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Jetzt krieche ich durch den Schlamm und schleppe mich zu dem Duft. Fünf Meter von der Stelle entfernt, an der ich zusammengebrochen bin, krieche ich durch Pflanzengestrüpp in einen Teich. Darauf schwimmen gelb blühende Pflanzen, meine schönen Seerosen.

Am liebsten würde ich das Gesicht ins Wasser tauchen und so viel in mich hineinlaufen lassen, wie ich kann. Aber ich kann mich gerade noch beherrschen. Mit zitternden Händen ziehe ich meine Flasche heraus und fülle sie mit Wasser. Dann gebe ich so viele Jodtropfen hinein, wie meiner Erinnerung nach nötig sind, um es zu reinigen. Die halbe Stunde, die ich warten muss, ist quälend, aber ich reiße mich am Riemen. Zumindest kommt es mir wie eine halbe Stunde vor; länger halte ich es auf keinen Fall aus.

Langsam, ganz ruhig, sage ich mir. Ich nehme einen Schluck und zwinge mich zu warten. Dann noch einen. In den nächsten Stunden trinke ich die ganze Zweiliterflasche aus. Dann noch eine. Ich fülle noch eine dritte, bevor ich mich auf einen Baum zurückziehe, wo ich weiternippe, an meinem Kaninchen nage und mir sogar einen meiner kostbaren Kräcker genehmige. Als die Hymne ertönt, geht es mir merklich besser. Keine Gesichter heute Abend, keine toten Tribute heute. Morgen werde ich hierbleiben, ausruhen, den Rucksack mit Schlamm tarnen, ein paar von den kleinen Fischen fangen, die ich beim Trinken gesehen habe, die Wurzeln der Seerosen ausgraben und eine schöne Mahlzeit zubereiten. Ich kuschele mich in meinen Schlafsack und klammere mich an meine Wasserflasche, als hinge mein Leben daran - und so ist es ja auch.

Ein paar Stunden später reißt mich lärmendes Getrampel aus dem Schlaf. Fassungslos schaue ich mich um. Es dämmert noch nicht, aber meine scharfen Augen können es sehen.

Wäre auch kaum möglich, die Feuerwand zu übersehen, die da auf mich zugerollt kommt.

13

Mein erster Impuls ist, von meinem Baum hinunterzuklettern, aber ich bin ja festgeschnallt. Irgendwie schaffen meine Finger es, die Schnalle zu lösen, und ich falle mitsamt Schlafsack zu Boden. Zum Packen bleibt keine Zeit. Zum Glück sind Rucksack und Wasserflasche schon im Schlafsack. Ich packe den Gürtel ein, lade meinen Krempel auf die Schulter und ergreife die Flucht.

Die Welt hat sich in Flammen und Rauch verwandelt. Brennende Äste brechen von den Bäumen ab und fallen mir in einem Funkenregen vor die Füße. Mir bleibt nur, den anderen zu folgen, die durch den Wald davonjagen: Kaninchen und Rehe und sogar ein Rudel wilder Hunde. Ich vertraue ihrem Orientierungssinn, sie haben den besseren Instinkt. Aber sie sind auch viel schneller und fliegen anmutig durchs Unterholz, während meine Füße an Wurzeln und heruntergefallenen Ästen hängen bleiben. Ich habe keine Chance, mit den Tieren Schritt zu halten.

Die Hitze ist grauenhaft, aber noch schlimmer als die Hitze ist der Qualm, der mich jeden Augenblick zu ersticken droht. Ich ziehe mein T-Shirt hoch bis über die Nase, zum Glück ist es verschwitzt und bietet einen dünnen Schutz. Und ich renne schwer atmend weiter, während der Schlafsack gegen meinen Rücken schlägt und mein Gesicht von Asten zerkratzt wird, die ohne Vorwarnung aus dem grauen Dunst auftauchen, denn mir bleibt keine andere Wahl, als zu rennen.

Das hier ist nicht das Lagerfeuer eines Tributs, das außer Kontrolle geraten ist, kein Zufall. Die näher kommenden Flammen sind von unnatürlicher Höhe und Gleichförmigkeit, und das verrät, dass sie menschengemacht sind, maschinengemacht, von den Spielmachern gemacht. War wohl zu ruhig heute. Keine Todesfälle, vielleicht nicht mal ein Kampf. Den Zuschauern im Kapitol könnte langweilig werden, sie könnten auf die Idee kommen, diese Spiele seien fad. Und das dürfen die Spiele auf gar keinen Fall werden.

Es ist nicht schwer zu erkennen, worauf die Spielmacher abzielen. Auf der einen Seite ist da die Meute der Karrieretribute, auf der anderen Seite sind wir Übrigen, über die ganze Arena verteilte Einzelkämpfer. Dieses Feuer soll uns herausspülen und zusammenfuhren. Es ist vielleicht nicht die originellste Erfindung, die ich je gesehen habe, aber sie ist sehr, sehr wirkungsvoll.

Ich springe über einen brennenden Stamm. Nicht hoch genug. Ein Zipfel meiner Jacke fängt Feuer und ich muss anhalten, sie mir vom Leib reißen und die Flammen austreten. Ich wage nicht, die verbrannte und noch schwelende Jacke zurückzulassen, sondern stopfe sie trotz des Risikos in meinen Schlafsack. Ich kann nur hoffen, dass der Sauerstoffmangel die Glut, die vielleicht noch nicht ganz gelöscht ist, erstickt. Was ich auf dem Rücken trage, ist alles, was ich habe, und es ist wenig genug, um zu überleben.

Innerhalb weniger Minuten sind meine Kehle und meine Nase glühend heiß. Gleich darauf muss ich husten und meine Lunge fühlt sich an wie gekocht. Was bisher nur unangenehm war, ist jetzt die reinste Qual und jeder Atemzug jagt einen sengenden Schmerz durch meine Brust. Ich kann mich gerade noch unter einen Steinvorsprung flüchten, als ich mich übergeben muss und mein karges Abendbrot und das Wasser verliere, das noch in meinem Magen war. Auf Händen und Knien würge ich, bis nichts mehr da ist, das ich erbrechen könnte.

Mir ist klar, dass ich weitermuss, aber ich zittere, mir ist schwindlig und ich schnappe nach Luft. Ich genehmige mir einen Löffel voll Wasser, um meinen Mund auszuspülen und auszuspucken, dann nehme ich ein paar Schlucke aus der Flasche. Du hast eine Minute, sage ich mir. Eine Minute zum Ausruhen. Ich nutze die Zeit, um meine Vorräte in Ordnung zu bringen, rolle den Schlafsack zusammen und stopfe alles irgendwie in den Rucksack. Die Minute ist um. Ich weiß, dass ich jetzt weitermuss, aber der Rauch hat meine Gedanken benebelt. Die leichtfüßigen Tiere, die mir die Richtung gewiesen haben, haben mich abgehängt. In diesem Teil des Waldes bin ich noch nicht gewesen, bisher gab es keine nennenswerten Felsen wie den, hinter dem ich jetzt Schutz suche. Wohin wollen mich die Spielmacher lenken? Zurück zum See? Zu einem ganz neuen Terrain voller neuer Gefahren? Ich hatte an meinem Teich gerade ein paar Stunden Ruhe gefunden, als die Attacke begann. Gäbe es eine Möglichkeit, parallel zum Feuer zu laufen und den Weg zurück zu finden, dorthin oder zu irgendeiner anderen Wasserquelle? Die Feuerwand muss irgendwo zu Ende sein und sie wird nicht unendlich lange brennen. Nicht weil die Spielmacher sie nicht weiter anheizen könnten, sondern weil es dann schon wieder heißen könnte, die Spiele seien langweilig. Wenn ich hinter die Feuerlinie gelangen könnte, würde ich den Karrieretributen nicht über den Weg laufen. Ich habe mich gerade entschlossen, es zu versuchen und das Feuer zu umgehen, auch wenn das viele Kilometer Umweg in einem weiten Bogen zurück bedeutet, als einen halben Meter von meinem Kopf entfernt der erste Feuerball in den Fels einschlägt. Ich springe unter meinem Vorsprung hervor, angetrieben von neuer Angst.

Das Spiel hat eine überraschende Wendung genommen. Das Feuer war nur dazu da, uns aufzuscheuchen, jetzt soll den Zuschauern richtig etwas geboten werden. Als ich das nächste Zischen höre, verschwende ich keine Zeit damit, mich umzuschauen, ich werfe mich einfach flach auf den Boden. Der Feuerball trifft einen Baum zu meiner Linken und setzt ihn in Flammen. Wenn ich mich jetzt nicht bewege, bin ich tot. Ich bin kaum wieder auf den Füßen, als ein dritter Feuerball an der Stelle aufkommt, wo ich eben noch gelegen habe, und hinter mir eine Feuersäule emporschlagen lässt. Die Zeit hat jetzt keine Bedeutung mehr, ich versuche nur noch verzweifelt, den Angriffen auszuweichen. Ich kann nicht erkennen, woher sie kommen, aber ein Hovercraft ist es nicht. Dafür sind die Winkel nicht steil genug. Wahrscheinlich haben sie den ganzen Waldabschnitt mit Präzisionsgeschützen bestückt, die in Bäumen oder Felsen versteckt sind. Irgendwo in einem kühlen, makellosen Raum sitzt ein Spielmacher vor einer Kontrollkonsole und spielt an den Knöpfen, die mein Leben binnen einer Sekunde beenden könnten. Ein Volltreffer genügt.