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Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nicht Rue meint. Schließlich hat sie kein Jägerwespennest auf ihn herunterfallen lassen.

Eine halbe Stunde bleibe ich, wo ich bin, und überlege, wie ich mit den Vorräten verfahren soll. Mit Pfeil und Bogen habe ich den Vorteil, Entfernungen überwinden zu können. Ich könnte mühelos einen brennenden Pfeil in die Pyramide schießen - ich bin zielsicher genug, um durch eine der Öffnungen im Netz zu treffen -, aber es ist nicht gesagt, dass sie Feuer fangen würde. Wahrscheinlich würde nur der Pfeil selbst verbrennen, und was dann? Ich hätte nichts erreicht und zugleich zu viel über mich preisgegeben: dass ich hier war, dass ich eine Komplizin habe, dass ich gut mit Pfeil und Bogen umgehen kann.

Mir bleibt keine Wahl. Ich muss näher heran und herausfinden, wie die Vorräte genau geschützt sind. Ich will gerade meine Deckung verlassen, als ich eine Bewegung bemerke. Ein paar Hundert Meter rechts von mir sehe ich jemanden aus dem Wald kommen. Einen Augenblick lang denke ich, es ist Rue, aber dann erkenne ich Fuchsgesicht, die sich da auf die Ebene schleicht - sie ist es, die uns heute Morgen nicht mehr einfiel. Als sie beschließt, dass die Luft rein ist, rennt sie mit kleinen schnellen Schritten zu der Pyramide. Kurz bevor sie die Vorräte erreicht, die rings um die Pyramide verstreut liegen, bleibt sie stehen, untersucht den Boden und setzt den Fuß vorsichtig auf. Dann nähert sie sich der Pyramide mit einem merkwürdigen Tanz aus kleinen Hüpfern. Mal bleibt sie leicht schwankend auf einem Fuß stehen, mal riskiert sie ein paar Schritte hintereinander. Einmal springt sie hoch über ein kleines Fass und landet auf den Zehenspitzen. Aber sie hat sich ein bisschen verrechnet und der Schwung reißt sie nach vorn. Als ihre Hände den Boden berühren, stößt sie einen schrillen Schrei aus, doch nichts geschieht. Im Nu ist sie wieder auf den Beinen und macht weiter, bis sie den Haufen mit den Vorräten erreicht hat.

Ich hatte also recht mit der Sprengfalle, aber ganz offensichtlich ist die Sache komplexer, als ich dachte. Auch was das Mädchen betrifft, lag ich richtig. Wie gerissen muss sie sein, wenn sie diesen Pfad zu den Lebensmitteln entdeckt hat und in der Lage ist, ihm so geschickt zu folgen? Sie greift in verschiedene Behälter und beginnt ihren Rucksack zu füllen: Kräcker aus einer Kiste, ein paar Äpfel aus einem Jutesack, der an einem Seil neben einer Tonne herunterhängt. Aber immer nur eine Handvoll, damit nicht auffällt, dass etwas fehlt. Um keinen Verdacht zu erregen. Anschließend vollführt sie ihren kleinen Tanz zurück und huscht unversehrt wieder in den Wald.

Ich merke, wie ich wütend mit den Zähnen knirsche. Fuchsgesicht hat bestätigt, was ich mir schon gedacht hatte. Was für eine Falle ist das, die so viel Geschick erfordert? Die so viele Auslöser besitzt? Warum hat Fuchsgesicht so aufgeschrien, als ihre Hand den Boden berührte? Man hätte meinen können … Langsam dämmert es mir … Man hätte meinen können, der ganze Boden würde explodieren.

»Da sind Minen drin«, flüstere ich. Das erklärt alles. Warum die Karrieros ihre Vorräte unbewacht zurücklassen, warum sich Fuchsgesicht so verhalten hat, die Rolle des Jungen aus Distrikt 3, wo es Fabriken gibt, in denen Fernseher und Autos hergestellt werden und - Sprengstoff. Aber woher hat er die Minen? Aus dem Füllhorn kaum, denn derartige Waffen stellen die Spielmacher normalerweise nicht zur Verfügung. Sie sehen es lieber, wenn die Tribute selbst Hand anlegen. Ich verlasse mein Versteck zwischen den Sträuchern und husche zu einer der runden Metallplatten, die uns am ersten Tag in die Arena befördert haben. Der Boden rundherum ist aufgegraben und dann wieder festgestampft worden. Die Minen sind nach den sechzig Sekunden, die wir auf den Scheiben stehen bleiben mussten, deaktiviert worden, aber der Junge aus Distrikt 3 muss sie irgendwie wieder scharf gemacht haben. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand in den Spielen das getan hätte. Ich wette, das war auch für die Spielmacher ein Schock.

Hut ab vor dem Jungen aus Distrikt 3, weil er ihnen ein Schnippchen geschlagen hat, aber was soll ich jetzt machen? Ich kann mich nicht in dieses Gewirr begeben, ohne selbst in die Luft zu fliegen. Einen brennenden Pfeil hineinzuschießen ist lächerlicher denn je. Die Minen werden durch Kontakt ausgelöst. Der geringste Druck genügt. In einem Jahr hat ein Mädchen ihr Andenken, einen kleinen Holzball, fallen gelassen, während sie auf der Scheibe stand, und danach hat man ihre Überreste buchstäblich vom Boden aufkratzen müssen.

Mein Arm ist wieder so weit in Ordnung, dass ich vielleicht ein paar Steine in den Kreis werfen und etwas auslösen könnte, aber was? Eine Mine? Das könnte zu einer Kettenreaktion führen. Oder? Oder hat der Junge aus Distrikt 3 die Minen so platziert, dass sie sich nicht gegenseitig auslösen? Damit der Eindringling getötet wird, die Vorräte jedoch unversehrt bleiben. Außerdem würde eine Mine genügen, um mir die Karrieros todsicher wieder auf den Hals zu hetzen. Und überhaupt, was bilde ich mir eigentlich ein? Das Netz ist eindeutig dazu da, einen solchen Angriff abzuwehren. Abgesehen davon müsste ich mindestens dreißig Steine auf einmal in den Kreis werfen, um eine Kettenreaktion auszulösen, die alles zerstört.

Ich schaue zurück zum Wald. Der Rauch von Rues zweitem Feuer schwebt gen Himmel. Jetzt werden die Karrieros wahrscheinlich Verdacht schöpfen, dass es sich um einen Trick handelt. Die Zeit wird knapp.

Es gibt eine Lösung, ich weiß, dass es sie gibt, wenn ich nur ganz scharf nachdenke. Ich starre auf die Pyramide, die Tonne, die Kisten, die zu schwer sind, um sie mit einem Pfeil umzustürzen. Vielleicht enthält einer der Behälter Speiseöl und eine Zeit lang wälze ich wieder die Idee mit dem brennenden Pfeil, bis mir klar wird, dass ich auf diese Weise alle zwölf Pfeile verlieren könnte, ohne einen Treffer in einem Ölfass zu landen, denn ich müsste ja aufs Geratewohl schießen. Naiv überlege ich, ob ich einfach Fuchsgesichts Schritten folgen könnte, um an der Pyramide eine Lösung zu finden, wie sie sich zerstören ließe, als mein Blick an dem Sack Äpfel hängen bleibt. Das Seil könnte ich mit einem Schuss durchtrennen, habe ich nicht genau das im Trainingscenter getan? Der Sack ist zwar groß, aber vielleicht reicht er trotzdem nur für eine einzige Explosion. Wenn ich nur die Äpfel daraus befreien könnte …

Jetzt weiß ich, was zu tun ist. Ich gehe bis auf Schussweite heran und gestehe mir drei Pfeile für die Aufgabe zu. Sorgfältig überprüfe ich meinen Stand, vergesse den Rest der Welt und ziele so sorgfältig wie möglich. Der erste Pfeil trifft den Sack im oberen Teil und reißt seitlich einen Schlitz in den Stoff. Der zweite erweitert den Schlitz zu einem klaffenden Loch. Ich sehe einen Apfel herauskullern und schieße den dritten Pfeil ab, der den abgerissenen Stofffetzen erwischt und aus dem Sack reißt.

Einen Augenblick lang scheint die Welt wie erstarrt. Dann ergießen sich die Äpfel über den Boden und ich werde rückwärts in die Luft geschleudert.

17

Der Aufprall auf dem festgestampften Boden der Ebene nimmt mir den Atem. Mein Rucksack federt den Schlag kaum ab. Zum Glück hat sich der Köcher in der Armbeuge verfangen, was sowohl meine Schulter schützt als auch ihn selbst, und meinen Bogen lasse ich sowieso nicht los. Der Erdboden wird noch immer von Explosionen erschüttert. Ich kann sie nicht hören. Fürs Erste kann ich gar nichts hören. Aber die Äpfel müssen genug Minen ausgelöst haben, dass die umherfliegenden Trümmer die anderen Minen zur Explosion bringen. Ich schütze mein Gesicht mit den Armen vor den teilweise brennenden Brocken, die auf mich herabregnen. Scharfer Rauch hängt in der Luft - nicht gerade günstig für jemanden, der nach Luft ringt.