Soll ich weitergehen? Der Rauch verzieht sich langsam, ist allerdings immer noch so dicht, dass er gefährlich sein könnte. Aber wenn ich mich weiter vom Feuer entferne, werde ich dann nicht geradewegs den Karrieros vor die Waffen laufen? Abgesehen davon meldet sich jedes Mal, wenn ich das Bein aus dem Wasser hebe, der Schmerz so heftig zurück, dass ich es wieder hineingleiten lassen muss. Meinen Händen geht es besser. Sie ertragen es, wenn ich sie kurz aus dem Tümpel ziehe. So kann ich langsam mein Gepäck ordnen. Zunächst fülle ich meine Flasche mit Wasser aus dem Tümpel, präpariere es, und als genug Zeit vergangen ist, beginne ich meinem Körper wieder Wasser zuzuführen. Nach einer Weile zwinge ich mich, an einem Kräcker zu knabbern, was meinen Magen wieder in Ordnung bringt. Ich rolle den Schlafsack auseinander. Bis auf ein paar schwarze Flecken ist er einigermaßen unversehrt. Die Jacke hat mehr abbekommen. Sie stinkt und ist versengt und eine mindestens dreißig Zentimeter lange Stelle am Rücken ist nicht mehr zu reparieren. Ich schneide die zerstörte Stelle heraus, sodass mir die Jacke nur mehr bis über die Rippen reicht. Dafür ist die Kapuze noch intakt und das ist eindeutig besser als nichts.
Trotz des Schmerzes gewinnt die Müdigkeit die Oberhand. Ich würde gern zu einem Baum gehen und ausruhen, nur dass ich da zu leicht zu entdecken wäre. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, den Tümpel zu verlassen. Ich lege meine Sachen ordentlich zurecht, setze mir sogar den Rucksack auf, aber wie es aussieht, kann ich nicht fort. Ich entdecke Wasserpflanzen mit essbaren Wurzeln und bereite mit dem letzten Stück Kaninchen eine kleine Mahlzeit. Trinke Wasser in kleinen Schlucken. Betrachte die Sonne, die in langsamem Bogen über den Himmel wandert. Wo sollte ich auch hin, wo wäre ich sicherer als hier? Ich lehne mich gegen den Rucksack, überwältigt von der Müdigkeit. Sollen die Karrieros mich doch finden, wenn sie wollen, denke ich, bevor ich mich in eine Starre gleiten lasse. Sollen sie mich doch finden.
Und sie finden mich tatsächlich. Zum Glück bin ich schon abmarschbereit, denn als ich die Schritte höre, habe ich weniger als eine Minute Vorsprung. Der Abend dämmert bereits. Ich bin kaum wach, da bin ich auch schon auf den Beinen, renne quer durch den Tümpel und flüchte ins Unterholz. Das Bein behindert mich, aber ich merke, dass meine Verfolger auch nicht mehr so schnell sind wie vor dem Feuer. Ich höre sie husten und einander mit kratzigen Stimmen rufen.
Trotzdem kommen sie näher, wie eine Meute wilder Hunde, und deshalb tue ich das, was ich in solchen Situationen immer schon getan habe. Ich suche mir einen hohen Baum und beginne hinaufzuklettern. Rennen ist schon schmerzhaft, aber Klettern ist eine Qual, denn es erfordert nicht nur Kraft, sondern auch den direkten Kontakt meiner Hände mit der Baumrinde. Aber ich bin schnell, und als sie meinen Baum erreichen, bin ich schon gut sechs Meter über ihnen. Einen Augenblick halten wir inne und mustern einander. Hoffentlich können sie mein Herzklopfen nicht hören.
Das könnte es gewesen sein, denke ich. Welche Chance habe ich gegen sie? Alle sechs sind da, die fünf Karrieros und Peeta, und mein einziger Trost ist, dass sie auch ziemlich mitgenommen aussehen. Trotzdem, da sind ja noch ihre Waffen. Und ihre Gesichter, wie sie mich angrinsen und die Zähne fletschen, über sich die sichere Beute. Es scheint hoffnungslos. Doch dann wird mir etwas bewusst. Sie sind vielleicht größer und stärker als ich, aber sie sind auch schwerer. Es hatte seinen Grund, dass immer ich und nicht Gale die höchsten Früchte gepflückt und die entlegensten Vogelnester ausgeräubert habe. Ich wiege mindestens fünfundzwanzig, dreißig Kilo weniger als die leichtesten der Karrieros.
Jetzt lächele ich. »Wie geht’s denn so?«, rufe ich fröhlich hinunter.
Das verblüfft sie, aber ich weiß, dass die Zuschauer begeistert sein werden.
»Ganz gut«, sagt der Junge aus Distrikt 2. »Und selbst?«
»War ein bisschen warm für meinen Geschmack«, sage ich. Ich kann das Gelächter vom Kapitol fast hören. »Hier oben ist die Luft besser. Warum kommt ihr nicht hoch?«
»Kannst du haben«, sagt der Junge.
»Nimm das hier, Cato«, sagt das Mädchen aus Distrikt 1 und reicht ihm den silbernen Bogen samt Köcher. Mein Bogen! Meine Pfeile! Allein der Anblick macht mich so wütend, dass ich schreien könnte; ich ärgere mich über mich selbst und diesen Verräter von Peeta, weil er mich davon abgehalten hat, sie zu bekommen. Ich versuche, Blickkontakt zu ihm herzustellen, aber er schaut mich absichtlich nicht an, während er sein Messer am Hemdsaum abputzt.
»Nein«, sagt Cato und schiebt den Bogen weg. »Mit dem Schwert geht’s besser.« Ich kann die Waffe sehen, eine kurze, schwere Klinge an seinem Gürtel.
Ich warte ab, bis Cato sich in den Baum gezogen hat, und klettere dann weiter hinauf. Gale sagt immer, die Art, wie ich noch die dünnsten Äste emporhusche, erinnere ihn an ein Eichhörnchen. Zum Teil liegt es daran, dass ich so leicht bin, zum Teil ist es Übung. Man muss wissen, wohin man Hände und Füße setzt. Ich bin noch einmal fünf Meter höher, als ich ein Knacken höre und nach unten schaue. Cato rudert wild mit den Armen und kracht mitsamt dem Ast herunter. Als er aufschlägt, hoffe ich, dass er sich das Genick gebrochen hat, aber er steht schon wieder auf den Füßen und flucht wie der Teufel.
Das Mädchen mit den Pfeilen, Glimmer nennen sie sie - in Distrikt 1 geben sie ihren Kindern wirklich lächerliche Namen -, diese Glimmer also versucht jetzt ihr Glück, doch als die Äste auch unter ihrem Gewicht brechen, ist sie so schlau, es aufzugeben. Ich befinde mich gut zwanzig Meter über dem Boden. Nun will sie mich abschießen, aber man merkt sofort, dass sie nicht mit dem Bogen umgehen kann. Einer der Pfeile bleibt nicht weit von mir im Baum stecken und ich ziehe ihn heraus. Herausfordernd schwenke ich ihn über ihrem Kopf, als wäre das der einzige Grund, weshalb ich ihn mir geschnappt habe. Dabei bin ich entschlossen, ihn zu benutzen, falls sich die Gelegenheit bietet. Hätte ich diese silbernen Waffen in meinen Händen, ich könnte sie alle töten, einen nach dem anderen.
Die Karrieros scharen sich unten zusammen. Ich kann hören, wie sie verschwörerisch miteinander tuscheln. Sie sind wütend darüber, dass ich sie wie Deppen dastehen lasse. Aber die Dämmerung bricht schon herein und damit bleibt ihnen keine Zeit für weitere Attacken. Schließlich höre ich Peeta barsch sagen: »Ach, lasst sie einfach da oben. Sie kann ja nirgendwohin. Wir nehmen sie uns morgen vor.«
Wo er recht hat, hat er recht. Ich kann nirgendwohin. Die Linderung, die das Wasser mir verschafft hat, ist vorüber und ich spüre die Verbrennungen jetzt mit voller Wucht. Ich lasse mich in eine Astgabel hinabrutschen und treffe schwerfällig die Vorbereitungen zum Schlafen. Ziehe die Jacke an. Rolle den Schlafsack aus. Schnalle mich mit dem Gürtel an und versuche, nicht zu stöhnen. Die Hitze im Schlafsack ist zu viel für mein Bein. Ich schneide einen Schlitz in den Stoff und lasse die Wade heraushängen. Träufele Wasser auf die Wunde, auf meine Hände.
Das war’s mit meiner Tapferkeit. Ich bin geschwächt von Schmerz und Hunger, trotzdem kann ich mich nicht dazu aufraffen, etwas zu essen. Selbst wenn ich die Nacht überstehe, was wird der Morgen bringen? Ich starre ins Blattwerk und versuche, mich zum Ausruhen zu zwingen, aber die Brandwunden verhindern es. Vögel lassen sich für die Nacht nieder, singen ihren Jungen Schlaflieder vor. Die Geschöpfe der Nacht kommen heraus. Eine Eule ruft. Der Geruch eines Stinktiers dringt undeutlich durch den Qualm. Vom Nachbarbaum starren mich die Augen eines Tiers an, eines Opossums vielleicht, in denen sich der Schein von den Fackeln der Karrieros fängt. Plötzlich stütze ich mich auf den Ellbogen. Das sind nicht die Augen eines Opossums, dazu kenne ich ihren glasigen Widerschein zu gut. Die Augen gehören überhaupt nicht zu einem Tier. Im letzten Dämmerlicht erkenne ich sie, wie sie mich still durch das Geäst hindurch ansieht.