Aber ich kann den Blick nicht von Rue wenden, kleiner denn je liegt sie da, ein Tierbaby, zusammengerollt wie in einem Nest. Ich bringe es nicht über mich, sie einfach so zu verlassen. Sie hat alle Qualen überstanden, aber sie sieht so wehrlos aus. Es wäre unangebracht, den Jungen aus Distrikt 1 zu hassen, der im Tod doch auch so verletzlich wirkt. Ich hasse das Kapitol, das uns allen dies antut.
Gales Worte fallen mir ein. Seine wirren Reden gegen das Kapitol erscheinen mir jetzt nicht mehr ohne Sinn, ich kann sie nicht länger abtun. Rues Tod hat mich gezwungen, mich meinem eigenen Zorn über die Grausamkeit zu stellen, über das Unrecht, das sie uns antun. Aber hier fühle ich mich noch ohnmächtiger als zu Hause. Es gibt keine Möglichkeit, es dem Kapitol heimzuzahlen. Oder?
Da fällt mir ein, was Peeta damals auf dem Dach gesagt hat: »Ich wünsche mir nur, mir würde etwas einfallen, wie … wie ich dem Kapitol zeigen kann, dass sie mich nicht besitzen. Dass ich mehr bin als eine Figur in ihren Spielen.« Und zum ersten Mal verstehe ich, was er meint.
Ich möchte hier und jetzt etwas tun, das sie beschämt, das sie zur Verantwortung zieht und ihnen zeigt, dass jeder Tribut etwas hat, das sie nicht bekommen werden, was sie auch tun und wozu sie uns auch zwingen. Dass Rue mehr war als eine Figur in ihren Spielen. Und ich auch.
Ein paar Schritte entfernt im Wald wachsen wilde Blumen. Vielleicht nur Unkraut, aber ihre Blüten haben wunderschöne Formen in Lila, Gelb und Weiß. Ich pflücke einen ganzen Armvoll und gehe zurück zu Rue. Langsam, Stiel für Stiel, schmücke ich ihren Körper mit den Blüten. Verdecke die hässliche Wunde. Bekränze ihr Gesicht. Webe ihr leuchtende Farben ins Haar.
Das müssen sie zeigen. Und falls sie die Kameras doch lieber abwenden, müssen sie zumindest zeigen, wie die Leichen abgeholt werden, und dann werden alle sie sehen und wissen, dass ich das getan habe. Ich trete zurück und schaue Rue ein letztes Mal an. Wie sie so daliegt, könnte sie auch auf der Wiese aus dem Lied liegen und schlafen.
»Leb wohl, Rue«, flüstere ich. Ich lege die drei mittleren Finger meiner linken Hand an die Lippen und strecke sie zu ihr. Dann gehe ich fort, ohne mich umzuschauen.
Die Vögel verstummen. Irgendwo stößt ein Spotttölpel den Warnruf aus, der das Hovercraft ankündigt. Ich weiß nicht, woher der Vogel es weiß. Er hat wohl bessere Ohren als wir Menschen. Ich bleibe stehen, schaue nach vorn, nicht zurück. Bald aber hebt der allgemeine Gesang der Vögel wieder an und ich weiß, dass sie fort ist.
Ein anderer Spotttölpel, dem Anschein nach ein Jungvogel, landet auf einem Zweig vor mir und trällert Rues Melodie. Mein Lied und der Warnruf waren für diesen Anfänger noch zu neu, aber Rues kleine Melodie hat er sich angeeignet. Die Melodie, die mir verkünden sollte, dass sie in Sicherheit war.
»Sicher und wohlauf«, sage ich, während ich unter dem Ast hindurchgehe. »Jetzt müssen wir uns nicht mehr um sie sorgen.« Sicher und wohlauf.
Ich habe keine Ahnung, wohin ich gehen soll. Das kurze Heimatgefühl, das ich diese eine Nacht mit Rue hatte, ist verschwunden. Meine Füße tragen mich hierhin und dorthin, bis die Sonne untergeht. Ich habe keine Angst, bin nicht mal wachsam. Was mich zur leichten Beute macht. Aber ich würde jeden töten, der mir über den Weg läuft. Ohne mit der Wimper zu zucken und ohne das leiseste Zittern der Hand. Mein Hass auf das Kapitol hat meinen Hass auf meine Gegner kein bisschen verringert. Besonders auf die Karrieros. Sie wenigstens kann ich für Rues Tod bezahlen lassen.
Aber es taucht niemand auf. Wir sind nicht mehr viele und die Arena ist groß. Bald werden sie irgendeinen Trick aus dem Hut ziehen, um uns zusammenzutreiben. Doch für heute ist genug Blut geflossen. Vielleicht bekommen wir sogar ein bisschen Schlaf.
Ich hieve gerade meine Bündel auf einen Baum, um dort mein Lager aufzuschlagen, als ein silberner Fallschirm heruntergesegelt kommt und vor meinen Füßen landet. Das Geschenk eines Sponsors. Aber warum jetzt? Ich bin ganz gut versorgt. Vielleicht hat Haymitch meine Niedergeschlagenheit bemerkt und versucht mich ein bisschen aufzuheitern. Oder ist es etwas für mein Ohr?
Ich öffne den Fallschirm und finde einen kleinen Laib Brot. Keiner von den feinen weißen wie im Kapitol. Es ist sichelförmig, aus dunklem Rationsgetreide, mit Körnern bestreut. Ich erinnere mich an die Lektion über die unterschiedlichen Brote in den einzelnen Distrikten, die Peeta mir im Trainingscenter gehalten hat. Dieses Brot stammt aus Distrikt 11. Behutsam hebe ich den noch warmen Laib auf. Was muss es die Bewohner von Distrikt 11 gekostet haben, die sich nicht einmal selbst ernähren können? Wie viele von ihnen mussten sich das bisschen Geld vom Mund absparen, um zur Sammlung für diesen einen Laib Brot beizutragen? Es war für Rue bestimmt, ganz sicher. Aber anstatt das Geschenk zurückzuziehen, als sie starb, haben sie Haymitch ermächtigt, es mir zu geben. Als Dankeschön? Oder weil sie wie ich Schulden nicht gern unbeglichen lassen? Wie dem auch sei, dies ist eine Premiere. Ein Geschenk für einen Tribut aus einem anderen Distrikt.
Ich schaue nach oben und trete in die letzten Sonnenstrahlen. »Ich danke dem Volk aus Distrikt 11«, sage ich. Sie sollen wissen, dass ich weiß, woher es kommt. Dass der volle Wert ihres Geschenks erkannt wurde.
Gefährlich hoch klettere ich in den Baum, nicht um mich in Sicherheit zu bringen, sondern um mich so weit wie möglich vom heutigen Tag zu entfernen.
Mein Schlafsack befindet sich ordentlich aufgerollt in Rues Bündel. Morgen werde ich die Vorräte sichten. Morgen werde ich einen neuen Plan machen. Aber heute Nacht kann ich mich nur noch festschnallen und kleine Bissen von dem Brot essen. Es ist gut. Es schmeckt nach Heimat.
Bald erscheint das Wappen am Himmel und die Hymne erklingt in meinem rechten Ohr. Ich sehe den Jungen aus Distrikt 1, Rue. Für heute Abend ist das alles. Jetzt sind wir noch sechs, denke ich. Nur noch sechs. Mit dem Brot in der Hand schlafe ich ein.
Manchmal, wenn alles ganz schlimm ist, schenkt mein Gehirn mir einen schönen Traum. Einen Ausflug in den Wald mit meinem Vater. Eine Stunde mit Prim bei Sonnenschein und Kuchen. Heute Nacht schickt es mir Rue, die, noch immer blumenbedeckt, hoch oben in einem Meer von Bäumen sitzt und mir beizubringen versucht, wie man mit den Spotttölpeln spricht. Ich sehe keine Anzeichen von Wunden, kein Blut, nur ein fröhlich lachendes Mädchen. Mit einer hellen, melodischen Stimme singt sie Lieder, die ich noch nie gehört habe. Immer weiter. Die ganze Nacht hindurch. Zwischendurch gibt es eine Tiefschlafphase, in der ich die letzten Töne ihrer Musik hören kann, obwohl Rue zwischen den Blättern verschwunden ist. Als ich ganz aufwache, fühle ich mich einen Augenblick getröstet. Ich versuche die friedvolle Stimmung des Traums festzuhalten, aber sie entgleitet mir rasch und lässt mich trauriger zurück denn je.
Eine Schwere erfüllt meinen Körper, als würde flüssiges Blei durch meine Adern fließen. Mir fehlt der Wille, die einfachsten Aufgaben anzugehen, irgendetwas anderes zu tun, als hier zu liegen und durchs Blätterdach zu starren. Mehrere Stunden lang liege ich reglos da. Auch diesmal ist es der Gedanke an Prims besorgtes Gesicht, wie sie mich zu Hause vor dem Fernseher anschaut, der mich aus meiner Lethargie reißt.
Ich erteile mir eine Reihe von einfachen Befehlen: »Jetzt stehst du auf, Katniss. Jetzt musst du was trinken, Katniss.« Mit langsamen, mechanischen Bewegungen komme ich den Befehlen nach. »Jetzt musst du die Bündel sortieren, Katniss.«
Rues Bündel enthält meinen Schlafsack, ihren fast leeren Wasserbeutel, eine Handvoll Nüsse und Wurzeln, etwas Kaninchen, ihre Ersatzsocken und ihre Zwille. Der Junge aus Distrikt 1 hat mehrere Messer, zwei Reservespeerspitzen, eine Taschenlampe, einen kleinen Lederbeutel, ein Erste-Hilfe-Set, eine volle Flasche Wasser und eine Packung Trockenobst. Eine Packung Trockenobst! Ausgerechnet, bei der Auswahl, die er hatte. Welch Zeichen extremer Arroganz. Wozu auch Essen mitnehmen, wenn man so viel im Lager hat? Wenn man seine Feinde so schnell töten wird, dass man zu Hause ist, ehe sich der Hunger meldet? Ich kann nur hoffen, dass die anderen Karrieros ebenso wenig vorgesorgt haben und jetzt vor dem Nichts stehen.