Aber apropos, mein eigener Vorrat neigt sich ebenfalls dem Ende zu. Ich esse den Rest von dem Brotlaib aus Distrikt 11, dazu das letzte Stück Kaninchen. Wie schnell das Essen verschwindet. Ich habe nur noch Rues Wurzeln und Nüsse, die Trockenfrüchte von dem Jungen und einen Streifen Rindfleisch. Jetzt musst du jagen, Katniss, sage ich mir.
Gehorsam verstaue ich die Vorräte, die ich mitnehmen möchte, in meinem Rucksack. Nachdem ich vom Baum heruntergeklettert bin, verstecke ich die Messer und Speerspitzen des Jungen unter einem Stapel Steine, damit niemand sie wegnimmt. Durch das Herumwandern gestern Abend habe ich die Orientierung verloren, aber ich versuche, grob die Richtung zum Bach einzuschlagen. Als ich an Rues drittem, nicht entzündetem Feuer vorbeikomme, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Kurz darauf entdecke ich eine Schar Gruslinge, die in den Bäumen hocken, und ehe sie sichs versehen, habe ich drei von ihnen erlegt. Ich kehre zu Rues Feuer zurück und zünde es an. Der starke Rauch ist mir egal. Wo bist du, Cato?, denke ich, während ich die Vögel und Rues Wurzeln brate. Ich warte hier auf dich.
Wo mögen die Karrieros jetzt sein? Entweder zu weit weg, um mich zu finden, oder zu sicher, dass es eine List ist, oder … Kann das sein? Haben sie Angst vor mir? Natürlich wissen sie, dass ich Pfeil und Bogen habe, Cato hat gesehen, wie ich sie der toten Glimmer abgenommen habe. Aber haben sie schon eins und eins zusammengezählt? Wissen sie, dass ich die Vorräte in die Luft gejagt und ihren Kumpel getötet habe? Möglicherweise halten sie Thresh für den Täter. Wäre es nicht wahrscheinlicher, dass er Rues Tod rächt und nicht ich? Wo sie doch aus demselben Distrikt stammen? Nicht dass er sich je für sie interessiert hätte.
Und was ist mit Fuchsgesicht? War sie in der Nähe, als ich die Vorräte hochgejagt habe, und hat alles mit angesehen? Nein. Als ich sie am nächsten Morgen ertappte, wie sie lachend in der Asche stocherte, sah sie aus, als hätte ihr jemand eine nette Überraschung bereitet.
Sie werden wohl kaum denken, Peeta hätte das Signalfeuer angezündet. Cato geht davon aus, dass Peeta so gut wie tot ist. Auf einmal würde ich Peeta gern von den Blumen erzählen, die ich auf Rue gelegt habe. Ihm sagen, dass ich jetzt verstehe, was er mir auf dem Dach mitteilen wollte. Falls er die Spiele gewinnt, wird er mich vielleicht in der Nacht des Siegers auf der Großbildleinwand sehen, wenn die Höhepunkte der Spiele noch einmal gezeigt werden. Der Sieger hat einen Ehrenplatz auf der Bühne, umringt von seinem Team.
Aber ich habe Rue versprochen, dass ich dort sitzen würde. Für uns beide. Und das erscheint mir noch wichtiger als mein Schwur gegenüber Prim.
Zum ersten Mal glaube ich, dass ich eine Chance habe. Dass ich gewinnen kann. Nicht nur wegen meiner Pfeile und weil ich die Karrieros mehrmals überlistet habe, auch wenn das dazu beiträgt. Als ich Rues Hand hielt und zusah, wie das Leben aus ihr wich, da ist etwas passiert. Ich bin jetzt fest entschlossen, sie zu rächen, ihren Verlust unvergesslich zu machen, und das kann ich nur, indem ich gewinne und mich selbst damit unvergesslich mache.
Ich brate die Vögel in der Hoffnung, dass jemand auftaucht und versucht zu schießen, aber vergeblich. Vielleicht schlagen sie sich irgendwo da draußen gegenseitig die Köpfe ein. Was mir sehr recht wäre. Seit dem Gemetzel am Füllhorn war ich sicher öfter auf dem Bildschirm zu sehen, als mir lieb ist.
Irgendwann packe ich mein Essen ein und gehe zurück zum Bach, um meinen Wasservorrat aufzufüllen und ein bisschen zu sammeln. Doch dann befällt mich wieder die trübe Stimmung von heute Morgen, und obwohl es noch früh am Abend ist, klettere ich auf einen Baum und bereite mein Nachtlager.
Ich durchlebe wieder die Ereignisse des gestrigen Tages. Immer wieder sehe ich, wie Rue durchbohrt wird, wie mein Pfeil sich in den Hals des Jungen senkt. Ich weiß überhaupt nicht, weshalb ich einen Gedanken an den Jungen verschwende.
Dann wird es mir klar … Er ist der erste Mensch, den ich getötet habe.
Neben anderen Statistiken, die eingeblendet werden, damit die Leute ihre Wetten platzieren können, zeigen sie für jeden Tribut auch immer die Anzahl der Tötungen. Wahrscheinlich rechnen sie mir den Tod von Glimmer und dem Mädchen aus Distrikt 4 an, weil ich das Nest auf sie habe fallen lassen. Aber der Junge aus Distrikt 1 war der erste Mensch, den ich gezielt getötet habe. Zahllose Tiere haben ihr Leben durch meine Hand verloren, aber erst ein Mensch. Ich höre Gale sagen: »Wo ist der Unterschied?«
Was den Akt angeht, so ist er erstaunlich ähnlich. Ein gespannter Bogen, ein abgeschossener Pfeil. Aber das ist auch schon alles. Ich habe einen Jungen getötet, von dem ich nicht mal den Namen weiß. Irgendwo weint jetzt seine Familie um ihn. Seine Freunde wollen mein Blut sehen. Vielleicht hatte er eine Freundin, die fest daran geglaubt hat, er würde zurückkommen …
Aber dann denke ich an Rues reglosen Körper und ich kann den Jungen aus meinen Gedanken verscheuchen. Zumindest für den Moment.
Der Himmel schweigt, offenbar ein ereignisloser Tag. Keine Toten. Ich frage mich, wie viel Zeit sie uns lassen, bis die nächste Katastrophe uns wieder zusammentreibt. Falls es heute Nacht passiert, möchte ich vorher ein wenig geschlafen haben. Ich bedecke mein gutes Ohr, um die nervtötende Hymne auszublenden, aber dann höre ich Fanfaren und setze mich gespannt auf.
Für gewöhnlich ist das nächtliche Totengeläut die einzige Art von Kommunikation mit der Außenwelt. Doch ab und zu erklingen Fanfaren, gefolgt von einer Durchsage. Meistens ist es die Einladung zu einem Festmahl. Wenn die Nahrung knapp ist, laden die Spielmacher die Spieler zu einem Bankett an einem Ort ein, den alle kennen, wie zum Beispiel das Füllhorn - ein Ansporn, zusammenzukommen und zu kämpfen. Manchmal gibt es dann tatsächlich ein Festmahl, manchmal liegt aber auch nur ein Laib altbackenes Brot da, um den sich die Tribute schlagen müssen. Wegen des Essens würde ich nicht hingehen, aber es könnte die ideale Gelegenheit sein, ein paar Konkurrenten zu erledigen.
Claudius Templesmiths Stimme dröhnt auf uns herab und gratuliert den sechs Übriggebliebenen. Er hat kein Festmahl in petto. Er sagt etwas sehr Verwirrendes. Die Spielregeln sind geändert worden. Eine Regeländerung! Das allein ist schon verrückt, denn Regeln, die diesen Namen verdient hätten, gibt es eigentlich keine. Abgesehen davon, dass man in den ersten sechzig Sekunden die Scheibe nicht verlassen darf, und von dem unausgesprochenen Verbot, einander zu verspeisen. Die neue Regel besagt, dass beide Tribute aus demselben Distrikt zu Siegern erklärt werden, falls sie die beiden letzten Überlebenden sind. Claudius macht eine Pause, als wüsste er, dass wir nicht ganz mitkommen, und wiederholt die Änderung noch einmal.
Langsam erfasse ich, was das bedeutet. Zwei Tribute können dieses Jahr gewinnen. Wenn sie aus demselben Distrikt stammen. Beide dürfen leben. Wir beide dürfen leben.
Bevor ich mich zurückhalten kann, rufe ich laut Peetas Namen.
Teil 3
Der Sieger
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