»Warum bist du überhaupt bei uns, Automat?« fragte Giles scharf. »Du hast uns allen deutlich genug zu verstehen gegeben, daß dir die Menschen egal sind.«
»Ich will, daß die Bedrohung durch den Roten Mann und seine Armee ein Ende findet«, erwiderte Alles. »Und mir scheint, daß Ihr genau die richtigen Leute dafür seid. Wenn das hier alles vorbei ist und Ihr verschwunden seid, und wenn der Planet erst wieder uns gehört, dann… Glaubt mir, ich würde keine einzige Träne für irgendeinen von Euch vergießen. Dies hier ist jetzt unsere Welt, nicht mehr die Eure.«
Er drehte sich um und ging davon, und die Sonne glänzte auf seinem silbernen Körper.
»Ich hoffe, es fängt an zu regnen und er rostet«, sagte Tobias.
Die Missis Merry Truspott glitt so nah an der falschen Stadt ans Ufer, wie nur irgend möglich, und dann verstummten ihre Maschinen zu einem schwachen Murmeln, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Adaptor fuhr eine Planke aus, und die Gruppe ging an Land. Sie hielten ihre Äxte eher wie Waffen denn wie Werkzeuge zum Holzfällen. Auf Drängen der Spielzeuge verharrten sie eine Weile schweigend und lauschten. In der Ferne war ein Geräusch zu hören, das nach Kämpfen klang; doch es war beruhigend weit weg. Finlay, Giles, Tobias und Flynn machten sich daran, zusammenge-fallene Kulissen und Gebäudeteile herbeizuschleppen, und die Spielzeuge bearbeiteten das Material mit ihren Werkzeugen, bis es handliche Größe besaß. Das Geräusch von Stahl auf Holz wirkte unnatürlich laut in der stillen Umgebung.
Für die Menschen war die Arbeit hart und schweißtreibend.
Der Seebock und der Bär schienen unermüdlich, und sie waren hin- und hergerissen von dem Zwang, sich zu beeilen, und der Furcht, den Menschen zuviel von ihren Fähigkeiten zu offenbaren. Den Adaptor schien das einen Dreck zu kümmern. Er stampfte zwischen Schiff und Holzplatz hin und her und trug die schwersten Lasten, die er finden konnte. Seine Servome-chanismen verrichteten klaglos ihre Arbeit. Poogies Zeichentrickhände hatten Schwierigkeiten, eine Axt zu packen, und so half er den Menschen beim Tragen sperriger und großer Teile.
Und Halloweenie beschäftigte sich damit, kalte Getränke vom Schiff zu den Menschen zu bringen. Giles und Finlay arbeiteten die meiste Zeit über schweigend, mit Ausnahme einiger gegrunzter Anordnungen. Diese Art von Arbeit lag ihnen ganz und gar nicht; doch beide hatten nicht genug Luft, um sich darüber auszulassen. Ganz im Gegensatz zu Tobias dem Troubadour.
Sie arbeiteten eine Stunde, stapelten Holz und verfrachteten es an Bord, und dann wurde mit einemmal das Gefühl übermächtig, daß irgend jemand sie heimlich beobachtete. Sie fingen an, plötzlich über die Schulter nach hinten zu sehen oder sich unvermutet umzudrehen, und sie arbeiteten womöglich noch schneller.
Das hier war eine üble Gegend, und inzwischen spürte es wirklich jeder. Der Seebock hielt mit einemmal inne und richtete sich auf. Er blickte reglos zur Stadt hinüber, und die großen spitzen Ohren waren hoch aufgerichtet und lauschten angestrengt. Reineke Bär trat neben ihn.
»Was ist?« fragte er leise.
»Die Schlacht«, erwiderte der Bock. »Sie zieht in unsere Richtung. Die Supermenschen kommen.«
»Genau, das ist es. Jeder packt, soviel er nur tragen kann.
Wir verschwinden von hier«, sagte Reineke Bär.
»Geht nicht«, widersprach Alles. »Wir haben noch nicht genug Holz.«
»Es reicht, wenn wir sparsam damit umgehen«, widersprach der Bär. »Und jetzt hör ein einziges Mal im Leben auf, mit mir zu diskutieren! Wir haben einfach nicht die Zeit dazu! Sie können jeden Augenblick hier sein.«
Sie rafften an Holz zusammen, was sie tragen konnten; dann bildeten sie eine Kette für die letzten Stücke. Missis Merry Truspott feuerte die Kessel hoch und ließ den überschüssigen Dampf so leise wie nur möglich ab, während sie darauf wartete, daß alle an Bord zurückkehrten. Inzwischen konnten jeder die Superspielzeuge hören. Rufe und Schreie und krachende und reißende Geräusche, vermischt mit dem Klang von Ener-gieentladungen . Die Menschen bemerkten die zunehmende Anspannung bei den Spielzeugen und bemühten sich nach Kräften, noch schneller zu arbeiten. Schließlich hob Reineke Bär die Pfote als Zeichen, daß die Arbeit beendet war.
»Das war’s«, sagte er. »Zeit zu verschwinden.«
»Wir brauchen aber noch mehr Holz!« protestierte Poogie der freundliche Bursche.
»Wir müssen sparsam sein.«
»Nur noch dieses eine letzte Stück.«
Und Poogie, begierig wie immer, allen zu helfen, raste die Gangway hinunter, um das letzte schwere Stück zu holen, das er herbeigeschleppt hatte. Alles wollte hinter ihm her und helfen; doch Reineke Bär hielt ihn am oberen Ende der Planke zurück. Und dann waren die Super-Spielzeuge da.
Sie kamen in ihren hellen, bunten Kostümen herangeflogen, und sie schossen durch die Lüfte wie Engel in Technicolor. Sie waren hell und grell und überlebensgroß mit ihren langen Gliedmaßen und mächtigen Muskeln. Sie flogen aufeinander zu und bekämpften sich mit krachenden Schlägen, die den Getroffenen torkelnd durch die dünnen Holzwände der falschen Stadt brechen ließen. Energieblitze schossen aus ihren Händen und Augen, und die knisternden Ströme prallten von unsichtbaren Schutzschilden ab. Sie flogen sehr hoch, weit über den All-tagssorgen gewöhnlicher Menschen , und nahmen überhaupt keine Notiz von den Rebellen und den Spielzeugen unten am Fluß. Sie waren viel zu sehr in ihre eigenen gottgleichen Angelegenheiten vertieft, und jeder andere war weniger als Staub unter ihren knallbunten Superheldenstiefeln.
»Sie wissen nicht einmal, daß wir hier sind«, sagte Tobias leise. »Es ist ihnen scheißegal. Flynn, sag mir, daß die Kamera läuft.«
»Die Kamera läuft, Boß«, antwortete Flynn. »Aber die Hälfte von ihnen bewegt sich so schnell, daß ich kein scharfes Bild kriege.«
»Ich erkenne sie wieder«, sagte Finlay. »Ich erkenne sie al-le.« Und er nannte seinen Begleitern die Namen der blitzenden Gestalten wie ein Vogelkundler, der einer Gruppe Interessierter besonders interessante Exemplare zeigt.
Dort war der Geheimnisvolle Rächer in einen Kampf mit der Blutroten Kralle verwickelt. Hitzschlag und Doppelteufel be-warfen sich gegenseitig mit Blitzen. Die Parze und die Vergel-terin flogen wilde Angriffe auf die Wilden Wirbelwindbrüder.
Dort waren die Doppelt Gefährlichen Zwillinge, und der To-desblitz und der Miracle Maniac. Rot und Blau und Gold und Silber, flatternde Capes und Kapuzen und Masken und alle möglichen Sorten von Emblemen und Abzeichen und sich beißenden Farben. Sie flogen und kämpften und kämpften und flogen, und unter ihnen ging die Stadt Stück für Stück zu Bruch.
Finlay fragte sich, ob sie jemals innehielten, um die Trümmer wieder aufzubauen, und falls nicht, wohin die Superspielzeuge ziehen würden, wenn es keine Stadt mehr gab, die sie zerstören konnten.
Er stellte sich vor, wie sie durch die Spielzeugstadt fegten und hilflose Spielzeuge unter herabfallenden Trümmern begraben wurden, und seine Hand ging zu dem Disruptor an der Hüfte. Reineke Bär legte eine Pfote auf Finlays Arm und schüttelte den Kopf. Finlay verstand . Sie durften nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenken .
Poogie schleppte sein Holzstück zum Fuß der Gangway und hielt dann inne, um einen Blick zurück zu den Superspielzeu-gen zu werfen und um zu sehen, wie nahe sie inzwischen waren . Der freundliche Bursche erstarrte zu einer Salzsäule, wie festgenagelt an Ort und Stelle von einem Schauspiel der Wildheit, das so viel größer war als er selbst. Die anderen riefen und brüllten nach ihm; doch Poogie hörte sie nicht. Finlay wollte die Gangway hinunter, aber Alles rannte mit schier unglaublicher Geschwindigkeit an ihm vorbei. Er erreichte das Ufer, packte Poogie an der Schulter und schüttelte ihn grob. Das Licht kehrte in die Augen der Zeichentrickgestalt zurück, und er ließ das Holz fallen und setzte sich die Gangway hinauf in Bewegung.