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»Na, bisher hat er ja geholfen«, sage ich und stecke mir die Brosche wieder ans Hemd. »Dann bleib am besten dabei.«

Gegen Mittag haben wir einen Plan ausgearbeitet. Am frühen Nachmittag sind wir bereit, ihn in die Tat umzusetzen. Ich helfe Rue dabei, das Holz für die ersten beiden Lagerfeuer zu sammeln und aufzuschichten, das dritte kann sie allein schaffen. Wir beschließen, uns hinterher dort zu treffen, wo wir zum ersten Mal zusammen gegessen haben. Der Bach dürfte mir helfen, die Stelle wiederzufinden. Bevor ich aufbreche, stelle ich sicher, dass Rue ausreichend mit Essen und Streichhölzern versorgt ist. Ich bestehe sogar darauf, dass sie meinen Schlafsack nimmt, falls wir uns nicht vor Einbruch der Nacht wiedertreffen.

»Und was ist mit dir? Wirst du nicht frieren?«, fragt sie.

»Ich kann ja einen Schlafsack von den Karrieros mitgehen lassen. Stehlen ist hier nicht verboten«, sage ich grinsend.

In letzter Minute möchte Rue mir noch das Spotttölpelsignal beibringen, mit dem sie zu Hause den Feierabend einläutet. »Vielleicht funktioniert es nicht. Aber wenn du die Spotttölpel singen hörst, dann weißt du, dass mit mir alles in Ordnung ist und ich nur nicht sofort kommen kann.«

»Gibt es hier denn Spotttölpel?«, frage ich.

»Hast du sie nicht gesehen? Sie haben ihre Nester überall«, sagt sie. Ich muss zugeben, dass ich sie nicht bemerkt habe.

»Also dann. Wenn alles läuft wie geplant, sehen wir uns zum Abendessen wieder«, sage ich.

Ohne Vorwarnung schlingt Rue die Arme um mich. Ich zögere kurz, dann drücke ich sie auch.

»Sei vorsichtig«, ermahnt sie mich.

»Du auch«, sage ich, dann drehe ich mich um und gehe in Richtung Bach. Ich mache mir Sorgen. Dass Rue getötet werden könnte, dass Rue nicht getötet wird und wir beide als Letzte übrig bleiben, dass ich Rue allein lasse, dass ich Prim allein zu Hause gelassen habe. Nein, Prim hat meine Mutter und Gale und einen Bäcker, der versprochen hat, dass sie nicht hungern wird. Rue hat nur mich.

Ich folge dem Bach stromabwärts bis zu der Stelle, wo ich nach der Jägerwespenattacke losgegangen bin. Ich muss aufpassen, denn ich merke, dass meine Gedanken um lauter offene Fragen kreisen, von denen die meisten mit Peeta zu tun haben. Hat die Kanone, die heute früh abgefeuert wurde, seinen Tod verkündet? Und wenn ja, wie ist er gestorben? Durch die Hand eines Karrieros? Aus Rache, weil er mich am Leben gelassen hat? Ich versuche mich wieder an den Moment zu erinnern, als ich mich über Glimmers Körper beugte und Peeta zwischen den Bäumen auftauchte. Doch schon die Tatsache, dass er in meiner Erinnerung glitzert, lässt mich an dem Geschehenen zweifeln.

Ich kann gestern nur langsam vorangekommen sein, denn schon nach wenigen Stunden erreiche ich die flache Stelle, wo ich gebadet habe. Ich mache Rast, um meinen Wasservorrat aufzufüllen, und trage eine neue Schlammschicht auf meinen Rucksack auf. Wie oft ich das auch mache, er scheint unbedingt wieder orangefarben werden zu wollen.

Die Nähe zum Lager der Karrieros schärft meine Sinne, und je näher ich ihnen komme, desto mehr bin ich auf der Hut; ich bleibe häufig stehen und lausche auf ungewöhnliche Geräusche, während ich schon einen Pfeil in die Sehne eingelegt habe. Tribute sehe ich keine, aber mir fällt einiges auf, was Rue erwähnt hat. Stellen, an denen die süßen Beeren wachsen. Ein Strauch mit den Blättern, die meine Stiche geheilt haben. Haufenweise Jägerwespennester in der Nähe des Baums, auf dem ich gefangen saß. Und hier und da blitzt ein schwarz-weißer Spotttölpelflügel zwischen den Ästen hoch über mir auf.

Als ich zu dem Baum mit dem verlassenen Wespennest darunter komme, lege ich eine Pause ein, um Mut zu sammeln. Rue hat mir genau beschrieben, wie ich von hier aus zum besten Spähposten beim See komme. Denk dran, befehle ich mir. Jetzt bist du der Jäger, nicht sie. Ich fasse den Bogen fester und gehe weiter. Ich erreiche das Dickicht, das Rue erwähnt hat, und wieder muss ich ihre Klugheit bewundern. Das Dickicht befindet sich direkt am Waldrand, aber das buschartige Blattwerk ist bis zum Boden so dicht, dass ich das Lager der Karrieros mühelos beobachten kann, ohne selbst gesehen zu werden. Zwischen uns erstreckt sich die ebene Fläche, wo die Spiele begonnen haben.

Ich sehe vier Tribute. Den Jungen aus Distrikt 1, Cato und das Mädchen aus Distrikt 3 sowie einen dürren, aschfahlen Jungen. Das muss der Junge aus Distrikt 3 sein. Während unseres Aufenthalts im Kapitol hat er keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich kann mich an fast nichts erinnern, weder an sein Kostüm noch an seine Trainingsbewertung noch an sein Interview. Auch jetzt, wie er dasitzt und an einer Plastikdose herumfummelt, führt die Anwesenheit seiner großen, dominanten Gefährten dazu, dass man ihn fast übersieht. Aber irgendwas muss er doch gehabt haben, sonst hätten sie ihn bestimmt nicht am Leben gelassen. Doch wenn ich ihn so sehe, vergrößert das nur mein Unbehagen darüber, dass die Karrieros ihn als Wache einsetzen, dass sie ihm überhaupt erlauben, weiterzuleben.

Wie es aussieht, müssen sich die vier Tribute immer noch vom Angriff der Jägerwespen erholen. Selbst von meinem Versteck aus kann ich die geschwollenen Beulen an ihren Körpern sehen. Offenbar waren sie nicht so schlau, die Stacheln herauszuziehen, oder wenn, dann wussten sie nichts von den Blättern, mit denen man die Stiche heilen kann. Die Arzneien aus dem Füllhorn scheinen nicht geholfen zu haben.

Das Füllhorn steht noch immer an seinem Platz, aber es ist leer. Fast alle Vorräte in Kisten, Jutesäcken und Plastiktonnen sind fein säuberlich zu einer Pyramide aufgestapelt, die verdächtig weit vom Lager entfernt aufragt. Rings um die Pyramide liegen hier und da weitere Vorräte, fast als sollte die ursprüngliche Anordnung zu Beginn der Spiele, mit dem Füllhorn in der Mitte, kopiert werden. Die Pyramide selbst wird von einem Netz bedeckt, das aber höchstens Vögel fernhalten könnte.

Die ganze Anlage ist äußerst verwirrend. Die Entfernung zum Lager, das Netz und die Anwesenheit des Jungen aus Distrikt 3. Eins ist sicher: Diese Vorräte zu zerstören wird nicht so einfach, wie es aussieht. Irgendetwas stimmt da nicht und ich tue gut daran, in meinem Versteck zu bleiben, bis ich herausgefunden habe, was. Ich vermute, dass in der Pyramide eine Bombe oder so was versteckt ist. Ich male mir Fallgruben aus, herunterstürzende Netze, eine Schnur, die einen vergifteten Pfeil auslöst, wenn sie zerrissen wird. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.

Während ich die verschiedenen Alternativen abwäge, höre ich Cato rufen. Er deutet auf den Wald in der Ferne und ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Rue das erste Feuer angezündet hat. Wir haben extra viel grünes Holz gesammelt, damit man den Qualm auch schön sieht. Sofort greifen die Karrieros zu den Waffen.

Ein heftiger Streit bricht aus. Es geht darum, ob der Junge aus Distrikt 3 bleiben oder sie begleiten soll.

»Er kommt mit. Wir brauchen ihn im Wald und hier gibt es für ihn sowieso nichts mehr zu tun. An die Vorräte kommt keiner ran«, sagt Cato.

»Und was ist mit unserem Loverboy?«, fragt der Junge aus Distrikt 1.

»Den kannst du vergessen, habe ich dir doch gesagt. Ich weiß, wo ich ihn getroffen habe. Ein Wunder, dass er noch nicht verblutet ist. Jedenfalls ist er bestimmt nicht in der Verfassung, um uns zu überfallen«, sagt Cato.

Peeta liegt also schwer verletzt irgendwo draußen im Wald. Aber weshalb er die Karrieros verraten hat, weiß ich immer noch nicht.

»Vorwärts«, sagt Cato. Er drückt dem Jungen aus Distrikt 3 einen Speer in die Hand und sie machen sich auf den Weg zum Feuer. Das Letzte, was ich höre, als sie im Wald verschwinden, ist Catos Stimme: »Wenn wir sie finden, mache ich sie auf meine Weise kalt. Dass mir da keiner in die Quere kommt.«