Der unbestimmte Plan, zu meinem Teich zurückzukehren, wird buchstäblich weggefegt, während ich Haken schlage, wegtauche und springe, um den Feuerbällen auszuweichen. Sie sind nicht größer als Äpfel, aber beim Aufprall setzen sie enorme Kräfte frei. Meine Sinne sind aufs Äußerste geschärft, denn jetzt geht es nur noch ums blanke Überleben. Keine Zeit, darüber nachzudenken, ob eine Bewegung richtig ist. Sobald es zischt, heißt es handeln oder sterben.
Etwas treibt mich allerdings vorwärts. Von den vielen Hungerspielen, bei denen ich im Lauf der Zeit zugeschaut habe, weiß ich, dass bestimmte Bereiche der Arena für bestimmte Attacken präpariert sind. Wenn es mir gelingt, aus diesem Abschnitt zu entkommen, kann ich es außer Reichweite der Geschütze schaffen. Vielleicht lande ich dann geradewegs in einer Schlangengrube, aber darüber kann ich mir jetzt keine Gedanken machen.
Wie lange ich herumrenne und den Feuerbällen ausweiche, weiß ich nicht, doch irgendwann lässt der Angriff nach. Und das ist gut, denn ich muss mich schon wieder übergeben. Diesmal verbrennt mir eine ätzende Substanz die Kehle und gelangt in meine Nase. Von Krämpfen geschüttelt, muss ich stehen bleiben, während mein Körper versucht, die Giftstoffe loszuwerden, die ich während der Attacke geschluckt habe. Ich warte auf das nächste Zischen, das Signal zum Wegrennen. Es kommt nicht. Die Anstrengung beim Würgen hat mir Tränen in die brennenden Augen getrieben. Meine Kleider sind schweißnass. Durch den Gestank von Qualm und Erbrochenem hindurch nehme ich den Geruch von versengtem Haar wahr. Ich taste mit einer Hand nach meinem Zopf und stelle fest, dass ein Feuerball mindestens fünfzehn Zentimeter davon versengt hat.
Verkohlte Haarsträhnen zerbröseln zwischen meinen Fingern. Fasziniert von der Verwandlung, starre ich darauf, als ich das Zischen wieder höre.
Ich reagiere, aber diesmal nicht schnell genug. Der Feuerball streift meine rechte Wade und schlägt neben mir im Boden ein. Beim Anblick meines brennenden Hosenbeins raste ich völlig aus. Ich winde mich auf Händen und Füßen, krabble rückwärts, versuche kreischend, dem Horror zu entkommen. Als ich wieder halbwegs bei Verstand bin, wälze ich das Bein auf dem Boden hin und her und ersticke die Flammen. Ohne nachzudenken, reiße ich mit bloßen Händen den Rest des glimmenden Stoffs ab.
Ich sitze auf dem Boden, ein paar Meter von der Stichflamme entfernt, die der Feuerball ausgelöst hat. In der Wade spüre ich einen brüllenden Schmerz, meine Hände sind mit roten Quaddeln übersät. Ich zittere so sehr, dass ich mich nicht bewegen kann. Falls die Spielmacher mich erledigen wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt.
Ich höre wieder Cinnas Stimme, die Bilder von üppigen Stoffen und funkelnden Edelsteinen hervorruft: »Katniss - das Mädchen, das in Flammen stand.« Darüber lachen die Spielmacher in diesem Augenblick bestimmt herzlich. Vielleicht haben Cinnas wunderschöne Kostüme sie überhaupt erst auf die Idee dieser besonderen Folter für mich gebracht. Das konnte er nicht vorhersehen und bestimmt tut es ihm weh, denn ich glaube, dass er mich wirklich gern hat. Trotzdem, vielleicht wäre es sicherer gewesen, wenn ich mich splitternackt auf dem Wagen präsentiert hätte.
Die Attacke ist vorbei. Die Spielmacher wollen nicht, dass ich sterbe. Jedenfalls noch nicht jetzt. Jeder weiß, dass sie uns nach dem Eröffnungsgong in wenigen Sekunden töten könnten. Aber der eigentliche Spaß bei den Hungerspielen liegt darin, zuzuschauen, wie sich die Tribute gegenseitig umbringen. Ab und zu töten sie einen Tribut, um die anderen daran zu erinnern, dass sie es können. Doch meistens bringen sie uns dazu, einander Auge in Auge gegenüberzustehen. Wenn ich jetzt nicht mehr beschossen werde, heißt das also, dass zumindest ein anderer Tribut ganz in der Nähe ist.
Wenn ich könnte, würde ich auf einem Baum Deckung suchen, aber der Rauch ist noch immer dicht genug, um mich zu töten. Ich raffe mich auf und schleppe mich von der Feuerwand weg, die den Himmel erleuchtet. Sie scheint mich nicht mehr zu verfolgen, abgesehen von den stinkenden schwarzen Wolken.
Langsam erscheint ein anderes Licht, Tageslicht. Rauchwirbel fangen die Sonnenstrahlen ein. Die Sicht ist schlecht, vielleicht fünfzehn Meter in jede Richtung. Es wäre ein Leichtes für einen Tribut, sich hier vor mir zu verstecken. Eigentlich müsste ich mein Messer ziehen, aber ich bezweifele, dass ich imstande wäre, es lange zu halten. Der Schmerz in meinen Händen ist jedoch kein Vergleich zu dem in meiner Wade. Ich hasse Verbrennungen, habe sie schon immer gehasst, selbst die kleinen, die man sich einhandelt, wenn man ein Brot aus dem Backofen holt. Es war schon immer der schlimmste Schmerz für mich, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.
Ich bin so erschöpft, dass ich den Tümpel erst bemerke, als ich knöcheltief darin stehe. Er wird von einer Quelle gespeist, die einer Felsspalte entspringt, und ist herrlich kühl. Ich tauche die Hände in das seichte Wasser und verspüre sofort Linderung. Hat meine Mutter das nicht auch immer gesagt? Dass kaltes Wasser das beste Mittel bei Verbrennungen ist? Weil es die Hitze herauszieht? Allerdings meinte sie kleinere Verbrennungen und würde das wohl bei meinen Händen empfehlen. Aber was ist mit der Wade? Obwohl ich noch nicht den Mut hatte, sie mir anzuschauen, vermute ich, dass diese Wunde von ganz anderem Kaliber ist.
Eine Weile liege ich auf dem Bauch am Rand des Tümpels, lasse meine Hände im Wasser baumeln, betrachte die kleinen Flammen auf meinen Fingernägeln, die langsam abbröckeln. Gut so. Feuer habe ich für dieses Leben genug gehabt.
Ich wasche Blut und Asche von meinem Gesicht. Dann versuche ich mir alles in Erinnerung zu rufen, was ich über Verbrennungen weiß. Im Saum kommen sie häufig vor, schließlich kochen und heizen wir mit Kohle. Dazu noch die Minenunfälle … Einmal kam eine Familie mit einem bewusstlosen jungen Mann zu uns und flehte meine Mutter an, ihm zu helfen. Der Distriktarzt, der für die Behandlung der Minenarbeiter zuständig war, hatte ihn aufgegeben und der Familie gesagt, sie solle ihn zum Sterben mit nach Hause nehmen. Aber sie wollten sich nicht damit abfinden. Nun lag er also bewusstlos auf unserem Küchentisch. Ich erhaschte einen Blick auf die klaffende Wunde am Oberschenkel, verkohltes Fleisch, bis auf den Knochen verbrannt, dann rannte ich aus dem Haus. Ich lief in den Wald und jagte den ganzen Tag, verfolgt von dem grauenhaften Bein, Erinnerungen an den Tod meines Vaters. Komischerweise blieb Prim, die normalerweise vor ihrem eigenen Schatten davonläuft, da und half. Zum Heiler wird man geboren, nicht gemacht, sagt meine Mutter. Sie taten ihr Bestes, doch der junge Mann starb, wie der Arzt gesagt hatte.
Mein Bein müsste behandelt werden, aber ich kann immer noch nicht hinsehen. Wenn es nun so schlimm ist wie bei dem Mann und ich den Knochen sehe? Dann fällt mir ein, dass meine Mutter einmal gesagt hat, bei sehr schlimmen Verbrennungen empfinde man häufig gar keinen Schmerz, weil die Nerven zerstört seien. Dadurch ermutigt, setze ich mich auf und schwinge das Bein nach vorn.
Beim Anblick meiner Wade kippe ich fast um. Das Fleisch ist leuchtend rot und mit Brandblasen übersät. Ich zwinge mich, tief und langsam zu atmen, denn ich bin mir fast sicher, dass die Kameras auf mein Gesicht halten. Ich darf bei dieser Verletzung keine Schwäche zeigen. Nicht, wenn ich Hilfe will. Mitleid bringt einem keine Hilfe. Bewunderung, weil man nicht aufgibt, das bringt Hilfe. Ich schneide die Reste des Hosenbeins auf Höhe des Knies ab und untersuche die Wunde genauer. Die verbrannte Stelle ist etwa handtellergroß. Nirgendwo ist die Haut schwarz. Kann nicht schaden, die Wunde ins Wasser zu halten, überlege ich. Vorsichtig strecke ich das Bein in den Tümpel, wobei ich den Fuß auf einem Stein ablege, damit das Leder des Stiefels nicht so sehr durchweicht. Ich seufze, denn es bringt ein wenig Linderung. Ich weiß, dass es Kräuter gibt, die den Heilungsprozess beschleunigen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, welche es waren. Wahrscheinlich werde ich es mit Wasser und Zeit schaffen müssen.