Offensichtlich hat der ach so edle Junge auf dem Dach nur wieder ein Spielchen mit mir gespielt. Aber damit ist jetzt Schluss. Ich werde am Nachthimmel ungeduldig nach Hinweisen auf seinen Tod Ausschau halten, wenn ich ihn nicht höchstpersönlich erledige.
Die Karrieretribute sind still, bis er außer Hörweite ist, dann unterhalten sie sich gedämpft.
»Warum töten wir ihn nicht jetzt gleich und bringen es hinter uns?«
»Lass ihn mitkommen. Was kann es schaden? Außerdem kann er gut mit dem Messer umgehen.«
Ach ja? Das ist mir neu. Wirklich eine Menge interessanter Dinge, die ich da heute über meinen Freund Peeta erfahre.
»Abgesehen davon haben wir mit ihm die besten Chancen, sie zu finden.«
Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass mit »sie« ich gemeint bin.
»Was? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass sie auf die Herz-und-Schmerz-Geschichte reingefallen ist?«
»Warum nicht? Mir schien sie ein ziemliches Dummchen zu sein. Wenn ich daran denke, wie sie sich in diesem Kleid gedreht hat, könnte ich loskotzen.«
»Ich wüsste gern, wie sie an ihre Elf gekommen ist.«
»Ich wette, Loverboy weiß es.«
Sie verstummen, als Peeta zurückkommt.
»Und, war sie tot?«, fragt der Junge aus Distrikt 2.
»Nein. Aber jetzt ist sie es«, sagt Peeta. In diesem Augenblick ertönt die Kanone. »Können wir weiter?«
Die Meute der Karrieros setzt sich im Laufschritt in Bewegung, gerade als der Morgen anbricht und Vogelgezwitscher die Luft erfüllt. Obwohl meine Muskeln vor Anspannung zittern, bleibe ich noch eine Weile in meiner misslichen Position, dann hieve ich mich zurück auf meinen Ast. Ich muss runter von dem Baum, weg von hier, aber einen Augenblick lang liege ich noch da und verdaue, was ich gehört habe. Nicht nur, dass Peeta sich den Karrieros angeschlossen hat, er hilft ihnen auch, mich zu finden. Das einfältige Mädchen, das man wegen seiner Elf ernst nehmen muss. Weil sie mit Pfeil und Bogen umgehen kann. Was Peeta besser weiß als jeder andere.
Aber er hat es ihnen noch nicht verraten. Behält er diese Information für sich, weil er weiß, dass sie das Einzige ist, was ihn am Leben hält? Tut er für das Publikum immer noch so, als würde er mich lieben? Was hat er vor?
Plötzlich verstummen die Vögel. Dann stößt einer einen schrillen Warnschrei aus. Einen einzigen Ton. Den gleichen, den Gale und ich damals hörten, als das rothaarige Avoxmädchen gefangen wurde. Hoch über dem tödlichen Lagerfeuer erscheint ein Hovercraft. Eine Apparatur mit großen Metallzähnen wird heruntergelassen. Langsam, sanft wird das tote Tributmädchen in das Hovercraft gehoben. Dann verschwindet es. Die Vögel fangen wieder an zu singen.
»Los jetzt!«, flüstere ich mir selbst zu. Ich schäle mich aus dem Schlafsack, rolle ihn auf und verstaue ihn im Rucksack. Ich atme tief durch. Solange ich von Dunkelheit, Schlafsack und Weidengeäst verborgen war, hatten die Kameras wahrscheinlich Mühe, mich zu zeigen. Aber jetzt machen sie mich bestimmt ausfindig. Und dann zeigen sie in Großaufnahme, wie ich auf den Boden springe.
Die Zuschauer sind garantiert begeistert. Sie wussten ja, dass ich auf dem Baum war, dass ich das Gespräch der Karrieros belauscht und entdeckt habe, dass Peeta gemeinsame Sache mit ihnen macht. Bevor ich mich entscheide, wie ich mich dem Publikum präsentieren will, gehe ich am besten meine Möglichkeiten durch. Perplex? Nein. Konfus oder ängstlich? Auf gar keinen Fall.
Nein, ich muss der Konkurrenz um eine Nasenlänge voraus sein.
Deshalb bleibe ich, als ich aus dem Gebüsch hinaus in die Morgendämmerung schlüpfe, einen Augenblick stehen, damit die Kameras mich zeigen können. Dann lege ich den Kopf ein wenig schief und lächele wissend. Da, bitte! Sollen sie sich den Kopf zerbrechen, was das bedeutet.
Ich will gerade los, als mir die Fallen in den Sinn kommen. Vielleicht ist es unklug, danach zu sehen, wenn die anderen so nah sind. Aber ich muss einfach. Bin wohl zu viele Jahre auf der Jagd gewesen. Und der mögliche Braten lockt. Ich werde mit einem schönen Kaninchen belohnt. Im Nu habe ich das Tier gesäubert und ausgenommen und verstecke Kopf, Läufe, Schwanz, Fell und Innereien unter einem Haufen Blätter. Jetzt hätte ich gern ein Feuer - ein rohes Kaninchen zu essen kann Hasenpest auslösen, wie ich am eigenen Leib erfahren habe - da fällt mir das tote Tributmädchen ein. Ich renne zu ihrem Lager zurück. Und wirklich, die Glut ihres Feuers ist noch heiß. Ich zerlege das Kaninchen, schnitze mir aus einem Ast einen Spieß zurecht und halte ihn über die Glut.
Jetzt freue ich mich über die Kameras. Die Sponsoren sollen sehen, dass ich jagen kann, dass ich gute Chancen habe, weil ich mich nicht einfach aus Hunger in die Falle locken lasse. Während das Kaninchen brät, zermahle ich ein Stück verkohlten Ast und tarne den orangefarbenen Rucksack mit der Asche. Das Schwarz tönt ihn ab, doch eine Schlammschicht wäre sicher noch besser. Aber für Schlamm brauchte ich natürlich Wasser …
Ich schultere meine Ausrüstung, nehme den Spieß, scharre ein wenig Erde über die Kohlen und gehe in die entgegengesetzte Richtung wie die Karrieros. Im Gehen esse ich die Hälfte des Kaninchens und wickle die Reste für später in meine Plastikplane ein. Das Fleisch beendet das Grummeln in meinem Bauch, aber es stillt nicht meinen Durst. Wasser hat jetzt oberste Priorität.
Während ich wandere, habe ich das deutliche Gefühl, dass ich immer noch auf dem Bildschirm im Kapitol bin. Also bemühe ich mich, meine Gefühle zu verbergen. Claudius Templesmith und seine Gastkommentatoren überschlagen sich bestimmt mit Analysen von Peetas Verhalten und meiner Reaktion. Was hat das alles zu bedeuten? Hat Peeta sein wahres Gesicht gezeigt? Wie beeinflusst das die Wettchancen? Werden wir Sponsoren verlieren? Haben wir überhaupt Sponsoren? Ja, ich bin sicher, dass wir welche haben oder zumindest hatten.
Natürlich hat Peeta die Geschichte von dem tragischen Liebespaar jetzt durchkreuzt. Oder doch nicht? Da er über mich nicht gesprochen hat, können wir vielleicht immer noch einen kleinen Vorteil daraus ziehen. Wenn ich jetzt so tue, als würde ich mich amüsieren, denken die Leute vielleicht, wir hätten das alles gemeinsam ausgeheckt.
Die Sonne steigt am Himmel empor und selbst durch das Laubdach erscheint sie überaus hell. Ich creme meine Lippen mit Kaninchenfett ein und versuche, nicht zu hecheln, aber es bringt nichts. Erst ein Tag, und ich trockne zunehmend aus. Ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich über das Auffinden von Wasser weiß. Es läuft bergab, deshalb ist es nicht dumm, wenn ich weiter talwärts laufe. Wenn ich nur einen Wildwechsel entdecken würde oder eine Stelle, wo die Pflanzen besonders grün wachsen, wäre das eine große Hilfe. Aber alles scheint unverändert. Das leicht abfallende Gelände, die Vögel, die Gleichförmigkeit der Bäume.
Je weiter der Tag voranschreitet, desto mehr wird mir bewusst, dass ich ein Problem habe. Das bisschen Urin, das ich ausscheide, ist dunkelbraun, mein Kopf tut weh und auf meiner Zunge breitet sich ein trockener Fleck aus, der nicht feucht werden will. Die Sonne sticht mir in den Augen, deshalb hole ich die Sonnenbrille heraus; aber als ich sie aufsetze, sehe ich verschwommen und ich stopfe sie zurück in den Rucksack.
Am späten Nachmittag glaube ich, Abhilfe gefunden zu haben. Ich entdecke eine Gruppe von Beerensträuchern und renne hin, um die Früchte abzustreifen und den süßen Saft herauszusaugen. Erst als ich sie schon an die Lippen halte, sehe ich genauer hin. Die Beeren, die ich für Blaubeeren gehalten hatte, haben eine etwas andere Form, und als ich sie auseinanderbreche, sind sie blutrot. Ich erkenne die Beeren nicht, vielleicht sind sie essbar, aber ich vermute eher einen miesen Trick der Spielmacher. Die Pflanzenexpertin im Trainingscenter hat uns ja auch extra eingeschärft, keine Beeren zu essen, solange wir nicht hundertprozentig sicher sein können, dass sie ungiftig sind. Das wusste ich zwar schon, doch jetzt bin ich so durstig, dass ich es nur aufgrund dieser Mahnung über mich bringe, sie wegzuwerfen.