzer hatte alles getan, was er konnte, und damit war es das, soweit es ihn betraf.

Evangeline ging ein paar Minuten zu Julian, doch er wollte sie nicht sehen. Poogie war der nächste, und er wiegte den kranken Menschen in seinen weichen Armen. Manchmal half es ein wenig.

Die Stimmung auf Deck wurde zunehmend angespannt. Alle verspürten Wut und Zorn, wenn auch aus den verschiedensten Gründen. Julian lenkte sie von ihrer Aufgabe ab, und das zu einer Zeit, da sie sich voll auf die Erfüllung der Mission konzentrieren mußten . Statt der Unterstützung, die er versprochen hatte, wurde der junge Esper immer mehr zu einer Belastung.

Niemand wollte es laut aussprechen.

Die Unterhaltungen wurden kürzer und scharfzüngig.

Reineke Bär bemühte sich, zuversichtlich und fröhlich zu sein, bis selbst der Seebock ihm sagte, daß er die Klappe halten sollte. Sie alle kamen zu denselben, unausgesprochenen Schlüssen: Der junge Mann, der sie bereits zweimal gerettet hatte, würde wahrscheinlich sterben, und nichts und niemand konnte etwas daran ändern. Sie konnten höchstens hoffen, daß er schnell genug starb um seinet- und ihretwillen. Und so lehnten sie an der Reling, starrten auf den Großen Fluß und seine dunklen Limonadenfluten hinaus und auf die vorüberziehenden Bäume und bemühten sich im übrigen, nicht auf die Geräusche zu hören, die aus der Kabine des Espers drangen.

Die Spielzeuge litten am meisten darunter. Schon wieder starb ein Mensch wegen ihnen. Selbst der Adaptor Alles wurde stiller und weniger streitlustig. Reineke Bär , der Seebock und der kleine Skelettjunge Halloweenie saßen abwechselnd vor Julians Tür und hielten Wache, damit immer jemand da war, falls er rief. Es schien, als wollten sie dem Tod den Zugang zu Julian verweigern.

Am späten Morgen passierten sie eine weitere Flußbiegung und sahen, wie der Wald auf einem Ufer plötzlich zurückwich und Platz für eine moderne Stadt machte oder wenigstens der Nachahmung einer Stadt. Türme und Bauwerke ragten hoch in den Himmel; doch bei näherem Hinsehen entpuppte sich alles als zweidimensionale hölzerne Kulisse. Bunt bemalt in hellen Farben und unglaublich detailliert, aber Kulissen. Aus der Ferne sah alles ziemlich echt aus. Bis man näher herankam. Und aus der Nähe betrachtet war auch zu erkennen, daß die falsche Stadt ein einziger großer Trümmerhaufen war. Gezackte Löcher zierten die meisten Wände, als wäre etwas Massives durch sie hindurchgedrungen. Überall gab es Risse und tiefe Löcher, und nicht wenige Spuren deuteten auf Feuer hin, die hier und da gewütet hatten.

Die falsche Stadt erstreckte sich über vielleicht fünfzig Blocks, die alle hell in der Sonne leuchteten. Nirgendwo war eine Spur von Leben zu sehen.

Die Missis Merry Truspott verlangsamte ihre Fahrt, und alles drängte sich an der Reling, um nichts zu versäumen.

»Was ist das?« fragte Finlay. »Wer wohnt hier?«

»Niemand«, antwortete Reineke Bär. »Es ist ein Spielfeld, weiter nichts.«

»Sieht aus, als wären die Spielregeln ziemlich rauh«, sagte der Todtsteltzer.

»Oh, das sind sie«, stimmte der Seebock zu. »Diese verdammten Bastarde hier sind Superhelden. Das hier ist ihr Spielplatz. Superhelden und Superschurken, die ihre ewigen Schlachten austragen. Die Umgebung leidet ziemlich stark darunter, deswegen hat man sie so konstruiert, daß alles leicht zu reparieren oder zu ersetzen ist, damit der nächste Kampf rechtzeitig stattfinden kann. Hier gab es früher immer eine große Schau für die Besucher; jede Stunde, pünktlich wie ein Uhr-werk, fanden Demonstrationen von Kraft und Schnelligkeit und Flugkunst statt. Seht, wie die Helden die Schurken in der ganzen Stadt schlagen; seht, wie die Gebäude einstürzen und die Wände fallen. Es war sehr beliebt, bis zu dem Tag, an dem die Superhelden intelligent wurden und ein Bewußtsein hatten.

Und als sie erkannten, daß sie ihr Leben lang zur Unterhaltung der Menschen durch brennende Reifen gesprungen waren. Die Superhelden waren die menschenähnlichsten von allen Spielzeugen auf dieser Welt, und wahrscheinlich traf es sie deswegen am härtesten. Noch Wochen später fischten wir flußab-wärts Leichenteile aus dem Wasser.«

»Moment mal«, sagte Finlay. »Hat denn keins der Superhel-denspielzeuge versucht, die Menschen gegen die Superschurken zu verteidigen? Ich meine, sie waren immerhin Helden, genau wie du und der Bär.«

»Sie waren die Supermenschen«, entgegnete der Seebock und bleckte die Zähne. »Und sie gaben einen verdammten Dreck auf gewöhnliche Menschen ohne Superkräfte. Nachdem das Gemetzel zu Ende war, kehrten sie zu dem einzigen zu-rück, das sie wirklich interessierte. Sie kämpfen noch immer ihre endlosen blutigen Kämpfe, um herauszufinden, wer stärker und schneller ist oder der bessere Flieger. Sie haben sich niemals am Krieg beteiligt. Ich glaube, sie halten ihn für unter ihrer Würde. Und ich sage Euch noch etwas. Solange die Spielzeugstadt Zufluchtsort und Refugium ist, kam noch nie einer der Superhelden zu uns und hat um Erlösung oder Vergebung für all das vergossene Blut gebeten. Verdammte Bastarde.«

»Ist es gefährlich in dieser Gegend?« erkundigte sich Evangeline.

»Zur Hölle, ja!« antwortete Reineke Bär. »Sie hassen die Vorstellung, ein Produkt der unterlegenen Menschheit zu sein.

Und es gibt nur eine Sache, für die sie ihre endlosen Auseinandersetzungen unterbrechen würden: die Gelegenheit, noch ein paar Menschen umzubringen.«

»Und warum verlangsamen wir dann unsere Fahrt?« fragte Tobias.

»Nun, meine Lieben«, sagte eine bekannte Stimme hinter ihnen, »ich fürchte, daß wir leider neuen Treibstoff brauchen. Ich meine, meine Süßen, Ihr würdet nicht glauben, wieviel Holz nötig ist, um die verdammten Kessel am Kochen zu halten.«

Sie wandten sich um, und dort stand der Kapitän. Er balancierte auf seinen beiden Holzbeinen und sah entschieden erschüttert aus. Der Papagei döste auf seiner Schulter und murmelte im Halbschlaf Obszönitäten vor sich hin. Der Kapitän versuchte sich an einem schmeichlerischen Lächeln.

»Wir brauchen mehr Holz, meine Lieben, und das hier ist unsere letzte Chance, die Vorräte zu ergänzen, bevor wir den Wald erreichen. Und glaubt mir, im Wald würden wir bestimmt nicht anhalten wollen, um Brennstoff zu bunkern. Jedenfalls nicht, wenn man seinen Kopf in der Nähe der Schultern mag.«

»Schon gut«, sagte Reineke Bär. »Bring uns zum Ufer, und wir sammeln soviel Holz, wie wir können. Niemand wird merken, wenn wir ein paar Kulissen mitnehmen. Aber halte dich bereit, auf der Stelle abzulegen. Das hier ist ein ungemütlicher Ort, Leute.«

Er stapfte mit dem Seebock davon, um Äxte zu organisieren.

Der Kapitän lächelte unsicher in die Runde und eilte wieder auf seine Brücke zurück. Die Menschen blickten sich schweigend an.

»Ich mochte die Superhelden schon immer«, sagte Finlay schließlich. »Als Kind war ich ihr größter Fan. Man konnte sich immer darauf verlassen, daß ein Superheld einem den Tag rettete.«

»Das war damals, und das hier ist heute«, sagte der Adaptor Alles. Er hatte sich in seine beste Kampffigur verwandelt. Aus seinen Knöcheln und Ellbogen ragten spitze Metallstacheln, und die Handkanten waren rasiermesserscharf. »Als sie intelligent wurden, erkannten die Superhelden und Superschurken, daß sie zwar aussahen wie Menschen, aber niemals Menschen werden konnten. Ich glaube, das hat viele von ihnen in den Wahnsinn getrieben. Geschieht ihnen ganz recht. Warum Trübsal blasen, weil man kein Mensch sein kann, wenn man doch so viel mehr ist, wie zum Beispiel die Furien? Das sind die richtigen Superhelden.«