Wir befinden uns in flachem, offenem Gelände. Eine Ebene aus festgestampfter Erde. Hinter den Tributen, die mir gegenüberstehen, kann ich nichts erkennen, was einen steil abfallenden Hang oder gar eine Klippe vermuten ließe. Rechts von mir liegt ein See. Links und hinter mir lichter Kiefernwald. Haymitch würde wollen, dass ich dorthin renne. Sofort.
Ich habe seine Anweisungen im Ohr: »Haut einfach ab, legt so viel Strecke wie möglich zwischen euch und die anderen und sucht eine Wasserquelle.«
Aber es ist verlockend, verdammt verlockend, all die Gaben zu sehen, die dort auf mich warten. Und ich weiß, wenn ich sie nicht bekomme, wird ein anderer sie bekommen. Dass die Karrieretribute, die das Anfangsgemetzel überleben, die meisten dieser überlebenswichtigen Sachen unter sich aufteilen werden. Etwas sticht mir ins Auge. Dort, auf einem Berg zusammengerollter Decken, liegt ein silberner Köcher mit Pfeilen und ein schon besehnter Bogen, der nur darauf wartet, benutzt zu werden. Der gehört mir, denke ich. Der ist für mich bestimmt.
Ich bin schnell. Ich kann schneller rennen als die anderen Mädchen in meiner Schule, nur im Langstreckenlauf sind ein paar von ihnen besser. Aber für diese vierzig Meter bin ich wie geschaffen. Ich weiß, dass ich ihn kriegen kann, ich weiß, dass ich zuerst da sein kann, aber die Frage, die sich danach stellt, lautet: Wie schnell komme ich wieder weg? Bis ich den Deckenberg hochgeklettert bin und die Waffen eingesammelt habe, werden andere beim Horn angekommen sein. Ein oder zwei könnte ich vielleicht erledigen, aber wenn dann immer noch ein Dutzend in unmittelbarer Nähe übrig ist, könnten sie mich mit Speeren und Keulen niederstrecken. Oder mit ihren mächtigen Fäusten.
Allerdings wäre ich ja nicht das einzige Ziel. Viele der anderen Tribute würden mich kleines Mädchen wahrscheinlich links liegen lassen, selbst wenn ich im Training eine Elf erreicht habe, um gefährlichere Gegner auszuschalten.
Haymitch hat mich noch nie rennen sehen. Vielleicht hätte er mir sonst geraten, es zu versuchen. Mir die Waffe zu schnappen. Genau die Waffe, die mich vielleicht retten kann. Und ich sehe nur einen einzigen Bogen in dem Haufen. Die Minute muss fast um sein, mir ist klar, dass ich mich jetzt für eine Strategie entscheiden muss. Ich stelle die Füße in Startposition, aber nicht, um in die umliegenden Wälder zu fliehen, sondern um zum Haufen zu rennen, zum Bogen. Plötzlich bemerke ich Peeta, etwa fünf Tribute weiter rechts, ziemlich weit weg, doch ich merke trotzdem, dass er mich ansieht, und es kommt mir vor, als würde er den Kopf schütteln. Aber die Sonne blendet mich, und während ich darüber nachdenke, ertönt der Gong.
Und ich hab sie verpasst! Ich hab meine Chance verpasst! Wegen dieser paar vergeudeten Sekunden, in denen ich mich nicht entschließen konnte, ob ich zum Horn rennen sollte oder nicht. Ich scharre unschlüssig mit den Füßen, weiß nicht, welche Richtung mein Hirn für die beste hält, dann stürme ich los, schnappe mir die Plastikplane und einen Laib Brot. Die Ausbeute ist so gering und ich bin so wütend auf Peeta, weil er mich abgelenkt hat, dass ich zwanzig Meter weitersprinte zu einem knallorangefarbenen Rucksack, der alles Mögliche enthalten könnte. Ich würde es nicht ertragen, praktisch mit leeren Händen loszuziehen.
Ein Junge, ich glaube, aus Distrikt 9, erreicht den Rucksack zur gleichen Zeit wie ich, wir zerren eine Weile daran, plötzlich fängt er an zu husten und bespritzt mein Gesicht mit Blut. Ich taumele zurück, angeekelt von dem warmen, klebrigen Zeug. Da gleitet der Junge zu Boden und ich sehe das Messer in seinem Rücken. Einige der anderen Tribute haben das Füllhorn erreicht und schwärmen zum Angriff aus. Zehn Meter entfernt ist das Mädchen aus Distrikt 2 und rennt genau auf mich zu, ein halbes Dutzend Messer in einer Hand. Ich habe sie beim Training werfen gesehen. Sie trifft immer. Und ich bin ihr nächstes Ziel.
Die allgemeine Angst, die ich empfinde, verdichtet sich zur unmittelbaren Angst vor diesem Mädchen, diesem Raubtier, das mich in Sekundenschnelle töten könnte. Adrenalin schießt durch meinen Körper, ich werfe mir den Rucksack über die Schulter und renne, so schnell ich kann, auf den Wald zu. Ich höre, wie das Messer auf mich zusaust, und ziehe instinktiv den Rucksack hoch, um meinen Kopf zu schützen. Die Klinge bohrt sich in den Rucksack. Ich streife auch den anderen Träger über und laufe Richtung Bäume. Irgendwie weiß ich, dass das Mädchen mich nicht verfolgen wird. Dass es sie zurück zum Füllhorn zieht, bevor die guten Sachen weg sind. Ich muss grinsen. Danke für das Messer, denke ich.
Am Waldrand schaue ich einen Augenblick lang zurück, um die Lage zu sondieren. Rund um das Füllhorn hacken etwa ein Dutzend Tribute aufeinander ein. Ein paar liegen schon tot am Boden. Diejenigen, die die Flucht ergriffen haben, verschwinden gerade zwischen den Bäumen oder in dem Nichts auf der anderen Seite. Ich renne weiter, bis der Wald mich vor den anderen Tributen verbirgt, dann falle ich in einen leichten Trab, den ich bestimmt eine Weile durchhalten kann. In den nächsten Stunden wechsele ich zwischen Dauerlauf und Gehen, um so viel Strecke wie möglich zwischen mich und meine Gegner zu legen. Beim Kampf mit dem Jungen aus Distrikt 9 habe ich das Brot verloren, dafür konnte ich mir die Plastikplane in den Ärmel stopfen. Im Gehen falte ich sie ordentlich zusammen und verstaue sie in einer Tasche. Dann ziehe ich das Messer aus dem Rucksack heraus - ein gutes Messer mit langer scharfer Klinge, am Griff gezackt, sodass ich es gut zum Sägen benutzen kann - und stecke es in den Gürtel. Noch wage ich nicht, anzuhalten und den Inhalt des Rucksacks zu untersuchen. Ich laufe einfach weiter und bleibe nur stehen, um mich nach möglichen Verfolgern umzuschauen.
Ich kann lange durchhalten. Das habe ich in den Wäldern gelernt. Aber ich werde Wasser brauchen. Das war Haymitchs zweite Anweisung, und da ich die erste irgendwie verpatzt habe, halte ich jetzt die Augen offen. Ohne Erfolg.
Der Wald verändert sich und die Kiefern wechseln sich jetzt mit verschiedenen anderen Baumarten ab, von denen ich manche kenne, andere noch nie gesehen habe. Plötzlich höre ich ein Geräusch und ziehe mein Messer, um mich, wenn nötig, zu verteidigen, doch ich habe nur ein Kaninchen aufgeschreckt. »Schön, dich zu sehen«, flüstere ich. Wo ein Kaninchen ist, könnten Hunderte sein, die nur darauf warten, in meine Fallen zu gehen.
Das Gelände fällt leicht ab. Das mag ich nicht besonders. In Tälern fühle ich mich gefangen. Ich möchte hoch oben sein, wie in den Hügeln rund um Distrikt 12, wo ich sehen kann, wenn Feinde im Anmarsch sind. Doch ich habe keine Wahl, ich muss weiter.
Seltsam, aber mir geht es eigentlich nicht schlecht. Die Tage, an denen ich mich vollgefressen habe, machen sich bezahlt. Meinem Durchhaltevermögen hat es nicht geschadet, dass ich so wenig geschlafen habe. Und in den Wäldern zu sein ist wie ein Jungbrunnen. Ich freue mich über die Einsamkeit, obwohl sie eine Illusion ist, denn wahrscheinlich kann man mich in diesem Augenblick auf dem Bildschirm sehen. Nicht die ganze Zeit, aber ab und zu. Am ersten Tag gibt es so viele Tode anzuschauen, dass ein Tribut, der durch die Wälder wandert, nicht besonders viel hermacht. Aber ich werde häufig genug gezeigt, damit die Leute wissen, dass ich am Leben bin, unverletzt und in Bewegung. Am Eröffnungstag, wenn die ersten Verluste einlaufen, geht es bei den Wetten immer besonders hoch her. Aber das ist kein Vergleich damit, was los ist, wenn das Feld auf eine Handvoll Spieler zusammengeschrumpft ist.
Es ist später Nachmittag, als ich die Kanonen höre. Jeder Schuss steht für einen toten Tribut. Offenbar ist das Töten am Füllhorn endlich zu Ende. Die Leichen des Gemetzels werden erst dann eingesammelt, wenn die Mörder weg sind. Am Eröffnungstag feuern sie die Kanonen sogar erst dann ab, wenn die ersten Kämpfe allesamt vorüber sind, weil sie kaum den Überblick über die Todesfälle behalten können. Keuchend genehmige ich mir eine Pause, während ich die Schüsse zähle. Eins … zwei … drei … und noch einer und noch einer bis elf. Elf Tote insgesamt. Noch dreizehn sind im Spiel. Mit den Fingernägeln kratze ich das getrocknete Blut ab, das der tote Junge aus Distrikt 9 mir ins Gesicht gehustet hat. Er ist tot, mit Sicherheit. Ich frage mich, was mit Peeta ist. Hat er den Tag überstanden? In ein paar Stunden werde ich es wissen. Wenn sie die Gesichter der Toten an den Himmel projizieren, damit wir anderen sie sehen können.