Spielzeuge stürzten sich in die Fluten und schwammen auf das Schiff zu. Teddybären und gestaltverändernde Adaptoren und Puppen aller Art kamen heran. Der Seebock tauchte mit einem Ölfaß auf und leerte es über die Reling. Das Öl trieb dick und glänzend auf der Limonade. Der Bock zündete es mit an, indem er eine Fackel hineinschleuderte, und rings um das Schiff loderten Flammen auf. Die vom Feuer überraschten Spielzeug kreischten laut, während sie verbrannten; aber viele schafften es dennoch bis zum Schiff und kletterten den durch-siebten Rumpf hinauf und über die Reling.
Finlay und Giles traten ihnen mit blitzenden Schwertern entgegen, und der Bock unterstützte sie mit seiner Keule; aber sie waren nur wenige, und die Feinde waren zahlreich und verrückt danach, alle Menschen zu töten.
Tobias und Flynn eilten herbei und kämpften ebenfalls mit den Schwertern, und Poogie und Reineke Bär ließen Feuer Feuer sein und halfen mit wilden Stahlklauen und bösartigen Kiefern. Und selbst mitten in der Schlacht hatte der Bär noch genügend Zeit, um angewidert festzustellen, wie leicht das Kämpfen und Töten für ihn geworden war.
Halloweenie der kleine Skelettjunge packte ein herumliegen-des Schwert und warf den letzten Rest seiner Unschuld weg, um sich ebenfalls an der Schlacht zu beteiligen.
Sie kämpften Seite an Seite, Mensch und Spielzeug, und niemand wußte, gegen wen oder warum. Sie standen gegen eine Armee von Angreifern, die von Shubs einprogrammierten Befehlen vorangepeitscht wurde. Das Schreien des Schiffs übertönte sogar den Lärm des Kampfes, und es hörte nicht mehr auf. Die Brücke explodierte unter einem direkten Treffer, und der leblose Körper des Kapitäns wurde aus einem Fenster geschleudert. Sein schwarzer Leichnam krachte aufs Deck und blieb dort leblos und rauchend liegen, und niemand beachtete ihn. Das Schiff kam langsam vom Kurs ab und steuerte auf das linke Flußufer zu.
Finlay stand mitten im dichtesten Gewühl und kämpfte Rük-ken an Rücken mit dem Ersten Todtsteltzer. Ihre Schwerter zerstückelten die Angreifer ringsum, doch von allen Seiten drängten immer neue heran. Die Luft war von beinahe menschlichen Schreien und von dem bestialischen Gebrüll der Angreifer erfüllt. Der Feldglöck und der Todtsteltzer kämpften auf dem Höhepunkt ihrer Kunst, und nichts und niemand kam auch nur in ihre Nähe. Dennoch wußten beide, daß sie nicht bis ans Ende aller Tage gegen eine derartige Übermacht standhalten konnten.
»Es sieht nicht gut aus«, sagte Giles gelassen über die Schulter .
»Nein, überhaupt nicht«, stimmte Finlay ihm atemlos zu, während er einen geifernden Wolf in Waldläuferkleidung nie-dermetzelte. »Wir brauchen ein Wunder, um das hier zu überleben.«
»Ganz meine Meinung«, stimmte Giles ihm zu. »Genau das gleiche Wunder, welches uns auch beim letzten Mal gerettet hat.«
Es dauerte einen Augenblick, bis Finlay begriffen hatte.
»Nein! Nicht noch einmal! Es würde ihn umbringen!«
Ein lautes donnerndes Knallen hinter ihm und das Rauschen von Luft, die den Platz ausfüllte, an dem der Todtsteltzer eben noch gestanden hatte, und Finlay wußte, wohin er teleportiert war.
Er kämpfte sich durch die wogenden Massen von Leibern zu Julians Kabine, trat die Tür ein und stürzte herein. Giles hatte Julian auf die Beine gezerrt und hielt den Esper mit einer Hand, während er mit der anderen Evangeline abwehrte. Finlay zog seinen Disruptor und zielte damit auf den Todtsteltzer.
»Nicht noch einmal, Giles! Nicht noch einmal!«
»Entweder er beschwört einen PSI-Sturm, oder wir sind alle tot«, entgegnete Giles ernst. »Was ist wichtiger – ein Esper, der schon so gut wie tot ist, oder unser aller Leben und die Erfüllung unserer Mission?« Sie stolperten alle zusammen, als eine weitere Explosion das Schiff erschütterte. Giles grinste humorlos. »Los, entscheidet Euch, Feldglöck. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.«
»Er ist mein Freund«, protestierte Finlay. »Ich habe ihn nicht aus der Hölle gerettet, damit Ihr ihn umbringt! Eher töte ich Euch, Todtsteltzer.« Die Waffe ruhte fest in seiner Hand.
»Ihr habt Macht, Giles!« sagte Evangeline verzweifelt. »Das Labyrinth des Wahnsinns hat Euch verändert. Ihr seid stärker und besitzt ungeahnte Fähigkeiten. Benutzt Eure Macht, um uns zu retten!«
»Ich kann nicht«, erwiderte Giles. »Ich könnte mich selbst hinausteleportieren; aber ich kann niemanden mitnehmen. Und wie wollen wir ohne das Schiff jemals den Wald erreichen?«
»Ihr braucht Energie?« sagte Julian mit schwerer Zunge. »Ich werde Euch Energie geben, Todtsteltzer.«
Der Esper packte seinen Peiniger am Kinn und drehte dessen Kopf in seine Richtung, bis sie einander in die Augen starrten.
Julian raffte all seine Reserven zusammen, und eine Woge psionischer Energie wallte in ihm auf. Er spürte, wie es ihn innerlich zerriß und zerbrach, doch es war ihm egal. Sein Mund verzog sich zu einem freudlosen Grinsen, und Blut quoll zwischen seinen Lippen hindurch und rann ihm übers Kinn. Julian Skye fokussierte sein ESP und hämmerte es Giles mitten in den Kopf. Einen Augenblick lang glaubte Giles, in die Sonne zu starren, so hell und überwältigend war die Erfahrung. Julians Kräfte waren die allerletzten Reserven des sterbenden Espers, und er hatte sie gebündelt und auf Giles übertragen, und jetzt vermischten und verschmolzen sie miteinander. Beide schrien gleichzeitig auf, und dann teleportierte Giles und riß das ganze Schiff mit sich.
Luft strömte knallend in das Vakuum, wo noch einen Sekundenbruchteil zuvor der Schaufelraddampfer gewesen war; dann gab es nur noch den Fluß . Hier und da brannte noch Öl, und tote Spielsachen trieben mit dem Gesicht nach unten stromab-wärts.
Die Spielzeuge vergaßen das Schiff und wandten sich wieder ihrem endlosen Krieg zu, und das Gemetzel nahm seinen Verlauf wie eh und je.
Eine halbe Meile stromaufwärts tauchte die Missis Merry Truspott wie aus dem Nichts wieder auf. Mächtige Wellen spritzten zu beiden Seiten hoch, als der Dampfer ins Wasser klatschte, und sie löschten den größten Teil der Feuer. Giles und Finlay stürmten aus Julians Kabine und warfen sich auf die verbliebenen Spielzeuge, und es dauerte nicht lange, bis sich niemand mehr regte. Sie warfen die Leichen über Bord, und dann kehrte zum ersten Mal wieder Stille an Deck ein. Tobias senkte sein Schwert und grinste müde.
»Also, das nenne ich nun wirklich mal ein Wunder. Ich wußte gar nicht, daß Ihr zu so etwas fähig seid, Lord Todtsteltzer.«
»Genausowenig wie ich«, knurrte Giles. »Und ich glaube auch nicht, daß ich es in nächster Zeit noch einmal tun werde.«
Er drehte sich zu Julian um, der stark und sicher dastand. »Was zur Hölle ist mit Euch geschehen?«
»Ich will verdammt sein, wenn ich das wüßte«, erwiderte Julian fröhlich. »Fest steht jedenfalls, daß ich Eure Macht nutzen konnte, um mich selbst zu heilen, als wir verschmolzen waren.
Ihr seid zu einer verdammten Menge mehr imstande, als Euch selbst bewußt ist, Lord Todtsteltzer.«
»Ihr seht schon viel besser aus«, sagte Finlay. »Zur Hölle, Ihr seht sogar wieder halbwegs menschlich aus, Julian. Wie fühlt Ihr Euch?«
»Gesund und munter vom Scheitel bis zur Sohle«, antwortete der junge Esper fröhlich. »Ich bin wieder das, was ich war, bevor das Imperium mich in die Finger bekam. Ich bin geheilt, Leute! Halleluja!«
»Nicht so laut«, warnte der Seebock. »Wir haben nicht alle soviel Glück gehabt .«
Er deutete mit dem Kopf zur anderen Seite des Decks, wo Halloweenie neben dem verbrannten und zerfetzten Leichnam des Kapitäns kniete.
»Verdammt!« fluchte Tobias. »Wer soll jetzt nur das Schiff steuern?«
Sie fuhren weiter. Es wurde Nachmittag, und das Kampfgebiet blieb hinter ihnen zurück. Voraus lag der Dunkle Wald, und in ihm wartete der Rote Mann, und selbst die finstersten Zwänge des Krieges schafften es nicht, die einander bekämpfenden Spielsachen näher an den Wald heranzubringen, als sie bereits waren.