Aber es ist zu spät, um wegzurennen. Ich ziehe einen der glitschigen Pfeile aus dem Köcher und versuche ihn in die Sehne einzulegen, aber statt einer Sehne sehe ich drei und der Gestank aus den Stichen ist so widerwärtig, dass ich es nicht schaffe. Ich schaff’s nicht. Ich schaff’s nicht.
Hilflos hocke ich da, als der erste Jäger durch die Bäume bricht, mit erhobenem Speer, wurfbereit. Der Schock auf Peetas Gesicht ist mir unerklärlich. Ich warte auf den Wurf. Aber er lässt den Arm sinken.
»Was machst du denn noch hier?«, faucht er mich an. Verständnislos starre ich ihn an, während Wasser von einem Stich unter seinem Ohr tropft. Sein ganzer Körper glitzert, als hätte er in Tau gebadet. »Bist du wahnsinnig?« Jetzt stößt er mich mit dem Schaft des Speers an. »Steh auf. Steh auf!« Ich erhebe mich, aber er stößt mich immer noch. Was ist? Was ist los? Er stößt mich unsanft weg. »Renn!«, schreit er. »Renn!«
Hinter ihm bricht sich Cato einen Weg durchs Gebüsch. Er ist ebenfalls tropfnass und hat einen üblen Stich unter dem Auge. Ich sehe sein Schwert im Sonnenlicht aufblitzen und tue, was Peeta gesagt hat. Halte Bogen und Köcher fest umklammert und renne los, pralle gegen Bäume, die aus dem Nichts auftauchen, stolpere und falle, während ich versuche, das Gleichgewicht zu halten. An meinem Tümpel vorbei und in unbekannte Wälder.
Die Welt beginnt sich auf alarmierende Weise zu krümmen. Ein Schmetterling bläht sich auf, bis er so groß ist wie ein Haus, und zerplatzt in eine Million Sterne. Bäume verwandeln sich in Blut und spritzen über meine Stiefel. Ameisen kriechen aus den Blasen an meinen Händen und lassen sich nicht abschütteln. Sie krabbeln an meinen Armen hoch, an meinem Hals. Jemand schreit, ein langer, schriller Schrei, ohne Atempause. Verschwommen denke ich, dass er von mir stammen könnte. Ich taumele und falle in eine kleine Grube mit winzigen orangefarbenen Blasen, die summen wie das Jägerwespennest. Ich ziehe die Knie ans Kinn und warte auf den Tod.
Elend und orientierungslos kann ich nur an eins denken: Peeta Mellark hat mir das Leben gerettet.
Dann bohren sich die Ameisen in meine Augen und ich verliere das Bewusstsein.
15
Ich versinke in einem Albtraum und jedes Mal, wenn ich daraus erwache, stelle ich fest, dass noch größerer Schrecken mich erwartet. Alles, wovor ich mich am meisten fürchte, und alles, was ich am meisten für andere fürchte, erscheint mir so detailgetreu vor Augen, dass ich überzeugt bin, es wäre Wirklichkeit. Jedes Mal, wenn ich aufwache, denke ich: Endlich ist es vorbei, aber es ist nicht vorbei. Es ist nur der Anfang eines neuen Kapitels der Tortur. Auf wie viele Arten sehe ich Prim sterben, durchlebe ich die letzten Sekunden meines Vaters wieder, spüre ich, wie mein Körper auseinandergerissen wird? Das ist die Natur des Jägerwespengifts; es wurde systematisch immer weiter gezüchtet, bis es genau an der Stelle im Gehirn wirkte, wo die Angst sitzt.
Als ich schließlich wieder zu mir komme, liege ich nur still da und warte auf den nächsten Ansturm der Bilder. Aber irgendwann wird mir klar, dass das Gift endlich meinen Körper verlassen und ihn als kraftloses Wrack zurückgelassen hat. Ich liege immer noch so da wie vorher, zusammengekauert wie ein Baby im Mutterleib. Ich taste nach meinen Augen und stelle fest, dass sie unversehrt sind, es hat keine Ameisen gegeben. Allein der Versuch, meine Glieder zu strecken, kostet mich enorme Anstrengung. So viele Stellen meines Körpers schmerzen, dass ich sie mir gar nicht einzeln ansehe. Ganz, ganz langsam schaffe ich es, mich aufzusetzen. Ich befinde mich in einer flachen Grube, die keineswegs mit summenden orangefarbenen Blasen gefüllt ist, wie ich sie in meinem Wahn gesehen habe, sondern mit alten, vertrockneten Blättern. Meine Kleidung ist klamm, aber ich weiß nicht, ob von Tümpelwasser, Tau, Regen oder Schweiß. Lange Zeit kann ich nichts tun, als kleine Schlucke aus meiner Flasche zu trinken und einem Käfer zuzuschauen, der seitlich an einem Heckenkirschenstrauch emporkrabbelt.
Wie lange war ich bewusstlos? Als ich den Verstand verloren habe, war es Morgen. Jetzt ist es Nachmittag. Aber die Steifheit in meinen Gelenken legt nahe, dass mehr als ein Tag vergangen ist, vielleicht sogar zwei. Wenn dem so ist, dann habe ich keinen Überblick, welche Tribute den Angriff der Jägerwespen überlebt haben. Glimmer und das Mädchen aus Distrikt 4 jedenfalls nicht. Aber da waren ja noch der Junge aus Distrikt 1, die beiden Tribute aus Distrikt 2 und Peeta. Sind sie an den Stichen gestorben? Falls sie überlebt haben, müssen die letzten Tage für sie genauso grauenvoll gewesen sein wie für mich. Und was ist mit Rue? Sie ist so klein, es brauchte nicht viel Gift, um sie zu töten. Andererseits … Sie hatte einen ordentlichen Vorsprung, die Jägerwespen hätten sie erst einmal einholen müssen.
Ein widerwärtiger, fauliger Geschmack erfüllt meinen Mund und das Wasser kann ihn kaum vertreiben. Ich schleppe mich zu der Heckenkirsche und pflücke eine Blüte. Vorsichtig ziehe ich die Staubblätter hervor und lasse mir den Nektartropfen auf die Zunge fallen. Die Süße verbreitet sich im Mund, läuft die Kehle hinunter und wärmt meine Adern mit Erinnerungen an den Sommer, an meinen Heimatwald und an Gale, der neben mir sitzt. Aus irgendeinem Grund muss ich an unser Gespräch an jenem letzten Morgen denken.
»Wir könnten es tun, weißt du.«
»Was?«
»Den Distrikt verlassen. Davonlaufen. Im Wald leben. Wir beide könnten es schaffen, du und ich zusammen.«
Plötzlich denke ich nicht mehr an Gale, sondern an Peeta und … Peeta! Er hat mir das Leben gerettet!, denke ich. Bei unserer letzten Begegnung hätte ich nicht sagen können, was Wirklichkeit war und was Halluzination. Aber wenn er mir das Leben gerettet hat, und mein Gefühl sagt mir, dass es so war, dann frage ich mich, warum. Zieht er einfach die Loverboy-Geschichte durch, mit der er im Interview begonnen hat? Oder wollte er mich wirklich beschützen? Und wenn ja, warum hat er sich dann zuerst mit den Karrieretributen zusammengetan? Das ist völlig unlogisch.
Kurz überlege ich, was Gale wohl von alldem halten mag, aber dann schiebe ich das von mir fort. Aus irgendeinem Grund ist für Gale und Peeta in meinen Gedanken nicht gleichzeitig Platz.
Lieber konzentriere ich mich auf das einzig Positive, das passiert ist, seit ich in der Arena gelandet bin. Ich habe Pfeil und Bogen! Ein volles Dutzend Pfeile, wenn man den einen, den ich aus dem Baumstamm gezogen habe, mitzählt. Nirgends ist eine Spur von dem widerlichen grünen Schleim zu sehen, der aus Glimmers Körper quoll, weshalb ich annehme, dass diese Erinnerung nicht der Wirklichkeit entspricht. Dafür findet sich jede Menge getrocknetes Blut an den Pfeilen. Sauber machen kann ich sie später, erst einmal schieße ich für eine Weile Pfeile in einen Baumstamm in der Nähe. Sie ähneln mehr den Waffen im Trainingscenter als denen zu Hause, aber was soll’s? Ich komme schon damit zurecht.
Die Waffen verändern meine Einstellung gegenüber den Spielen völlig. Ich weiß, dass ich harte Gegner habe. Aber jetzt bin ich nicht mehr nur Beute, die davonrennt oder sich versteckt oder ihr Heil in Verzweiflungstaten sucht. Wenn Cato jetzt durchs Gebüsch herangestürzt käme, würde ich nicht fliehen. Ich würde schießen. Ich merke, dass ich mich auf diesen Augenblick regelrecht freue.
Aber erst einmal muss ich wieder zu Kräften kommen. Ich bin wieder kurz vorm Austrocknen und mein Wasservorrat ist gefährlich knapp. Das kleine Fettpolster, das ich mir in der Vorbereitungszeit im Kapitol zugelegt hatte, ist dahin und mit ihm noch ein paar weitere Pfunde. Ich glaube, meine Hüftknochen und Rippen stehen noch mehr hervor als in den schrecklichen Monaten nach dem Tod meines Vaters. Und dann sind da noch die lästigen Wunden - Verbrennungen, Schnittwunden und Blutergüsse von Zusammenstößen mit Bäumen, Jägerwespenstiche, die noch immer so entzündet und geschwollen sind wie vorher. Die Verbrennungen behandele ich mit der Salbe und trage auch ein bisschen davon auf die Stiche auf, doch die Wirkung ist gleich null. Meine Mutter kannte eine Behandlungsmethode, irgendein Kraut, das das Gift herauszog, aber sie musste es nur selten anwenden und ich erinnere mich nicht an den Namen, geschweige denn daran, wie es aussah.