Als ich die Augen öffne, sieht die Welt ein wenig gebrochen aus und es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass die Sonne schon hoch am Himmel steht und die Brille meine Sicht zersplittert. Ich setze mich auf und nehme sie ab, als ich irgendwo am See jemanden lachen höre. Ich erstarre. Das Lachen ist verzerrt, aber die Tatsache, dass ich es überhaupt bemerkt habe, bedeutet, dass ich offenbar mein Gehör wiederfinde. Ja, mein rechtes Ohr kann wieder hören, obwohl es noch immer klingelt. Und mein linkes Ohr, nun ja, das hat wenigstens aufgehört zu bluten.
Ich spähe durch die Büsche und befürchte, die Karrieros könnten zurück sein und mich hier auf unbestimmte Zeit festsetzen. Nein, es ist Fuchsgesicht, sie steht im Schutt der Pyramide und lacht. Sie ist schlauer als die Karrieros, sie findet in der Asche sogar noch ein paar nützliche Dinge. Einen Metalltopf. Eine Messerklinge. Es verblüfft mich, dass sie so guter Laune ist, aber dann wird mir klar, dass auch sie jetzt, da die Vorräte der Karrieros vernichtet sind, plötzlich eine Chance hat. Genau wie wir anderen. Einen Augenblick lang erwäge ich, mich zu zeigen und sie als zweite Verbündete gegen die Meute zu gewinnen, verwerfe die Idee dann aber. Etwas an ihrem listigen Grinsen sagt mir, dass ein Bündnis mit Fuchsgesicht irgendwann mit einem Messer in meinem Rücken enden würde. So gesehen wäre jetzt die Gelegenheit, sie zu erschießen. Aber da horcht sie auf. Sie hat etwas gehört; nicht mich, denn sie wendet das Gesicht in die andere Richtung, zum Abhang, und rennt schnurstracks in den Wald. Ich warte. Niemand, nichts ist zu sehen. Was immer es war - wenn Fuchsgesicht es für gefährlich hielt, ist es vielleicht auch für mich Zeit, hier wegzukommen. Außerdem möchte ich Rue unbedingt von der Pyramide erzählen.
Da ich keinen Anhaltspunkt habe, wo die Karrieros suchen, erscheint mir der Weg zurück durch den Bach so gut wie jeder andere. Ich laufe los, den gespannten Bogen in der einen Hand, ein Stück Grusling in der anderen, denn jetzt habe ich Hunger, und zwar nicht nur auf Blätter und Beeren, sondern auf Fett und Eiweiß. Der Weg zum Bach verläuft ereignislos. Dort angekommen, fülle ich meine Flasche auf und wasche mich, wobei ich mich besonders um das verletzte Ohr kümmere. Dann marschiere ich bergauf, immer durch den Bach. An einer Stelle entdecke ich Stiefelabdrücke im Uferschlamm. Die Karrieros waren hier, aber das muss schon länger her sein. Die Abdrücke sind tief, weil der Schlamm weich war, doch inzwischen hat die heiße Sonne sie fast getrocknet. Bisher habe ich kaum auf meine eigenen Spuren geachtet, ich habe mich auf meinen leichten Gang verlassen und bin davon ausgegangen, dass die Kiefernnadeln die Spuren verdecken. Jetzt ziehe ich die Stiefel aus und gehe barfuß durchs Bachbett.
Das kühle Wasser erfrischt meinen Körper und weckt die Lebensgeister. Ich schieße zwei Fische, leichte Beute in dem langsamen Gewässer, und während ich weitergehe, esse ich den einen roh, obwohl ich gerade erst den Grusling verspeist habe. Den zweiten hebe ich für Rue auf.
Das Klingeln im Ohr wird immer schwächer, bis es schließlich ganz verschwunden ist. Regelmäßig fasse ich an mein linkes Ohr und versuche herauszufinden, warum es keine Geräusche mehr einfängt. Sollte es sich gebessert haben, so merke ich jedenfalls nichts davon. An die Taubheit im Ohr kann ich mich nicht gewöhnen. Es fühlt sich so an, als wäre ich aus dem Gleichgewicht geraten und auf der linken Seite wehrlos. Regelrecht blind. Immer wieder drehe ich den Kopf zur verletzten Seite und versuche mit dem rechten Ohr die Mauer des Nichts auszugleichen, die dort ist, wo noch gestern stetig Informationen flössen. Je länger es dauert, desto geringer meine Hoffnung, dass diese Verletzung je wieder heilen wird.
Als ich zu der verabredeten Stelle komme, bin ich mir sicher, dass niemand hier gewesen ist. Von Rue keine Spur, nicht auf dem Boden und nicht in den Bäumen. Das ist merkwürdig. Sie müsste längst zurück sein, es ist schon Mittag. Zweifellos hat sie die Nacht irgendwo in einem Baum verbracht. Etwas anderes blieb ihr kaum übrig, ohne Licht, während die Karrieros mit ihren Nachtsichtbrillen durch den Wald stapften. Außerdem war das dritte Feuer, das sie entzünden sollte - darauf habe ich gestern Abend ganz vergessen zu achten -, am weitesten von dieser Stelle hier entfernt. Wahrscheinlich ist sie einfach nur vorsichtig, was den Rückweg angeht. Mir wäre lieber, sie würde sich beeilen, denn ich will hier nicht allzu lange herumhocken. Ich würde den Nachmittag gern nutzen, um in höheres Gelände zu gelangen und unterwegs zu jagen. Aber im Grunde bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten.
Ich wasche das Blut aus Jacke und Haar und säubere meine Wunden, die immer mehr werden. Die Verbrennungen sehen schon viel besser aus, aber ich salbe sie trotzdem ein. Ich muss jetzt vor allem verhindern, dass sie sich entzünden. Dann esse ich den zweiten Fisch. In der Sonne würde er sich sowieso nicht lange halten und es dürfte kein Problem sein, für Rue noch mehr zu schießen. Wenn sie nur endlich auftauchen würde.
Mit meinem einseitigen Gehör fühle ich mich auf dem Boden zu verwundbar, deshalb erklimme ich einen Baum und warte dort. Falls sich die Karrieros zeigen, könnte ich von hier aus prima auf sie schießen. Langsam wandert die Sonne weiter. Ich versuche mir die Zeit zu vertreiben. Kaue Blätter und lege sie auf meine Stiche, die abgeschwollen, aber immer noch empfindlich sind. Kämme mit den Fingern mein feuchtes Haar und flechte es. Schnüre die Stiefel wieder zu. Kontrolliere den Bogen und die verbliebenen neun Pfeile. Raschele probeweise mit einem Blatt an meinem linken Ohr, aber ohne Erfolg.
Trotz Grusling und Fisch grummelt mein Magen. Ich weiß, dass es für mich ein hohler Tag werden wird. So nennen wir in Distrikt 12 einen Tag, an dem man sich so vollstopfen kann, wie man will, und trotzdem nicht satt wird. Dass ich nichts zu tun habe, als im Baum zu sitzen, macht es noch schlimmer, deshalb beschließe ich nachzugeben. In der Arena habe ich ja einiges an Gewicht verloren, ich brauche ein paar zusätzliche Kalorien. Und seit ich Pfeil und Bogen habe, bin ich viel zuversichtlicher geworden.
Langsam knacke ich eine Handvoll Nüsse und esse sie. Meinen letzten Kräcker. Den Hals des Gruslings. Das ist gut, weil es dauert, bis ich ihn ganz abgenagt habe. Zum Schluss noch einen Gruslingflügel, dann ist der Vogel Vergangenheit. Aber wie gesagt, es ist ein hohler Tag und deshalb träume ich trotzdem von noch mehr Essen. Vor allem von den dekadenten Speisen, die uns im Kapitol aufgetischt wurden. Hühnchen in Orangen-Sahne-Soße. Kuchen und Puddings. Brot mit Butter. Nudeln in grüner Soße. Lammeintopf mit Backpflaumen. Ich sauge ein paar Minzeblätter aus und befehle mir, mich damit zufriedenzugeben. Minze ist gut, weil wir zu Hause nach dem Mittagessen oft Pfefferminztee trinken, sodass mein Magen jetzt denkt, die Essenszeit ist vorbei. Theoretisch zumindest.
Hoch oben in meiner Astgabel, in der wärmenden Sonne, Minzeblätter im Mund, Pfeil und Bogen in Reichweite … so entspannt wie jetzt war ich noch nie, seit ich die Arena betreten habe. Wenn nur Rue auftauchen würde und wir verschwinden könnten. Je länger die Schatten werden, desto unruhiger werde ich. Am späten Nachmittag beschließe ich, mich auf die Suche zu machen. Zumindest kann ich zu der Stelle gehen, wo sie das dritte Feuer entzünden wollte, und nachsehen, ob sich dort Hinweise auf ihren Verbleib finden.
Bevor ich aufbreche, streue ich ein paar Minzeblätter rings um unser altes Lagerfeuer. Da wir sie ein Stück entfernt gesammelt haben, wird Rue verstehen, dass ich hier war. Den Karrieros werden sie nichts sagen.