Выбрать главу

Erschöpfung macht sich breit, doch es ist nicht die übliche Müdigkeit, die auf eine lange Wanderung folgt. Häufig muss ich anhalten und ausruhen, obwohl ich weiß, dass ich das Heilmittel gegen den Durst, der mich plagt, nur finde, wenn ich weitersuche. Ich probiere eine neue Taktik aus und klettere auf einen Baum, so hoch ich es in meinem wackligen Zustand wage, um nach Anzeichen von Wasser zu suchen. Aber so weit ich in alle Richtungen sehen kann, überall erstreckt sich derselbe erbarmungslose Wald.

Ich beschließe, bis zum Einbruch der Nacht weiterzumachen, und laufe, bis ich über meine eigenen Füße stolpere.

Erschöpft schleppe ich mich auf einen Baum und binde mich fest an. Obwohl ich keinen Appetit habe, sauge ich an einem Kaninchenknochen, damit mein Mund etwas zu tun hat. Die Nacht bricht herein, die Hymne erklingt und hoch oben am Himmel sehe ich das Bild des Mädchens, das offenbar aus Distrikt 8 stammte. Und dem Peeta den Rest gegeben hat.

Mein brennender Durst ist drängender als die Angst vor der Meute der Karrieros. Abgesehen davon sind sie in die andere Richtung gegangen und werden jetzt auch ausruhen müssen.

In Anbetracht des Wassermangels mussten sie vielleicht sogar zurück zum See, um ihre Vorräte aufzufüllen.

Möglicherweise wird auch mir nichts anderes übrig bleiben.

Der Morgen beginnt mit Schmerzen. Mein Kopf pocht mit jedem Herzschlag. Einfachste Bewegungen jagen stechende Schmerzen durch meine Gelenke. Ich falle eher vom Baum, als dass ich springe. Ich brauche mehrere Minuten, um meine Sachen zusammenzusuchen. Im tiefsten Innern weiß ich, dass das falsch ist, dass ich besser aufpassen, mich schneller bewegen müsste. Aber mein Verstand ist wie benebelt, es fällt mir schwer, zu überlegen. Ich lehne mich an den Baumstamm, fahre mir mit dem Finger vorsichtig über die Zunge, die sich anfühlt wie Sandpapier, während ich meine Möglichkeiten abwäge. Wie kann ich an Wasser kommen?

Zum See zurückgehen. Kommt nicht infrage. Das würde ich nie schaffen.

Auf Regen hoffen. Keine Wolke am Himmel.

Die Augen offen halten. Ja, das ist meine einzige Chance. Aber dann kommt mir ein anderer Gedanke und die Woge der Wut, die darauf folgt, bringt mich zur Besinnung.

Haymitch! Er könnte mir Wasser schicken! Ein Knopfdruck und in wenigen Augenblicken würde es mir mit einem silbernen Fallschirm geliefert. Ich muss Sponsoren haben, wenigstens einen oder zwei, die sich einen halben Liter Wasser für mich leisten können. Es ist teuer, ja, aber diese Leute haben Geld wie Heu. Und sie haben auf mich gesetzt. Vielleicht merkt Haymitch nicht, wie dringend ich es brauche. So laut ich mich traue, sage ich: »Wasser.« Hoffnungsfroh warte ich darauf, dass ein Fallschirm vom Himmel fällt. Aber nichts geschieht.

Da stimmt was nicht. Habe ich mich getäuscht und ich habe gar keine Sponsoren? Oder hat Peetas Verhalten sie zögerlich werden lassen? Nein, das glaube ich nicht. Da draußen ist jemand, der mir Wasser kaufen will, aber Haymitch weigert sich, es durchzulassen. Als mein Mentor hat er die Kontrolle über die Geschenke meiner Sponsoren. Ich weiß, dass er mich nicht ausstehen kann. Er hat keinen Hehl daraus gemacht. Aber würde er mich auch sterben lassen? Verdursten? Das kann er doch nicht machen, oder? Wenn ein Mentor seine Tribute schlecht behandelt, wird er von den Zuschauern zur Rechenschaft gezogen, von den Leuten zu Hause in Distrikt 12. Nicht mal Haymitch würde das riskieren, oder? Über meine Handelspartner auf dem Hob kann man sagen, was man will, aber ich glaube nicht, dass sie ihn dort willkommen heißen würden, wenn er mich auf diese Art sterben ließe. Wo sollte er dann seinen Schnaps herbekommen? Also … was ist los? Lässt er mich leiden, weil ich nicht auf ihn gehört habe? Lenkt er alle Sponsoren auf Peeta? Ist er einfach nur zu besoffen, um mitzukriegen, was vor sich geht? Irgendwie glaube ich das nicht und ich glaube auch nicht, dass er versucht, mich vorsätzlich sterben zu lassen. Auf seine persönliche, unangenehme Art hat er nämlich aufrichtig versucht, mich auf das hier vorzubereiten. Aber was ist dann los?

Ich vergrabe das Gesicht in den Händen. Gefahr, dass ich losheule, besteht keine; selbst wenn es mir das Leben retten könnte, würde ich keine Träne hervorbringen. Was treibt Haymitch bloß? Wut, Hass und Verdächtigungen zum Trotz flüstert eine leise Stimme in meinem Hinterkopf eine Antwort:

Vielleicht schickt er dir eine Botschaft, sagt sie. Eine Botschaft. Und was könnte sie besagen? Plötzlich weiß ich es. Es gibt nur einen vernünftigen Grund, weshalb Haymitch mir Wasser vorenthalten würde. Weil er weiß, dass ich es fast gefunden habe.

Ich beiße die Zähne zusammen und rappele mich auf. Das Gewicht meines Rucksacks scheint sich verdreifacht zu haben. Ich finde einen abgebrochenen Ast, der sich als Wanderstab eignet, und laufe los. Die Sonne brennt noch sengender herunter als an den ersten beiden Tagen. Ich fühle mich wie ein altes Stück Leder, das in der Hitze verdorrt und rissig wird. Jeder Schritt kostet Mühe, aber ich halte nicht an. Ich setze mich nicht. Wenn ich mich hinsetzen würde, wäre es gut möglich, dass ich nicht mehr aufstehen kann, dass ich mich nicht mal mehr an meine Aufgabe erinnere.

Eine leichte Beute bin ich! Jeder Tribut, selbst die winzige Rue, könnte mich jetzt erledigen, mich zu Boden stoßen und mit meinem eigenen Messer töten und ich könnte mich praktisch nicht dagegen wehren. Doch wenn irgendwer in meinem Teil des Waldes sein sollte, beachtet er mich nicht. Die Wahrheit ist, dass es mir vorkommt, als wäre ich eine Million Meilen von jeder Menschenseele entfernt.

Aber nicht allein. Nein, mit Sicherheit ist in diesem Augenblick eine Kamera auf mich gerichtet. Ich denke daran, wie ich in den letzten Jahren Tribute verhungern, erfrieren, verbluten und verdursten gesehen habe. Solange nicht irgendwo ein ordentlicher Kampf entbrennt, zeigen sie mich.

Ich denke an Prim. Wahrscheinlich schaut sie mir nicht live zu, aber in der Schule werden wohl während des Mittagessens Zusammenfassungen gezeigt. Um ihretwillen versuche ich so wenig verzweifelt wie möglich auszusehen.

Am Nachmittag weiß ich dennoch, dass das Ende nah ist.

Meine Beine schlackern und mein Herz schlägt zu schnell. Ich vergesse, was ich vorhabe. Mehrfach bin ich gestrauchelt und wieder auf die Beine gekommen, aber als jetzt der Stock unter mir wegrutscht, stürze ich und komme nicht mehr hoch. Ich wehre mich nicht, als meine Augen zufallen.

Ich habe Haymitch falsch eingeschätzt. Er hat überhaupt nicht die Absicht, mir zu helfen.

Das ist okay, denke ich. Ist gar nicht schlecht hier. Es ist nicht mehr so heiß, was bedeutet, dass der Abend naht. Ein schwacher süßer Duft, der mich an Blumen erinnert. Meine Finger gleiten über den weichen Boden und streifen leicht über das Gras. Das ist ein guter Platz zum Sterben, denke ich.

Meine Fingerspitzen zeichnen kleine Wirbel in die kühle, glitschige Erde. Ich liebe Schlamm, denke ich. Wie oft habe ich mithilfe seiner weichen, lesbaren Oberfläche Wild aufgespürt. Hilft auch gegen Bienenstiche, der Schlamm. Schlamm. Schlamm! Ich reiße die Augen auf und grabe meine Finger in die Erde. Es ist Schlamm! Meine Nase reckt sich in die Luft. Und das sind Blumen! Seerosen!