Hoch oben am Himmel traf die Parze den Miracle Maniac mit einem Blitzstrahl aus ihren Augen. Er wurde gegen eine Kulisse geschleudert, die wie ein Turm aussah. Die Kulisse gab unter dem Aufprall nach, wurde instabil und geriet ins Kippen.
Das erste, was Poogie und Alles von der drohenden Gefahr bemerkten, war der Schatten, der mit einemmal über ihnen auftauchte. Sie hielten inne und blickten hoch und sahen das mächtige Gewicht, das auf sie herunterfiel. Poogie kreischte.
Es war keine Zeit mehr zu fliehen. Alles packte den freundlichen Burschen und schleuderte ihn mit einem einzigen gewaltigen Schwung auf das Schiffsdeck. Und dann krachte die mächtige hölzerne Kulisse auf das Adaptorspielzeug hinunter wie der Hammer Gottes höchstpersönlich.
Alle rannten über die Gangway zu der Unglücksstelle. Finlay gab ihnen mit gezogenem Disruptor Deckung, und Giles setzte die ganze Kraft seines Zorns ein, um die massive Kulisse an einem Ende hochzuheben. Tobias und Flynn krochen unter die schwere Platte und zogen Alles darunter hervor. Der Bär und der Bock halfen ihnen, den Adapter zurück an Bord der Missis Merry Truspott zu tragen, während Finlay ihnen mit nach wie vor gezogener Waffe rückwärts folgte. Keines der sich duellierenden Superspielzeuge hoch oben am Himmel machte sich auch nur die Mühe, einen Blick auf das Geschehen tief unten zu werfen.
Sie legten Alles aufs Deck und standen hilflos herum. Niemand wußte, was zu tun war. Der Körper des Adapters hatte eine einfache humanoide Form angenommen, und das Metall war an Dutzenden von Stellen gerissen. Eine Seite des Schädels lag frei, und Lichter wanderten durch Glasfasern in seinem freiliegenden Hirn wie treibende Gedanken. Poogie kniete neben ihm nieder und weinte. Halloweenie tätschelte ihm scheu die Schulter . Im Angesicht des Todes schwieg sogar der kleine Skelettjunge. Alles starrte in den Himmel hinauf.
»Ich habe immer gewußt, daß Menschen mein Tod sein würden«, stöhnte er. »Ich hätte mich niemals zu dieser Mission melden sollen.«
»Du darfst nicht sterben!« schluchzte Poogie. »Du darfst mich nicht allein lassen!«
»Nicht, daß ich eine Wahl hätte. Du mußt weitermachen, Poogie. Finde den Roten Mann und tritt ihm in den Hintern.
Und laß dir von diesen verdammten Menschen nichts erzählen.
Sieh zu, daß sie von hier verschwinden. Ich will sie nicht in meiner Nähe haben. Irgend jemand soll mir dieses verdammte Licht aus den Augen schaffen!«
Reineke Bär griff nach etwas, um Schatten zu spenden… und hielt inne, als er begriff, daß Alles tot war. Poogie nahm den Metallmann in die Arme und weinte bitterlich, und seine Tränen waren genauso real wie die eines jeden Menschen.
Flynn schaltete die Kamera ab.
Hoch oben am Himmel kämpften die Superspielzeuge weiter, als wäre nichts geschehen. Die niederen Wesen unten auf der Erde kümmerten sie einen Dreck.
Das Schiff tuckerte den ganzen Tag hindurch über den Fluß, und die Kampfgeräusche wurden stetig lauter. Inzwischen konnten die Rebellen schon die einzelnen Explosionen unterscheiden, aus denen das endlose Donnergrollen bestand. Jetzt hing auch Rauch in der Luft, und nach und nach sperrte er das Tageslicht aus, bis es schien, als wäre überraschend früh der Abend angebrochen. Menschen und Spielzeuge beobachteten die Szenerie von verschiedenen Seiten des Decks aus. Seit Alles’ Tod waren sie einander aus dem Weg gegangen.
Das Schiff wurde langsamer, als Wrackteile in den dunklen Fluten trieben. Und dann trieben auch Spielzeugleichen an ihnen vorüber. Es waren unzählige. Auf beiden Ufern brannten jetzt Bäume, und schwerer dunkler Rauch quoll in den falschen Abendhimmel. Einige Hecken waren bereits völlig niedergebrannt: Tote Bäume in einer toten Landschaft aus aufgewühlter Erde, Schützengräben und Bombenkratern. Hellbunte Farben zuckten lebhaft über den Himmel, Explosionsblitze und die herabsegelnden falschen Sterne von Leuchtraketen.
Die Spielsachen an Bord wurden unruhig.
Der Seebock starrte unverwandt geradeaus. Er hatte die Augen weit aufgerissen und die Nüstern gebläht und sah aus, als würde tief in ihm die Programmierung von Shub darum kämpfen, wieder die Oberhand zu gewinnen.
Reineke Bär drückte die Hand des Bocks in seiner Pfote so fest, wie er nur konnte . Poogie hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt und die Augen fest geschlossen, als suche er die Flucht vor alten Erinnerungen von Blut und Tod. Halloweenie saß vor Julians Kabinentür Wache und rührte sich nicht.
Und dann waren sie mit einemmal mitten im Krieg. Spiel-zeugarmeen wimmelten an beiden Ufern, rannten mit grenzenloser Kraft und Wildheit hierhin und dorthin und gehorchten gebrüllten Befehlen. Sie trugen alle möglichen Arten von Waffen, von grob gehämmerten Klingen bis hin zu Energiepistolen .
Granaten segelten durch die Luft, und Dreck und zerfetzte Spielzeuge wirbelten bei jeder Explosion umher .
Überall waren Handgemenge im Gang . Spielzeug kämpfte gegen Spielzeug, ohne Strategie oder Plan. Eine breite Masse von Tod und Zerstörung und Chaos, sonst nichts. Die Menschen und Spielzeuge an Bord der Missis Merry Truspott duckten sich, als Raketen über ihre Köpfe zischten und auf entgegengesetzten Ufern explodierten.
»Woher zur Hölle haben sie nur all diese Waffen?« fragte Finlay mit lauter Stimme, um den Lärm zu übertönen.
»Von Shub«, antwortete der Seebock, ohne sich zu bewegen .
»Sie waren dazu gedacht, gegen die Menschen eingesetzt zu werden. Und einige haben wir selbst hergestellt. Shub gab uns das nötige Wissen.«
»Kann jemand erkennen, wer gewinnt?« fragte Tobias. »Die guten oder die bösen Spielzeuge?«
»Niemand gewinnt hier«, erwiderte Reineke Bär. »Hier wird nur gestorben, mehr nicht.«
Und in diesem Augenblick, als hätten die kämpf enden Spielzeuge das Schiff erst jetzt entdeckt, eröffneten die Armeen zu beiden Seiten des Flusses das Feuer auf die Missis Merry Truspott. Das Limonadenwasser ringsum spritzte hoch und aufs Deck, als zu kurz geworfene Granaten und Bomben dicht neben dem Schiff explodierten. Menschen und Spielzeuge gleichermaßen klammerten sich an die Reling, um nicht weggespült zu werden. Energiestrahlen schossen aus dem Dunkel und durchbohrten den Schaufelraddampfer an mehreren Dutzend Stellen gleichzeitig. Das Deck erzitterte unter den Passagieren, als die Missis Merry Truspott schrie. Feuer brach aus, und Flammen leckten hungrig entlang des hölzernen Rumpfs. Die Menschen feuerten mit ihren Disruptoren auf die Ufer, und die Spielzeuge rannten mit Eimern und Handpumpen los, um das Feuer zu bekämpfen.
Evangeline streckte den Kopf aus Julians Kabine, und Finlay schrie sie an, drin zu bleiben. Dort war es sicherer. Evangeline warf einen Blick in die Runde und verzichtete auf Diskussionen. Giles und Finlay steckten ihre Disruptoren weg und zogen die Schwerter . Sie wußten, daß irgend jemand versuchen wür-de, an Bord zu gelangen . Tobias hielt den Kopf unten und flüsterte einen aufgeregten Kommentar, während Flynn die Kamera hierhin und dorthin schickte und so viel vom Geschehen filmte wie nur irgend möglich. Weitere Energiestrahlen rissen klaffende brennende Löcher in die Schiffsaufbauten. Bis jetzt hatte noch niemand die Kessel getroffen. Das Schiff schrie in einem fort; doch die Schaufelräder drehten sich mit unverminderter Geschwindigkeit weiter.