Ich bin erleichtert, dass Peeta lebt. Wieder sage ich mir, wenn ich getötet werde und er gewinnt, werden meine Mutter und Prim am meisten davon haben. Damit versuche ich die widersprüchlichen Gefühle zu erklären, die aufkommen, wenn ich an Peeta denke. Die Dankbarkeit dafür, dass er mir einen Vorteil verschafft hat, als er beim Interview seine Liebe zu mir gestand. Die Wut angesichts seiner Überlegenheit auf dem Dach. Das Grauen darüber, dass wir uns in dieser Arena jeden Moment Auge in Auge gegenüberstehen können.
Elf tot, aber keiner aus Distrikt 12. Ich versuche, mir die anderen Überlebenden ins Gedächtnis zu rufen. Fünf Karrieretribute. Fuchsgesicht. Thresh und Rue. Rue … Sie hat es also immerhin über den ersten Tag geschafft. Ich kann nicht anders, als mich darüber zu freuen. Das macht zehn. Die anderen drei finde ich morgen heraus. Jetzt, wo es dunkel ist, ich so weit gelaufen und in diesem Baum eingebettet bin, jetzt muss ich versuchen auszuruhen.
Zwei Tage lang habe ich kaum geschlafen und dann war da noch die lange Reise in die Arena. Langsam erlaube ich meinen Muskeln zu entspannen. Meinen Augen, zuzufallen. Mein letzter Gedanke ist: Ein Glück, dass ich nicht schnarche …
Knacks! Das Geräusch eines brechenden Asts weckt mich. Wie lange habe ich geschlafen? Vier Stunden? Fünf? Meine Nasenspitze ist eiskalt. Knacks! Knacks! Was ist da los? Das ist nicht das Geräusch eines Asts, der unter dem Fuß eines Menschen bricht, sondern das harte Knacken, das jemand verursacht, der von einem Baum heruntersteigt. Knacks! Knacks! Es dürfte ein paar Hundert Meter rechts von mir sein. Langsam, lautlos drehe ich mich in diese Richtung. Ein paar Minuten lang ist da nichts als Schwärze und Geräusche. Dann sehe ich einen Funken und ein kleines Feuer leuchtet auf. Zwei Hände, die sich über dem Feuer wärmen, mehr kann ich nicht erkennen.
Ich muss mir auf die Lippe beißen, damit ich dem Feuermacher nicht sämtliche Schimpfwörter an den Kopf werfe, die ich kenne. Was denkt der sich? Ein Feuer in der Abenddämmerung, das wäre vertretbar gewesen. Zu dem Zeitpunkt wären diejenigen, die am Füllhorn gekämpft haben, mit ihrer überlegenen Körperkraft und den üppigen Vorräten noch nicht nah genug gewesen, um den Flammenschein zu sehen. Aber jetzt, da sie wahrscheinlich schon seit Stunden auf der Suche nach Opfern den Wald durchkämmen - da könnte man genauso gut eine Fahne schwenken und rufen: »Hier bin ich!«
Und ich liege hier, nur einen Steinwurf entfernt vom größten Schwachkopf der Spiele. Festgeschnallt in einem Baum. Und wage nicht zu fliehen, weil mein Standort in diesem Augenblick jedem interessierten Killer verkündet wird. Ich weiß natürlich, dass es hier draußen kalt ist und nicht jeder einen Schlafsack hat. Aber dann beißt man eben die Zähne zusammen und hält durch bis zum Morgengrauen!
Die nächsten Stunden liege ich grübelnd in meinem Schlafsack und denke tatsächlich, dass ich von meinem Baum hinuntersteigen und meinen neuen Nachbarn problemlos ausschalten könnte. Mein erster Impuls war zu fliehen, nicht zu kämpfen. Aber offenbar ist dieser Mensch lebensmüde. Dumme Leute sind gefährlich. Und wahrscheinlich besitzt der hier keine nennenswerten Waffen, während ich ein exzellentes Messer mein Eigen nenne.
Der Himmel ist immer noch dunkel, doch ich spüre die ersten Anzeichen der Morgendämmerung. Jetzt denke ich allmählich, dass wir - damit meine ich den Menschen, dessen Tod ich gerade plane, und mich - vielleicht wirklich unbemerkt geblieben sind. Aber dann höre ich sie. Mehrere Fußpaare, die losrennen. Die Feuermacherin muss eingenickt sein. Sie sind über ihr, bevor sie fliehen kann. Ich weiß jetzt, dass es ein Mädchen ist, ich höre es an ihrem Flehen und dann an dem gequälten Schrei. Dann höre ich Gelächter und Beglückwünschungen von verschiedenen Stimmen. Jemand ruft: »Zwölf erledigt und noch elf vor uns!«, was mit zustimmendem Gejohle beantwortet wird.
Sie kämpfen also in einer Meute. Was mich nicht besonders überrascht. In den frühen Phasen der Spiele bilden sich oft Bündnisse. Die Starken schließen sich zusammen und jagen die Schwachen, und wenn die Spannungen zu groß werden, fallen sie übereinander her. Es ist nicht schwer zu erraten, aus wem dieses Bündnis besteht. Es werden die verbliebenen Karrieretribute aus den Distrikten 1, 2 und 4 sein. Zwei Jungen und drei Mädchen. Die immer gemeinsam zu Mittag gegessen haben.
Eine Weile durchsuchen sie das Mädchen nach Vorräten. An ihren Bemerkungen höre ich, dass sie nichts Brauchbares gefunden haben. Ich frage mich, ob Rue das Opfer ist, verwerfe den Gedanken aber gleich wieder. Sie ist zu schlau, um in der Nacht ein Feuer zu machen.
»Lasst uns abhauen, dann können sie die Leiche holen, bevor sie anfängt zu stinken.« Ich bin mir fast sicher, dass das der brutale Junge aus Distrikt 2 ist. Ich höre zustimmendes Gemurmel und merke dann zu meinem Entsetzen, dass die Meute in meine Richtung kommt. Sie wissen nicht, dass ich hier bin. Woher sollten sie? Und ich bin in der Baumgruppe gut getarnt. Zumindest solange die Sonne noch nicht aufgegangen ist. Dann wird mich mein schwarzer Schlafsack nämlich nicht mehr tarnen, sondern zum Problem werden. Wenn sie einfach weitergehen, sind sie gleich vorbei.
Aber die Karrieretribute bleiben zehn Meter entfernt auf der Lichtung stehen. Sie haben Taschenlampen, Fackeln. Durch das Geäst sehe ich hier einen Arm, da einen Stiefel. Ich erstarre und wage nicht zu atmen. Haben sie mich entdeckt? Nein, noch nicht. An ihrer Unterhaltung merke ich, dass sie mit den Gedanken woanders sind.
»Wieso hören wir nicht langsam mal die Kanone?«
»Stimmt. Was sollte sie davon abhalten, sie jetzt gleich abzuholen?«
»Es sei denn, sie ist nicht tot.«
»Sie ist tot. Ich habe sie höchstpersönlich abgestochen.« »Und wo bleibt dann die Kanone?«
»Einer von uns sollte zurückgehen. Nachgucken, ob die Sache auch wirklich erledigt ist.«
»Ja, ich hab keine Lust, sie zweimal aufzuspüren.« »Ich hab doch gesagt, dass sie tot ist!«
Sie streiten sich, bis eine Stimme die anderen verstummen lässt: »Wir verlieren hier nur Zeit! Ich gehe zurück und erledige sie und dann nichts wie weiter!«
Ich falle fast vom Baum. Die Stimme gehört Peeta.
12
Wie gut, dass ich mich festgeschnallt habe. Ich bin von der Astgabel gerutscht und hänge jetzt bäuchlings über dem Boden, gehalten nur von meinem Gürtel und einer Hand, während ich mich mit den Füßen am Stamm abstütze und das Gepäck im Schlafsack umklammere. Es hat bestimmt ein bisschen geraschelt, als ich gefallen bin, aber die Karrieros sind so sehr mit Streiten beschäftigt, dass sie nichts mitbekommen haben.
»Dann geh halt, Loverboy«, sagt der Junge aus Distrikt 2, »und überzeug dich selbst.«
Jetzt erhasche ich im Licht einer Fackel einen Blick auf Peeta, der zurück zu dem Mädchen am Feuer geht. Sein Gesicht ist voller Blutergüsse, um einen Arm hat er einen blutigen Verband und seinem Gang hört man an, dass er ein bisschen hinkt. Ich denke daran, wie er den Kopf geschüttelt und mir zu verstehen gegeben hat, ich solle mich nicht an dem Kampf um die Vorräte beteiligen; dabei hat er die ganze Zeit, von Anfang an, geplant, sich selbst ins Getümmel zu stürzen. Genau das Gegenteil von dem, was Haymitch uns eingeschärft hat.
Okay, ich kann’s verstehen. All die Vorräte, das war schon verlockend. Aber das hier … Das ist etwas anderes. Gemeinsame Sache mit der Wolfsmeute der Karrieros zu machen, um uns andere zur Strecke zu bringen. Niemand aus Distrikt 12 käme auf den Gedanken, so etwas zu tun! Karrieretribute sind über die Maßen brutal, arrogant und besser genährt, aber nur, weil sie die Schoßhündchen des Kapitols sind. Abgrundtief gehasst von allen außer ihren eigenen Distrikten. Ich kann mir vorstellen, was sie jetzt zu Hause über Peeta reden. Und der wagt es, mir etwas von Selbstachtung zu erzählen!